Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 9.1898

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Qualität mustergültigen Werken zur Zeit noch sind, so
zeigt doch die Art und Weise, wie diese wenigen
Dinge zusammengeordnet sind, dass die Leitung des
Museums mit lebendigem Gefühl für künstlerische
Qualität bei ihren Vermehrungen wird auszuwählen
wissen.

Den Kern der kunstgewerblichen Sammlung bildet
die von Herrn Albert Oetker gestiftete Sammlung des
Konservators Kramer in Kempen, die für 55000 M.
im August dieses Jahres erworben worden ist. Sie
enthält gute niederrheinische Möbel, wie den schönen
Wachtendonker Schrank mit Eisenbeschlag, eine An-
zahl hervorragender Schnitzarbeiten von 1450 bis 1530,
ein paar Rüstungen, gemalte Scheiben, Steinzeug und
Gläser. Teils im gotischen, teils im niederdeutschen
Renaissanceraum sind diese Gegenstände aufgestellt.
Eine Gruppe für sich bilden wieder die Gegenstände
des 18. Jahrhunderts. Unter dem wenigen Porzellan
sind doch einige gute und seltene Stücke. Am dürf-
tigsten ist das Empirezimmer bestellt; eine Marmor-
büste Napoleons I. beherrscht es fast allein. Behag-
lich anzuschauen ist ein kleines modernes englisches
Zimmer, und als sollte die Weite des Horizontes an-
gedeutet werden, innerhalb dessen die Crefelder Samm-
lung sich entwickeln soll, auch Japan und China fehlen
nicht durch einige sehenswerte Stücke.

Im Obergeschoss breitet sich in allen Sälen eine
Kunstausstellung aus, die mit Entschiedenheit neben
den Werken bewährter älterer Künstler mit den neues-
ten in- und ausländischen Kunstströmungen bekannt
macht. Sie ist so modern, diese Ausstellung mit
ihren Worpswedern, Corinth, Eckmann, Leistikow,
Liebermann, Henri Martin, Meunier, Segantini, Wil-
lumsen, dass man die „Provinz" gar nicht mehr merkt.
Noch gesteigert wird dieser frische moderne Zug in der
keramischen Abteilung, wo wir die Werkstätten neuer
Formen und Glasuren — Alexandre Bigot; Dalpayrat,
Lesbros & Cie.; Bing & Groendahl; Dammouse; De-
laherche; De Morgan, William & Co.; A. W. Finch;
Willumsen —, kurz fast alle, die sich auf dem Gebiete
hervorgethan haben, meist mit ganz ausgezeichneten
Arbeiten vertreten finden. Auch Ernst Moritz Geygers
Spiegel ist da, dann Galle und Tiffany.

Gewiss ist es verdienstlich, gerade diese meister-
haften modernen Arbeiten künstlerischen Handwerks
nachdrücklich vorzuführen, und sie hinzustellen als
Gradmesser förmlich des heimischen Geschmacks. In
einer Zeit, die mit Recht sich abwendet von der
sklavischen Nachahmung alter Formen, muss das beste
Neue dieselbe stilbildende Kraft erweisen wie das gute
Alte. Und wenn es gelingt, die künstlerische Bedürftig-
keit des Publikums zu steigern, seinen Sinn für den
Wert künstlerischer Qualität und vollendeter tech-
nischer Arbeit zu beleben und so zu verwöhnen, dass
es selbst anspruchsvoller wird in allen Dingen künst- I

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lerischer Veredelung, dann wird es auch der Käufer
all der Herrlichkeiten werden, die ihm von Tag zu
Tag mehr vor die Augen treten. Dann wieder wird
wirklich gute Handwerkerarbeit geschätzt und bezahlt
werden. Die Erziehung des Publikums zum Konsu-
menten guter moderner Kunst — das ist der Sinn von
Veranstaltungen wie die Crefelder Ausstellung.

Dass auch das Museum selbst die Gelegenheit
zur Erwerbung moderner Arbeiten wie der Keramiken
wahrnimmt, ist natürlich, — und erfreulich, wenn es
gelingt, aus der Fülle des modisch Interessanten das
künstlerisch Starke zu wählen. Die etatmässigen Mittel
des Crefelder Museums sind freilich noch sehr geringe,
wie die der meisten provinzialen Sammlungen. Aber
bei dem regen Interesse, das die Bürgerschaft und die
Behörden der jungen Anstalt entgegenbringen, ist es
zu hoffen, dass das Museum die Unterstützung finden
wird, die es allein dem hohen Ziel, das es sich gestellt
hat, nähern kann. GRAUL.

BÜCHERSCHAU.

R. O. Die Wiener Gesellschaft für vervielfältigende
Kunst hat von jeher in ihren Publikationen sich bestrebt,
die Kunst der Illustration in aller Vollendung zu pflegen.
Besonders die Veröffentlichungen, die sie ihren Mitgliedern
alljährlich als besondere Prämie darzubieten pflegt, wie die
von Hans Schwaiger ilhtstrirten Phantasien im Bremer Rats-
keller und das von Heinrich Lefler illustrirte Andersensche
Märchen von der Prinzessin und dem Schweinehirt, sind
wirkliche Bereicherungen unserer künstlerischen Buchaus-
stattung. Die Gabe dieses Jahres bilden die Rolandsknappen
von Musäus. Heinrich Lefler und der Architekt Josef Urban
haben sich zusammengethan, um in einer mit Geschmack
altertümelnd modernen Weise das Märchen zu illustriren.
Das Werk erscheint in grossem Quartformat, und seine 36
Seiten sind mit viel Witz und Geschmack in einer Manier
mit Zeichnungen verbrämt, die dem orientalischen Charakter
des Märchens wohl entspricht. Dass in der ganzen Aus-
stattung ein vornehmer Sinn waltet und der Druck über
jedes Lob erhaben ist, bedarf bei einer Publikation der
Wiener Gesellschaft keiner besonderen Versicherung.

T. Berlin. — Das letzte Heft des Jahrbuches der Kgl.
preussischen Kunstsammlungen, die Zeit vom 1. April bis
30. Juni 1897 behandelnd, nennt als Neuerwerbungen und
Geschenke für die Abteilungen der Gemäldegalerie und
Bildwerke aus der christlichen Epoche eine Reihe hervor-
ragender Kunstwerke, die teilweise allerdings schon längere
Zeit dem Publikum zur Schau gestellt worden sind, aber
erst im Laufe der obengenannten Zeit definitiv in den Be-
sitz der Kgl. Museen übergingen. Ausser dem Porträt Hans
Holbeins aus dem Nachlasse Millais, dessen wir bereits
früher Erwähnung gethan haben, erwarb die Gemäldegalerie
das Profilbildnis eines jungen Mädchens aus der Galerie des
Lord Ashburnham. Das Bild galt, wie das ganz ähnliche
Porträt in der Sammlung Poldi-Pezzoli in Mailand, als ein
Werk des Piero della Francesca. Neuerdings wird es aber
dem Domenico Veneziano zugeschrieben. Das genannte
Heft des Jahrbuches enthält einen längeren Artikel Bodes,
der die hochbedeutende Neuerwerbung eingehend würdigt,
sowie eine Reproduktion des Bildes in Farbenholzschnitt von

Bücherschau.
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