Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 9.1898

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Bücherschau.

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verschieden ist von der japanisirenden Symbolistik Eu-
ropas, die sich bemüht, auf unsere Kunst dies fremde
Reis aufzupfropfen. Durch ihre lyrische Poesie, die
oft mit Naturbildern anfängt und aufhört, verbindet
die Japaner mit den meisten sie umgebenden Pflanzen,
Vögeln oder Kombinationen schon eine alte Bekannt-
schaft. Bei Brinckmann, Kunst und Handwerk in
Japan, sind einige solche Verse übersetzt, aus denen
man die innige Vertrautheit des Volkes mit seiner
Umgebung herausfühlt. So ein Volk ist mit der
Symbolik verwachsen. Aber wir haben seit lange
diese Ausdrucksweise verschmäht, das Volk steht nicht
mehr in Gefühlsverbindung mit ihr, und selbst der
Künstler grübelt oft lange, ehe er ein richtiges Symbol
gefunden hat. Was beim Japaner Natürlichkeit ist,
wird bei Nachahmern sofort Künstelei. Und das
geht so mit vielen andern Zweigen unserer Kunst, die
sich japanisirt haben.

Was können wir nun aber von den Japanern
lernen, ohne in unorganischeSpielereien und Künsteleien
zu verfallen?

Die Antwort darauf kann kurz so gegeben werden:
die Technik, die Farbe und bei Flächendekorationen
auch das Prinzip der Schattenlosigkeit, aber niemals
das, was als urasiatisch in unserer Kunst ein Fremd-
körper bleiben wird, die Negation der Perspektive, die
Symbolisirung von Stimmungen, für welche wir schon
andere Mittel haben, und vor allen Dingen nicht die
prinzipielle Verwerfung der Modellirung auf allen
Flächen. Lernen wir aus unsern Stilprinzipien ebenso
logische Folgerungen zu ziehen, wie die gelben
Künstler aus den ihren!

Betrachten wir nun von dem jetzt gewonnenen
Standpunkt aus die vorliegenden Blätter! DieSammlung
führt uns keine fertige Übersicht der langen Ent-
wicklungszeit vor, in der Farbenholzschnitte in Japan
gemacht werden. Viele der schönsten Blätter fehlen.
Den grössten Raum nehmen Utamaro's schon an der
Wende des Verfalles stehenden Kunststückchen ein. Aber
es sind noch genug Bilder da, die es lohnen, so lange
angesehen zu werden, bis man sie versteht, auch unter
den Werken des eben bezeichneten Künstlers. Denn
alle bis in die tiefste Verfallzeit, haben den gemein-
samen Vorteil, dass sie ganz logisch gedacht sind.
Man wundert sich vielleicht als Nichtjapaner über die
Linien und über die beiden eben besprochenen Mängel
an Perspektive und Schatten, aber wenn sie an der
Wand hängen, findet man fast alle einfach selbstver-
ständlich, wie man bei den Blättern, die einen isolirten
Platz an der Wand haben, leicht beobachten kann.
Einen Grund muss das haben, und der Grund ist auch
sofort zu finden. Alle diese Farbenholzschnitte sind
eben farbig empfunden; wenn der schwarze Holzstock
fertig war, fing erst die rechte Arbeit an. Dann be-
gann das Tönen mit zwei oder drei Platten oder mit

sechs und, wenn es noch nicht zusammenging, viel-
leicht mit dreizehn — gleich, über dem guten Gerüst
wollte man jedenfalls einen fein schillernden Überzug
haben, weil man doch nur darum die Riesenarbeit
auf sich nahm, in mehreren Platten übereinander zu
drucken. (Schluss folgt.) FRITZ SYDOW.

BÜCHERSCHAU.
Cleuen, Faul, Die Kunstdenkmäler der Rheinprovinz. III.

5. Kreis: Grevenbroich. Düsseldorf, 1897. 8°. Mit 5 Tafeln

und 36 Textabbildungen.
Der Kreis Grevenbroich ist an bedeutenden Kunst-
denkmälern nicht gerade reich. Von Wichtigkeit sind die
romanischen, leider mit Ölfarbe überstrichenen Bildhauer-
arbeiten in Gustorf, welche in guten Abbildungen wieder-
gegeben werden, ferner das zum Teil noch mittelalterliche
Schloss Hülchrath und das Schloss Dyck. Die Beschreibung
ist, wie wir das bei Clemen nicht anders gewohnt sind,
sehr klar und verständlich; die schwülstige Ausdrucks-
weise und die blumenreichen, sinnlosen unverdauten Rede-
wendungen, welche leider neuerdings an einzelnen Stellen
als Kennzeichen eines besonders „feinfühligen" Kunst-
historikers betrachtet werden, liegen ihm zum Glück fern
und nur ausnahmsweise erwartet man eine noch bestimmtere
Charakterisirung eines Kunstwerkes (z. B. reicht: „Stuckdecke
des 18. Jahrhunderts auf S. 57 nicht aus). — Mit dem vorliegen-
den Hefte wird die Beschreibung der Kunstdenkmäler des
Regierungsbezirks Düsseldorf abgeschlossen; in drei statt-
lichen Bänden liegt hier eine quellenmässige gründliche
und gewissenhafte Arbeit vor uns, auf welche die Rhein-
provinz und die deutsche Kunstwissenschaft stolz sein können.
Nur in einer Richtung erweckt sie ein Gefühl des Bedauerns,
dass sie unter den vielen ähnlichen derartigen Arbeiten in
Deutschland recht vereinsamt dasteht und nur wenig gleich-
wertige Genossinnen besitzt. Hermann ehrenberg.

Neubauten in Nordamerika. Herausgegeben von der
Schriftleitung der Blätter für Architektur und Kunsthand-
werk. Paul Oraef. 100 Lichtdrucktafeln mit Grundrissen
und erläuterndem Text. Mit einem Vorwort von K- Hinckel-
deyn, Königl. Oberbaudirektor. Berlin, Verlag von Julius
Becker.

Von der vorliegenden Publikation, die in ihrer Ge-
samtheit 100 Tafeln in 10 Lieferungen (ä M. 6.—) umfassen
soll, sind bis jetzt 3 Lieferungen erschienen. Schon diese
lassen es erkennen, dass wir es hier mit einem Unternehmen
zu thun haben, das nicht nur für Fachleute, sondern für
die weitesten Kreise von Interesse ist. Besonders im Woh-
nungsbau, in den Vorstadt- und Landhäusern wird in Amerika
zur Zeit Mustergültiges geschaffen, und nicht etwa nur den
praktischen Bedürfnissen entsprechendes,sondern auch Bauten
von hohem malerischen Reiz, wie uns die vorliegenden Ab-
bildungen lehren. Durch den letzteren Punkt unterscheiden
sich die amerikanischen Bauten vorteilhaft von den eng-
lischen, welche vorwiegend nur dem praktischen Werte
Rechnung tragen. Wir werden nach dem Erscheinen des
gesamten Werkes noch einmal ausführlich auf dasselbe ein-
gehen. Die umstehende Notiz soll nur dazu dienen, weitere
Kreise auf die Publikation aufmerksam zu machen. r.

Petersburg. — A. A. Neufrojew hat im Verlage von
Jefron einen „Führer durch die Gemäldegalerie der Eremi-
tage" veröffentlicht. Derselbe hat das handliche Format des
Baedeker und ist mit zahlreichen Abbildungen geschmückt.
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