Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 9.1898

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Bücherschau.

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schauen. Auch wer sich bemüht, den verschiedensten
Richtungen der modernen Malerei gerecht zu werden,
und sich neben den Realisten und Naturalisten noch
Sinn für die Idealisten und Symbolisten bewahrt hat,
wird in Hendrich's Gemälden nichts weiter sehen als
schlimme Unnatur, die mit ein bischen Routine in
Scene gesetzt ist. In denselben Tagen, wo die ganze
gebildete Welt Böcklins Jubiläum feierte, wurde in
Dresden Hendrich, sein schwächlicher Nachahmer, als
„ein echter Poet in Farben und als ein Dichter von
Gottes Gnaden« gepriesen und seinen Nixenbildern
und Schilderungen des Meeres ein unsagbarer Zauber
nachgerühmt. Man traut seinen Augen kaum, wenn
man dergleichen liest und mit ansehen muss, wie ge-
ring doch immer der Sinn für das Echte ist, und wie
dafür das Surrogat in den Himmel erhoben wird.
Wir brauchen noch viele internationale Ausstellungen
von der Güte unserer ersten, wem wir annehmen
müssten, dass das Publikum auf eine derartige Reklame
hereinfallen könnte. Leider waren die übrigen Bilder
des neuen Salons nicht geeignet, den ungünstigen j
Eindruck von Hendrich's Arbeiten zu verscheuchen.
Denn weder „Die heilige Familie" Fritz von Uhdes,
noch gar die Frauengestalt Gabriel Max's mit dem
sonderbaren Namen „Sidesia" erwiesen sich als ihrer
Urheber würdig, und selbst an Max Liebennann's
»weidender Kuh", einer flotten Pastellstudie, störte der
Eindruck übertriebener Buntheit. Bei Erich Ku-
bierschky's Landschaften und den seltsam manirirten
Strandbildern Julius Wengel's konnte man nur mit
Bedauern einen entschiedenen Rückschritt konstatiren,
und vor Dettmann's allerdings recht geschickt gemal-
ter „Überführung der Leiche Kaiser Wilhelms I.
nach dem Dome" fragte man sich, was dieses einst in-
teressante Sensationsbild heute nach so vielen Jahren
noch in Dresden soll. Kurzum, es ist sehr schön,
dass wir einen zweiten Kunstsalon in Dresden haben,
aber Herr Wolffram wird gut thun, ihn mit besseren
Arbeiten wie bisher auszustatten, wenn er verlangt,
dass wir sein Unternehmen ernstlich berücksichtigen
sollen.

Die Kunsthandlung von Ernst Arnold (Inhaber:
Adolf Gutbier) hat sich während der letzten Monate
darauf beschränkt, zwei Specialausstellungen ins Leben
zu rufen, die ihrer Natur nach nur für einen kleineren
Kreis von Liebhabern und Kennern, kaum jedoch für
die breitere Masse der Kunstfreunde von Interesse
waren. In ihren Ausstellungsräumen in der Schloss-
strasse führte sie eine Sammlung von 932 Photogra-
phien antiker Skulpturen, die nach den Originalen
aufgenommen sind, vor und in ihrem Kunstsalon an
der Ecke des Altmarktes und der Wilsdruffer Strasse
stellte sie eine höchst instruktiv ausgewählte Kollektion
von alten japanischen Farbenholzschnitten echten
japanischen Bronzen und Erzeugnissen japanischer

Keramik aus, die aufs neue den vollendeten Kunst-
geschmack jenes um seine eigenartige Kultur zu be-
neidenden Volkes bewiesen. Über die Sammlung
der Photographien nach antiken Skulpturen, die man
wohl ein Museum nennen kann, und die ein Gegen-
stück zu dem früher im gleichen Verlage erschienenen
„Museum der italienischen Malerei" bildet, hat Dr. Paul
Herrmann, Direktorial-Assistent an der Kgl. Skulpturen-
sammlung zu Dresden, gemeinsam mit Adolf Gutbier
einen wissenschaftlichen Katalog herausgegeben, der
sich als ein ebenso zuverlässiger als bequemer Führer
für alle diejenigen erweist, die sich für ihre archäolo-
gischen Studien oder für Unterrichtszwecke Nachbil-
dungen von Werken der griechischen Plastik zulegen
wollen. Das Gesamtwerk, das ungefähr goo Original-
Photographien umfasst, kostet 1700 Mark und erscheint
uns nebenden grossartig angelegten „Denkmälern grie-
chischer und römischer Skulptur", die von Heinrich
Brunn und Paul Arndt herausgegeben werden und
neben dem„ Klassischen Skulpturenschatz" von Reberund
Bayersdorfer entbehrlich. Um so wertvoller aber dürfte
der Nachweis der einzelnen Photographien sein, deren
Preis im Katalog verzeichnet ist, aus dem man auch
den gegenwärtigen Aufbewahrungsort der betreffenden
Skulpturen ersehen kann. Da es sich bei dieser Samm-
lung nicht um eine in grösserer Auflage erschienene
Publikation handelt, ist der Bezug durch den Buch-
und Kunsthandel ausgeschlossen. Reflektanten werden
gebeten, sich direkt mit der Firma in Verbindung zu
setzen. Während der zu Michaelis in Dresden zu-
sammengetretenen Versammlung deutscher Philologen
und Schulmänner war die ganze Kollektion in den
Räumen des Albertinums ausgestellt und auf diese
Weise gerade denjenigen Kreisen, an die sie sich zu-
nächst wendet, bequem zugänglich gemacht. Wir
wünschen, dass die Lehrer an unseren Gymnasien,
denen die Notwendigkeit, auch die antike Kunst im
Unterricht zu berücksichtigen, noch besonders durch
einen in die Festschrift aufgenommenen Aufsatz des
Rektors Bernhard über „Kunstgeschichtliches für die
Schule" nahegelegt wurde, die Wichtigkeit und Brauch-
barkeit des Herrmann'schen Verzeichnisses erkannt
haben mögen, und hoffen, dass überall die Mittel bereit
gestellt werden, die einen recht fleissigen Gebrauch
der dort aufgeführten Schätze ermöglichen.

BÜCHERSCHAU.

* Meyers Konversationslexikon. Fünfte Auflage. In
17 Bänden liegt jetzt die neue Auflage dieser Encyklopädie
vollendet vor, die sich neben dem ehrwürdigen Brockhaus
nicht nur behauptet, sondern sich auch eine selbständige
Bedeutung errungen .hat, deren Schwerpunkt vornehmlich
in wissenschaftlicher Vertiefung bei durchaus allgemein ver-
ständlicher Fassung liegt. Dieser wissenschaftliche Ernst, der
dem Unternehmen sein Gepräge giebt, ist gleichmässig über
alle Teile des menschlichen Wissens ausgedehnt worden, und
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