Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 9.1898

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Cornelis Floris.

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Bild aus dem Besitz der Lady Milford vertreten (Nr. 142),
das jedoch nur als ein Schulwerk anzusehen ist.

Einige gute Bilder der holländischen undvlämischen
Schulen des 17. Jahrhunderts sind vorhanden. Vor
allem Mr. Buttler's prächtiges, 1624 datirtes Bildnis einer
Frau mit ihrem Töchterchen von Cornelis de Vos und
Mr. Mond's herrliche Mondscheinlandschaft von Rubens.
Bei einer zweiten diesem zugeschriebenen Landschaft
aus dem Besitze von Sir Charles Robinson, The Wild
Boar Hunt, ist er wohl nur bei einigen wenigen Partien
des Vordergrundes eigenhändig beteiligt, während das
übrige Schülerarbeit ist. Eine köstliche frische Farben-
skizze von seiner Hand ist dagegen Lord Northbrook's
Abraham und Melchisedek. Van Dyck ist mit Bild-
nissen, Rembrandt, Köninck, die beiden Ruysdael's, van
der Neer u. a. mit Landschaften vertreten. Auch von
den Genremalern sind einige ganz gute Bilder vor-
handen, jedoch vielleicht mit Ausnahme der ihr Kind
stillenden Mutter in einem köstlichen Interieur von
N. Maas keine Werke allerersten Ranges.

Den grössten Platz in der Ausstellung nehmen
die englischen Werke für sich in Anspruch. Die
Maler des vorigen Jahrhunderts Oainsborough, Rae-
burn, Romney glänzen nicht durch besonders hervor-
ragende Meisterwerke, von Wilson sind einige seiner
kleinen Claude nachahmenden Landschaften zu sehen.
Dagegen wird das Auge durch vier prachtvolle Con-
stables von leuchtender Farbenkraft erfreut. Seinen
Einfluss zeigt der interessante William J. Müller in
einem Wasserfall, während er bei den übrigen Bildern,
die Scenen aus dem Orient darstellen, ganz eigene
Wege wandelt und mit ungemein reichen und kräftigen
Farbengegensätzen und flotter Pinselführung höchst
originelle Wirkungen erzielt. Auch von den Land-
schaftsmalern, die, mit feinem poetischem Empfinden
begabt, aus dem engen Verkehr mit der Natur ihre
Kräfte zu schöpfen suchten, wie Mason, Pinwell,
Walker sind Arbeiten vorhanden. Der letztere ist durch
zwei grössere Ölbilder und eine Anzahl Aquarelle be-
sonders gut vertreten und zeigt, welch echt künst-
lerische Wirkungen der feinsinnige Maler mit den
einfachsten Scenerien ohne jedes Haschen nach äusser-
lichen Effekten zu erzielen wusste. Einen wenig er-
freulichen Eindruck machen dagegen die Werke Albert
Moore's, die, kalt und leblos, sich damit begnügen,
oberflächliche Idealgestalten von Jünglingen und Mäd-
chen in phantastischen Kostümen mit grossem deko-
rativem Geschick zur Darstellung zu bringen.

Ein besonderer Raum enthält die Werke Dante
Gabriele Rossetti's. Es war nicht, wie bei der Millais-
Ausstellung in der Royal Academy, möglichste Voll-
ständigkeit erstrebt. Für Rossetti sind Kollektivaus-
stellungen seiner Bilder entschieden nicht günstig. Da
er immer nur eine und dieselbe Saite sensitivster
Stimmungsmalerei anzuschlagen weiss, so wirkt eine

grössere Anzahl seiner Werke zusammen leicht er-
müdend. Zu dieser Überzeugung gelangt man nament-
lich, wenn man den Eindruck, den seine wunderbaren,
grossgedachten Frauenfiguren für sich im Inneren eines
Privathauses ausüben, empfunden hat. Hier, wo uns
Pandora, La donna della Finestra und Beatrice bei der
Hochzeit zusammen begegnen, sind wir bei dem stets
sich gleichbleibenden Stimmungsgehalt nicht fähig,
nachdem dieser einmal seine Wirkung auf uns ausgeübt
hat, immer wieder von neuem davon ergriffen zu
werden. Es ist wie mit einer Folge von Musikstücken,
die sich nur aus Adagios zusammensetzen würde.

Suchen wir uns indessen darüber klar zu werden,
wie Rossetti seine Traumgebilde in Formen und Farben
übersetzt, so werden wir ihm stets Bewunderung
zollen müssen. Der dichtende Künstler, der fast allen
seinen Bildern eine poetische Idee zu Grunde legte,
verstand es immer, diese so zu künstlerischem Aus-
druck zu bringen, dass Form und Inhalt in wunder-
barem Einklang sind, und wir das so zu Stande ge-
kommene Kunstwerk als völlige Verkörperung der
Idee empfinden. Und diese Harmonie ist es, die den
Werken Rossetti's ihren ganz eigenen Reiz verleiht.
Sein Kolorit ist oft von bestrickendem Zauber. Wie
er ein Dichter ist, so ist er auch ein Farbenpoet.
Neben seinen berühmten Werken bietet die Ausstellung
auch Gelegenheit, ihn in kleineren, weniger bekannten
Arbeiten kennen zu lernen. Unter diesen nimmt das
Bildchen Paolo und Francesca von Rimini eine be-
sonders hohe Stelle ein. Sie sitzen eng aneinander
geschmiegt, die Lippen zum Kusse vereinigt, auf einer
Bank vor dem Fenster, und die leidenschaftliche
Liebesglut, die die Verse Dantes durchweht, kommt
auch in dem Werke des Künstlers zu ergreifendstem
Ausdruck. — Von besonderem Reiz sind auch die
Zeichnungen Rossetti's, die sich durch eine weiche
Linienführung und zarte Verschmelzung der Töne
auszeichnen.

CORNELIS FLORIS.

Wenn man die hohe Wertschätzung, deren sich
die niederländischen Bildhauer des 16. Jahrhunderts
bei ihren Zeitgenossen erfreuten, mit dem Maasse von
Anteilnahme vergleicht, den jetzt ihre Werke finden,
so ergiebt sich ein auffallend weiter Abstand. Der
Klassicismus mit seinem hohlen, inhaltsleeren Schön-
heitsideal, welchem sich jene Meister vielfach zu-
wandten, mag diese Verschiedenheit der Beurteilung
zum Teil erklären, völlig rechtfertigen kann er sie
nicht. Es ist ja zweifellos richtig, dass die Verwäl-
schung, welcher unsere nordische Bildnerei, ebenso
wie unsere Malerei, zum Opfer fiel, ihr Verderben
ward und viele hoffnungsvolle Keime in ihr erstickte.
Aber man darf nicht übersehen, dass nicht alle selb-
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