Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 9.1898

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Ausstellung japanischer Buntdrucke.

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Teil ihre Arbeiten gezeichnet haben: Nicolo Veneto,
Semitecolo, LorenzoVeneziano u.a.m. Der Kopf eines
älteren Mannes in rotem Barett scheint neu der Samm-
lung einverleibt zu sein; man denkt an niemand anders
als Vittore Carpaccio. Ein ziemlich roher Pasqualino, ein
fraglicher Rondinelli, einige Bilder Basaitis, eine Ver-
kündigung Lazzaro Sebastianis und die kleine Reihe
zweifelhafter Bellini-Porträte sind das bedeutendste in
diesem Saal.

Wie glücklich war der Oedanke, die Hauptwerke
von Skulptur und Malerei aus der Masse des Mittel-
gutes herauszuheben und ihnen jenes reizende Eck-
zimmer anzuweisen, das ebenfalls vom Canal Grande
her eine Fülle von Licht erhält! Es heisst, dass dieser
kleine Raum den Namen „Tribuna" führen wird. Hier
hängen und stehen auf Staffeleien die Werke Bellinis1)
nebeneinander, hier sieht man das prächtige männliche
Porträt, das die einen dem Ansovino da Forli nach
einer unzuverlässigen Inschrift geben wollen, während
andere darin die Hand des Francesco Cossa erkennen.
Das prächtige männliche Bildnis, welches man neuer-
dings dem Ambrogio de Predis zugeschrieben hat, stellt
wohl nicht den Cesare Borgia dar, sondern jedenfalls
den Marchese von Pescara, den Gatten der Vittoria
Colonna. Merkwürdigerweise scheint man bis jetzt
noch niemals beachtet zu haben, dass sich das-
selbe Porträt in schlechterer Wiederholung in San
Domenico in Neapel befindet, und zwar ist es hier
in der Sakristei, wo die Aragonensärge stehen, eben
über dem Holzsarg des Ferrante d'Avalos aufgehängt.

Nachdem die Akademie so glücklich war, im
vorigen Jahre die reizende Madonnina des Cosimo
Tura zu erwerben, finden sich in Venedig drei wahre
Perlen der Kunst des grossen Ferraresen. Lady
Layard besitzt die phantastische Allegorie des Früh-
lings, die Corrersammlung die herbrealistische wunder-
bar ergreifende Pietä, die ebenfalls in der „Tribuna"
hängt. Hier sieht man weiter die beiden stark übermalten
Dogenporträte, das desGiovanni Mocenigo von Giovanni
Bellini, das des Francesco Foscari, vielleicht von Gentile.
Carpaccios reizendes Sittenbild aus dem Leben der
vornehmen Venezianerin präsentirt sich prächtig auf
besonderer Staffelei, von Alvise Vivarini sieht man in
neuem Holzrahmen — der alte elfenbeinerne passte
viel besser für dies kleine Juwel — den h. Antonius
v. Padua, ganz derselbe Typus, den wir auf dem
grossen Altarbilde des Meisters in der Akademie
wiederfinden. Das Triptychon des Antonio Vivarini
ist das unbedeutendste Bild unter dieser vornehmen
Auswahl von Meisterwerken der Malerei, zu denen sich
jetzt auch die beiden besten Porträtbüsten der Samm-

1) Auch die Pietä wird hier noch dem Oiov. Bellini
zugeschrieben, die heute fast allgemein als ein Werk des
Pennacchi gilt.

lung gesellt haben: die Bronzebüste eines Unbekannten
(Loredan?) von Riccio und die Marmorbüste des
Carlo Zeno, eine etwas trockene Arbeit aus der Schule
der Lombardi. Wer sich noch erinnern will, wie müh-
sam man früher alle diese Schätze in den verschie-
densten Sälen aus ermüdender Mittelmässigkeit heraus-
lesen musste, wird dies Gemach und seine Herrichtung
als den Triumph einer jahrelangen Arbeit preisen.

Auch die Handzeichnungen sind in den oberen
Räumen aufs beste angeordnet, aber leider sind nur
die späteren Venezianer vertreten: Tiepolo, Piazetta,
Quadri, Canaletto u. a. m.

Eine Leda mit dem Schwan gelangte erst vor
kurzem aus Privatbesitz an das Municipalmuseum und
ist in einem Nebengebäude im alten Palazzo Correr
dem Publikum zugänglich gemacht. Das Kolossal-
gemälde ist vielleicht die beste heute noch erhaltene
Kopie des berühmten und verloren gegangenen Bildes,
welches Michelangelo für Alfons von Ferrara gemalt hat.

AUSSTELLUNG JAPANISCHER BUNTDRUCKE
IM LEIPZIGER KUNSTGEWERBEMUSEUM.

Im Kunstgewerbe-Museum in Leipzig ist eine
kleine Sammlung wertvoller japanischer Buntdrucke
ausgestellt, deren Reichhaltigkeit und gute Auswahl
ein treffliches Material zum Studium jener fernen Kunst
liefert, die uns seit einiger Zeit so nah gerückt ist,
dass unsere Kunst selbst von ihr berührt worden ist.
Es ist daher sicher von Wert, in die Grundlagen und
Grundsätze dieser Kunst tiefer einzudringen, um besser
verstehen zu können, was eigentlich an ihr einen so
bedeutenden Einfluss auf die europäischen Künstler
geübt hat.

Die meisten werden wohl zuerst vor diesen uns
so fremden Blättern stehen und vergebens in ihnen
nach Unterschieden suchen; und das ist nur natürlich.
Denn die Fremdartigkeit des ganzen Prinzips, das zu
dem Beschauer aus diesen farbigen Drucken redet,
muss zuerst so beunruhigend wirken, dass man mit
dem Betrachten und dem Vertiefen nicht beginnen
kann, ehe man nicht das Prinzip selbst erkannt hat,
nach dem die japanischen Künstler verfuhren.

Die Anfänge der ganzen ostasiatischen Ästhetik
liegen im alten China. Die koreanische und japa-
nische Kunst hat nur ausgebaut und verfeinert, ohne
die Grundgesetze, die seit alters her geheiligt waren,
anzutasten. Und in zwei Grundgesetzen, die, von den
alten Chinesen zum Kunstdogma erhoben, bis heute
noch herrschen, liegt der ganze Unterschied ostasia-
tischer und europäischer Kunst, in dem Verwerfen
der Linearperspektive und dem Verbot der Schatten-
gebung. Diese beiden Verbote sind nicht willkürlich,
oder aus Mangel an Können als Richtschnur für die
Maler aufgestellt worden, sondern entspringen einem
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