Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 9.1898

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Bode's Rembrandt, II. Band.

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Rechts oben gegen den trostlos grauen November- |
himmel zwischen kahlen Bäumen die Silhouette eines |
Jägers, der mit dem schwachen Aufblitzen seines
Feuerrohrs ein Hühnervolk aus dem Acker zu un-
ruhigem Flatterfluge aufscheucht. Freilich, sieht man
scharf hin, so bemerkt man vorn die undeutlichen Spuren
eines grossen den Horizont überragenden Säemanns,
den der Künstler selbst mit einigen eiligen Pinsel-
strichen wieder zugedeckt hat. Die ungeheure Ver-
lassenheit, der zerarbeitete Acker mit dem wolken-
schweren Abendhimmel darüber, giebt dem Werke einen
so ergreifend elegischen Reiz, dass es sich mit der Kraft
eines Selbsterlebten, Selbstgeschauten in die Erinnerung
einwurzelt. Auch dieses nun einzige Werk Millet's in
einer öffentlichen deutschen Sammlung haben hoch-
herzige Gönner dem Institut geschenkt.

In den folgenden Kabinetten, die sich fächer-
förmig in der Apsis des Gebäudes entfalten, wechseln
über weissen Sockelpaneelen gelbe und grüne Seiden-
tapeten. Doch sollen die glatten grünen Seidenstoffe
demnächst durch matt und licht gestreifte ersetzt
werden, wie es bei den gelben Gründen bereits ge-
schehen ist. In diesen Kabinetten herrscht die
wünschenwerteste historische und chronologische Ord-
nung, und den tadellos dekorativen Effekt, den jedes
Kabinett für sich hervorbringt, darf sich die Direktion
zu besonderem Lobe rechnen. Ganz erstaunlich bleibt
ausserdem, was die feinsinnige Sichtung des Kunst-
bestandes durch Herrn von Tschudi an wertvollem
Material zu Tage gefördert hat. Namentlich Karl Blechen,
der Berliner Landschafter, kommt nun erst mit der Gross-
räumigkeit seiner Naturauffassung zur Geltung. Ent-
zückend wirkt Tischbein's graziöse Lautenspielerin mit
ihren tiefen blauen Tönen auf dem gelben Seidenstoff
der Tapete. Magnus' Porträt der Jenny Lind tritt künst-
lerisch den modernen Bildnissen in unmittelbare Nähe.
Die frühe Düsseldorfer und Münchener Schule ist
ausreichend vertreten, nicht ganz in dem gleichen
Maasse die allerdings weniger rühmliche Berliner
Malerschule. Bei der Auswahl der Kunstwerke hat
sich diesen Bildern gegenüber die Direktion auf einen
zu strengen ästhetischen Standpunkt gestellt. Es ist
wohl wahr, dass manche dieser meist hartfarbigen Ar-
beiten unser koloristisch verwöhntes Auge beleidigen,
dennoch, wo anders als in Berlin sind diese Bilder
als historische Dokumente am Platze?

Unermüdlich bleibt die Direktion am Werk;
nicht lange, so wird man sich rüsten, die künstlerisch
ordnende Hand an die den patriotischen Gemälden
und Skulpturen eingeräumten Säle zu legen. Dann
wird ein dringend erforderlicher neuer Katalog neue
mühevolle Arbeit beanspruchen. Und doch, so viel
noch zu schaffen bleibt, erstaunlich ist die Riesen-
arbeit, die heute schon in knappen zwei Jahren ab-
geschlossen dasteht. Sah man früher nicht ohne leb-

haftes Missbehagen zu dem der deutschen Kunst ge-
weihten Baue hinüber, so betritt heute jeder freudigen
Staunens voll die alten, nun so neuen Räume, die
Herrn v. Tschudi's Energie und Geschmack aus einem
Magazin vielfach zweifelhafter Kunstwerke, in fast un-
bemerkter, aber unermüdlicher Arbeitsamkeit zu einem
Museum der modernen Kunst umgestaltet hat, zum
ersten in Deutschland, die neue Pinakothek in München
nicht ausgeschlossen. Mag diese auch — vielleicht,
vielleicht! — dem künstlerischen Wert ihres Bilder-
bestandes nach der Berliner Nationalgalerie überlegen
sein, an Reichhaltigkeit, an Geschmack der Aufstellung
und an der Fähigkeit zu belehren steht sie unzweifel-

; haft zurück gegen unser „Museum der modernen
Kunst". Ohne Ruhmredigkeit, nur mit Freude und
Dankbarkeit müssen das alle unbefangen Urteilenden
und Schauenden anerkennen. Der Direktion wiederum

I kann kein schönerer Ruhm, kein höher klingendes Lob

j zu teil werden.

BODE'S REMBRANDT'), IL BAND.

Wieder liegt ein herrliches Buch vor mir: der
zweite Teil von dem Rembrandt-Werke Bode's, welcher
Rembrandt's Thätigkeit in den Jahren 1632—1634,
das letzte Jahr nur teilweise, umfasst. Hauptsächlich
sind es Bildnisse, die uns hier fesseln; war doch
Rembrandt in diesen Jahren der beliebteste Porträt-
maler Amsterdams. Durch seine Anatomie berühmt
i geworden, flössen ihm die Bestellungen von allen
Seiten zu, sowohl noch aus Leiden, als aus seiner
neuen Heimat. Bode erwähnt, wie Rembrandt sich
zunächst noch nach den in Amsterdam berühmten
de Keyser, van der Voort, Claes Elias u. a. richtete,
aber dennoch durch Beleuchtung und Technik über
diesen stand. Er fragt, wer Maerten Looten war (das
Porträt bei Holford, London). Maerten Looten's Unter-
schrift habe ich oft in dem Amsterdamer Archiv ge-
sehen; er war ein ansehnlicher Kaufmann, vermögend
und vielgeschäftig. Nach den Porträts werden die
biblischen Gegenstände, namentlich die „Passions-
bilder« für Prinz Frederik Hendrik von Oranien ge-
malt, erwähnt; schliesslich noch die anderen genreartigen
Gegenstände und Studienköpfe aus dieser Periode. Wie
immer ist Bode's Text lehrreich und unterhaltend ge-
schrieben, und dem Rembrandt-Forscher klingt alles
so selbstverständlich und einleuchtend, als könne es
eben nicht anders sein. Bei der Passionsfolge (in
München) bedauert Bode die ausserordentliche Durch-
führung, was freilich Rembrandt's Zeitgenossen gerade

1) Beschreibendes Verzeichnis seiner Gemälde mit den
heliographischen Nachbildungen, Geschichte seines Lebens
und seiner Kunst, von Wilhelm Bode, Direktor der König-
lichen Gemäldegalerie in Berlin, unter Mitwirkung von
C. Hofstede de Qroot, Direktor des Kupferstichkabinetts zu
Amsterdam. Ch. Sedelmeyer, Paris. Bd. II. 1897.
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