Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 9.1898

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Kunstblätter.

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wo die Jünger Jesu, nach dessen Tod aus Furcht
ihre Zuflucht nahmen. Alle diese geduckten, zittern-
den Gestalten, in der dürftigen Gewandung der Ar-
mut, erinnern uns an das arme Bergwerkvolk Nagy-
bänyas, welches durch die harte Arbeit, kümmer-
liches Leben und Trostlosigkeit scheu die Befreiung
erwartet. Und sie kommt. Jesus erscheint in ihrer
Mitte, im weissen Leichenhemd, vom Haupte strahlt
fahles Licht auf die zitternden Leute, welche ihn
im Delirium der Befreiung umschwärmen, sich an
ihn schmiegen, den Saum seines Gewandes küssen.
Er aber, wie ein von Gott gesandter verheissender
Prophet, hebt sie zu sich empor und spricht jene
lapidaren Worte, mit welchen er all dies armselige
Volk zur Welteneroberung sandte.

Es ist ein kräftiges Temperament, das sich in
diesem Bilde offenbart. Einfache Breite spricht aus
dem Vortrag, ein Streben nach dem Wuchtigen, nach
dem Kraftstrotzenden in der Komposition und der
Zeichnung. Thorma erreichte schon im vorigen Jahre
mit seinen „Märtyrern von Arad" bedeutende Er-
folge, dies Bild aber steht an Kraft und Einfachheit
noch um vieles höher.

Die übrigen Bilder der nagybänyäer Sonder-
ausstellung zeichnen sich meist durch intime Poesie,
technische Fertigkeit, ungekünstelte Stimmung und
puritanische Einfachheit aus. Sehr gut sind Stefan
Rc'ti's kleine Bilder, Stimmungen und Zeichnungen,
dann Bela Qränwald's Abenddämmerungen, voll In-
timität und Feinheit. Oscar Olatz, der Monate hin-
durch einsam die Alpen von Meiramaros durchstreifte,
bringt aus jenen klaren und kalten Regionen eine
Masse Studien und stark individuelle Bilder aus
dem armseligen Naturleben walachischer Hirten. Jo-
seph Farago ist durch ein sehr charakteristisches
Porträt vertreten, Rubinyi durch stilisirte Landschaften.
Auch die übrigen Künstler verdienen volles Lob für
ihre schlichten und vom Konventionellen ganz be-
freiten Arbeiten.

Hochinteressant sind die Kartons der Illustratio-
nen des Prachtwerkes Joseph Kiss'. Dieser Dichter,
jetzt wohl der bedeutendste ungarische Lyriker, hatte
die Illustration seiner Werke der kleinen nagybänyäer
Künstlerkolonie anvertraut. Die Bilder, die so ent-
standen, sind von Simon Hollösy, Karl Ferenczy,
Stefan Re'ti, Bela Qriinwald und Johann Thorma. Es
sind meistens gross angelegte Stücke, einige darunter
fertige Atelierbilder. Das kraftvollste leistete Simon
Hollösy in seiner Illustration zu Kiss' „Feuer". Ein
zartes Märchen zeichnete Re'ti mit seltener Innigkeit.
Ferenczy bringt eine Reihe stilisirter Zeichnungen,
welche die Stimmung der Gedichte ausgezeichnet
charakterisirt. Es sind wohl die wertvollsten Illu-
strationen und das schönste Buch, das bisher in Un-
garn erschien.

Die Ausstellung erregte grosses Aufsehen und
heftige Polemik. Die hausbackene Kunst wehrte sich
verzweifelt gegen das Einströmen solch neuer Luft.
Für Ungarn hat dieser kleine Salon auch eine wich-
tigere Bedeutung. Die Ausstellung gab Anlass zu
Reformbewegungen auf der ganzen Linie des unga-
rischen Kunstwesens. Die Regierung arbeitet nun
an Reformplänen, welche die staatliche Kunstpflege,
den Kunstunterricht und das Ausstellungswesen auf
moderner Basis regeln sollen. All das kam vom
Waldessaum des kleinen ungarischen Barbizon. Wohl
arbeitet dort kein Millet, doch nicht ein jedes Land
produzirt einen solchen. Man kann auch mit diesem
neuen Strauss zufrieden sein. CARL LYRA.

KUNSTBLÄTTER.

Die Gemäldegalerie der Königlichen Museen zu
Berlin. Mit erläuterndem Text von Julius Meyer, Wil-
helm Bode und Hugo von Tschudi. Herausgegeben von der
Generalverwaltung. Elfte Lieferung. Berlin, O. Orote'sche
Verlagsbuchhandlung.
An die Stelle des verstorbenen Julius Meyer ist, wie aus
der erweiterten Titelangabe der neuesten Lieferung des
Berliner Galeriewerks hervorgeht, Bode's langjähriger Assistent,
H. v. Tschudi getreten, der in dieser Lieferung seine Arbeit
mit einer Charakteristik der Werke der altniederländischen
I Schule begonnen hat. Bei zwölf Seiten Text hat er sich nur
über den Genter Altar der Brüder van Eyck und über die
anderen Werke Jan van Eyck's verbreiten können, und auf
i den letzten Seiten wendet er sich nur noch den Altarwerken
des Roger van der Weyden zu. Die ihm zu teil gewordene
Aufgabe war insofern undankbar, als sich nach dem gegen-
wärtigen Stande der kunstwissenschaftlichen Forschung
schlechterdings nichts neues über den Genter Altar und die
Abwägung des Anteils, den jeder der beiden Brüder daran
gehabt hat, beibringen lässt. H. v. Tschudi hat darum
seinen ganzen Scharfsinn einer sorgfältigen Analyse der kolo-
ristischen Vorzüge dieses Marksteins der modernen Malerei
zugewendet, und er hat dabei viele feine Beobachtungen
gemacht, die seinen Vorgängern entgangen sind. Wenn
; nicht noch ganz überraschende archivalische Funde gemacht
1 werden, was kaum noch zu hoffen ist, dürfte damit wohl
! der ganze geistige Gehalt und die technische Bedeutung des
j Genter Altars erschöpft sein. Als kritischen Gewinn der
Tschudi'schen Untersuchungen dürfen wir wohl als sicher
annehmen, dass die Karthäuser-Madonna aus der Reihe der
eigenhändigen Werke des Jan van Eyck auszuscheiden und
einem Schüler, vielleicht dem Petrus Cristus, zuzuschreiben
ist. Der Lieferung sind, unabhängig vom Texte, sechs Tafeln
in Kupferstich, Radirung, Heliogravüre und Farbenholz-
schnitt beigegeben. Der Farbenholzschnitt giebt das dem
Domenico Veneziano zugeschriebene weibliche Profilbildnis
wieder, das schon dem letzten Hefte des „Jahrbuchs der
Kgl. preussischen Kunstsammlungen" beilag. A. Krüger hat
der immer noch spröden Technik abgerungen, was zur Zeit
möglich war. Wir glauben jedoch, dass eine grössere Ver-
vollkommnung des Druckverfahrens die Wirkung den Origi-
nalen noch näher bringen kann. Ein Stich von O. Reim
giebt Raffael's Madonna del Duca Terranuova mit feinem
Formenverständnis und in richtiger Abschätzung der Farben-
werte wieder. Auch die Radirung von G. Eilers nach dem
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