Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 9.1898

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bot der Direktion die Gelegenheit das Werk zu er-
werben.

Die Plastik vertritt Adolf Hildebrand mit den
Bronzebüsten Arnold Böcklin's und des Generals Baeyer.
In der Charakteristik und der Schärfe der Form ist die
Büste des Generals der Böcklin's noch überlegen, die
bei aller frappanten Ähnlichkeit doch das Löwen-
mässige des alten Böcklin vermissen lässt. Als Ge-
schenk gab Joseph von Kopf eine Marmorbüste der
Kaiserin Augusta, ein Werk voll schlichter Tüchtig-
keit, ohne allen dekorativen Pomp. Kommerzienrat
Pringsheim stiftete als Gegenstück hierzu eine Marmor-
büste Kaiser Wilhelm's, ebenfalls von Kopf; doch hat
bei dieser der Künstler von dem zeitgenössischen
Kostüm abgesehen zu Gunsten der idealen Draperie,
ohne indessen auf den Ordensstern verzichten zu wollen.
Schinkel's Zeichnung seiner Töchter Marie und Su-
sanne, «1813, als die Russen einzogen, vollendet",
wie auf dem Halssaum in sauberen gotischen Lettern
steht, geht durch die frische Natürlichkeit bei aller
akademischen Accuratesse weit über eine kunstge-
schichtliche Reliquie hinaus. Leibi studirt in zwei
ganz farbig empfundenen Kohlenzeichnungen den Ein-
fall lebhaft spielenden Lichtes durch schattende Baum-
wipfel und die stillere Helle in dem Arbeitsgelass eines
Dörflers. Von Oberländer erwarb die Galerie drei seiner
humoristischen Zeichnungen, die bereits in den Fliegen-
den Blättern reproduzirt worden sind. —

Bei der neuen Herrichtung der Säle im Oberge-
schoss sind der Direktion die Erfahrungen, die sie vor
Jahresfrist bei der Erneuerung des Untergeschosses
machen konnte, ersichtlich von Nutzen gewesen. Hat
sie auch das alte, gleich damals glücklich bewährte
Prinzip beibehalten, so hat sie es nun freier ge-
handhabt. Wie unten sind auch oben die Wände mit
farbig zu den Bildern harmonirenden oder kon-
trastirenden Stoffen überzogen, die Bilder vielfach
mit gutem Gelingen in alte Rahmen gesetzt und
ohne Verletzung ihres chronologischen oder ihres
Schulzusammenhanges zu dekorativen Gruppen ver-
einigt worden. Dies Vereinigen des dekorativen Prin-
zipes mit dem historischen Gebot war im Ober-
geschoss um so komplizirter, weil hier die Bilder mit
geringen Ausnahmen als Repräsentanten von Lokal-
schulen auftreten, die nicht willkürlich getrennt oder
gruppirt werden dürfen.

Den überraschendsten, ja einen fascinirenden
Eindruck macht gleich der erste Saal, in dem die
Bahnbrecher und die Hauptvertreter der modernen
ausländischen Kunst wie im Salon eines vornehmen
Kunstfreundes vereinigt sind. Als Wandbekleidung
hat man zartrosigen Creme mit lichten grünen Streifen
gewählt, den abschliessenden Sockel mit einem ener-
gischen Rot angestrichen und unter der Decke einen
Streif goldgepresster Ledertapete gespannt. Gegen das

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lichte Creme und das matte Grün kommen sowohl
die hellen als auch die tiefen Töne auf diesen mo-
dernen Gemälden zu kraftvoller Wirkung, und das
Ineinanderspielen aller Farben wird durch das rote
Sockelpaneel zu einem ruhigen und doch koloristisch
lebendigen Abschluss gebracht. Ausser den längst ge-
würdigten, wertvollen Erwerbungen, die im Vorjahr
meist als Geschenke in den Besitz der Galerie kamen,
enthält dieser erste Saal noch vier neue Bilder, die
gleichfalls aufopfernden Kunstfreunden zu danken
sind. Zunächst eine noch etwas ungelenke Freilicht-
studie von Cezanne, jenem abseitigen Künstler, der,
einer der ersten Pleinairisten, niemals über die Studie
hinausging und niemals ausgestellt hat; dann die
«Landhäuser" von Pissaro, zart und duftig im jungen
Grün des Frühlings, ein französisches Dorf im Früh-
schnee von Sisley und eine melancholische Dünenland-
schaft von Cazin, in der die Figur einer büssenden
Magdalena, trotzdem sie die Stimmung konzentriren
soll, durch gleichgültige Zeichnung und die etwas
grossen Proportionen eher ein wenig ernüchtert.

In dem nun folgenden Korridor, der die Un-
gunst seiner Licht- und Raumverhältnisse allein dem
Ungeschick des Architekten verdankt, haben auf grünem,
in lichteren und matteren Streifen gemustertem Stoff
die ausländischen Bilder Platz gefunden, die, schon
in der Wagener'schen Sammlung enthalten, von der
Weitsichtigkeit und dem Geschmack des ehemaligen
Besitzers ehrendes Zeugnis ablegen. Meist sind es
Belgier. Eine gute Marine des früh verstorbenen
Bonnington, das Geschenk eines Ungenannten, und
ein aus dem Vermächtnis der Löwe'schen Eheleute
an die Galerie gefallenes architektonisches Stimmungs-
bild des Brüsselers Bossuet, das uns vor die Mauern
von Granada führt, haben diese Reihe vermehrt.

Der nächste grösste Saal ist wechselweise mit
breiten mattgrünen Stoffstreifen und dunkelgrünen
leuchtenden Plüschstreifen ausgeschlagen, die wieder
ein roter Sockel kräftig abschliesst. Hier hängen
die modernen Italiener, darunter Segantini's ein-
dringlich monumentale »Trübe Stunde", das kolo-
ristisch meisterhafte Familienbild von Oari Melchers,
einige grellbunte und für ihre Qualität zu zahlreich
vertretene Spanier und als Hauptstück, mit dem
wunderbar feinen Frauenbildnisse Fantin-Lato ur's
darüber, ein Milkt. Keiner von denen, die für den
Meister durch die grossen, den Horizont überschnei-
denden Figuren schon weither kenntlich sind, und
doch ein Bild, das man nicht mehr vergisst, wie
einen jener trüben, endlosen Tage, an dem, nach Kellers
schönem Wort, Hoffnung und Verlorensein in gleicher
Stärke wach gewesen sind. In ruhiger und doch reich
bewegter Linie steigt brauner Sturzacker eine leichte
Erdwelle hinab. Vorn auf den Schollen nichts als eine
grosse Egge und hie und da ein wuchernder Halm.

Die neuen Erwerbungen und die Neugestaltung der Nationalgalerie in Berlin.
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