Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 9.1898

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KUNSTCHRONIK

WOCHENSCHRIFT FÜR KUNST UND KUNSTGEWERBE.

HERAUSGEBER:

ULRICH THIEME und RICHARD GRAUL

Verlag von SEEMANN 8t Co. in LEIPZIG, Gartenstrasse 17.

Neue Folge. IX. Jahrgang. 1897/98. Nr. 15. 17. Februar.

Redaktionelle Zuschriften nimmt ausser Herrn Dr. U. Thieme, Leipzig, Erdmannstr. 17 auch Herr Dr. A. Rosenberg,
Berlin SW., Yorkstrasse 78 entgegen.

Die Kunstchronik erscheint als Beiblatt zur „Zeitschrift für bildende Kunst" und zum „Kunstgcwerbeblatt" monatlich dreimal, in den Sommer-
monaten Juli bis September monatlich einmal. Der Jahrgang kostet 8 Mark und umfasst 33 Nummern. Die Abonnenten der ,.Zeitschrift für bildende
Kunst" erhalten die Kunstchronik gratis. - Für Zeichnungen, Manuskripte etc., die unverlangt eingesandt werden, leisten Redaktion und Verlags-
handlung keine Gewahr. Inserate, ä 30 Pf. für die dreispaltige Petitzeile, nehmen ausser der Verlagshandlung die Annoncenexpeditonen von Haasen-
stein & Vogler, Rud. Mosse u. s. w. an.

DER DIESJÄHRIGE WETTBEWERB
IN DEN KÖNIGLICHEN MUSEEN IN BERLIN.
VON FRANZ WINTER.

Man kann sich nicht leicht eine schönere, reizvollere
und lehrreichere Aufgabe denken, als sie für den dies-
jährigen Wettbewerb von Sr. Majestät dem Kaiser ge-
stellt worden war. Es sollte versucht werden, an dem
Gipsabguss der sog. Saburoff'schen Bronzestatue den
fehlenden Kopf herzustellen. Die Aufgabe war ganz
anderer Art, als die der vorjährigen Konkurrenz, die
die Ergänzung der tanzenden Mänade forderte. An
der tanzenden Mänade fehlen der Kopf und beide
Arme. Diese sollten hergestellt werden. Dabei war
das Bewegungsmotiv die Hauptsache. Man fragte,
wie hat diese in leidenschaftlichem Tanze dargestellte
Figur die Arme gehalten, war der Kopf zurückgeworfen
oder vorgestreckt, ist es der Tanz allein, der den
Körper so fortreisst, oder ist die wirbelnde Bewegung
zugleich dadurch motivirt, dass sich das Mädchen zum
Tanze selbst die Musik macht, und welche Musik-
instrumente können oder müssen die Hände gehalten
haben? Diesem Wesentlichsten gegenüber kam die
stilistische Ausführung der einzelnen zu ergänzenden
Teile erst in zweiter Linie in Betracht. Sie liess in
allen Versuchen der Ergänzung zu wünschen übrig,
aber an ihr lag es zunächst nicht, dass keine der ein-
gereichten Arbeiten wirklich befriedigte: es hatte nie-
mand unter den Bewerbern auf die Hauptfrage eine
überzeugende Antwort gefunden.

Bei dem diesjährigen Wettbewerb kam die Frage
nach der Bedeutung und Handlung der Figur wenig
in Betracht. Die Statue ist bis auf den Kopf voll-
ständig erhalten. Es fehlen zwar auch die Attribute
in den Händen, aber diese sind für die Ergänzung

des Kopfes, die allein gefordert wurde, gleichgültig.
Mag der Gegenstand in der vorgestreckten Rechten
eine Schale oder ein Zweig oder eine Binde oder was
sonst gewesen sein: die Bewegung des Kopfes und
sein Aussehen werden davon nicht berührt. Die Be-
wegung ist in ihrer Hauptrichtung durch das erhaltene
Stück des Halses und durch die Analogie zahlreicher
der Kunstart nach verwandter Statuen in ähnlicher
Haltung gegeben: der Kopf war aller Wahrscheinlich-
keit nach in leichter Neigung abwärts nach der rechten
Hand hin gewendet.

Mit aller Deutlichkeit war hierauf in der von
Kekule verfassten Schrift über die Statuel) hinge-
wiesen, die den Bewerbern als Hilfsmittel für ihre
Arbeit vorlag. Es ist das nicht vergeblich gewesen:
denn mit ganz wenigen Ausnahmen haben sich die
Bewerber davon ferngehalten zu deuten und die
Deutung zum Ausgangspunkt der Ergänzung zu nehmen.
Die meisten haben die Figur ohne Attribute gelassen.
Die Ausnahmen aber beweisen nur zu gut, wie leicht
der Weg des Deutens in diesem Falle in die Irre und
von der Hauptsache abführt. In der Ergänzung von
Müller hat die Figur den Kopf statt bescheiden ge-
neigt, mit pathetischem Augenaufschlag nach oben ge-
wendet und hält eine Guirlande in den Händen; sie
ist als Siegerstatue gemeint. Hier ist alles verfehlt,
das Motiv, die Bewegung und dazu auch der Stil des
ergänzten Kopfes, der zu dem Körper so wenig passt,
wie etwa ein Kopf von Sansovino zu einem Körper
von Donatello.

Wie sah der jetzt verlorene Kopf aus? Wie

1) „Archäologische Bemerkungen zur Saburoff'schen
Bronze" von R. Kekule von Stradonitz, Beilage zu den
Amtlichen Berichten aus den Königlichen Kunstsammlungen
XVIII, 1897.
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