Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 9.1898

Page: 243
DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kunstchronik1898/0130
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
243

Der diesjährige Wettbewerb in den königlichen Museen in Berlin.

244

waren seine Formen, sein Ausdruck, sein Stilcharakter?
Diese Frage allein stellte die Preisaufgabe, und sie
forderte damit zu einer künstlerischen That auf,
appellirte an das künstlerische Empfinden und Fein-
gefühl in ganz anderer Weise, als es das Thema des
vorjährigen Wettbewerbes gethan hatte.

Die Statue ist das Werk und zwar das originale,
im vollsten Sinne persönliche Werk eines grossen
Künstlers, eines Meisters, dessen Namen wir nicht zu
nennen wissen, von dem wir aber mit Bestimmtheit
sagen können, dass er als einer der ersten einer
grossen Zeit der griechischen Kunst angehört hat. Sie
ist ein wahrscheinlich attisches Werk aus der zweiten
Hälfte des 5. Jahrhunderts v. Chr. Aus dieser
ihrer Stellung innerhalb der Entwicklungsgeschichte
der Kunst ergeben sich gewisse Bedingungen, die für
ihren Formencharakter bestimmend und daher für den
Versuch einer Ergänzung bindend sind.

Plato spricht in seinem Dialoge Charmides von
der Schönheit des Knaben, nach dem die Schrift
benannt ist: überaus schön ist sein Antlitz, aber die
Schönheit des Gesichtes tritt zurück, wenn er sich ent-
kleidet, so schön ist sein Körper. Und immer gilt
den Griechen dieser Zeit für die Schätzung der Schön-
heit der Kopf nur als ein Teil des Ganzen, der im
Gesamtbild nicht mehr und nicht weniger mitspricht
als jedes andere Glied des Körpers.

„Echt griechische Werke überraschen immer durch
die völlige Einheitlichkeit der Erscheinung, aus der
nichts einzelnes herausfällt oder sich vordrängt. Kein
Teil des Ganzen, auch nicht der Kopf, ist bevorzugt,
sondern alles auf den gleichen Grad der Durchbildung
gebracht, so sehr, dass —■ ebenso wie bei manchen
Schöpfungen des Michelangelo — die Köpfe oft auf
ein minderes Mass herabgestimmt erscheinen, als es
der moderne Beschauer erwartet. Auch wo die Ge-
sichter sehr ausdrucksvoll aussehen, ist dies zumeist
nicht sowohl durch einzelne starke Züge, als vielmehr
hauptsächlich durch die Haltung der Köpfe erreicht,
in der sich die Bewegung der ganzen Gestalt vollendet
und zusammenschliesst. Bei Werken des 5. Jahr-
hunderts, also des Zeitraums, dem der Saburoff'sche
Knabe angehört, erscheinen die Köpfe, vereinzelt be-
trachtet, oft ganz ausdruckslos und selbst im Zusammen-
hange der ganzen Gestalt überaus schlicht und be-
scheiden, ohne jede Spur von Erregung, fast so, als
ob Geist und Empfindung wie in stillem Halb-
schlummer verschlossen ruhten.«

Diese Sätze der Kekule'schen Schrift haben für
die Behandlung der Ergänzungsaufgabe sehr bestimmt
die Richtung vorgezeichnet. Sie sind im ganzen von
den Bewerbern beachtet worden und ebenso, was in
ausführlicher Darlegung über den stilistischen Charakter
und die Kunststufe der Saburoffschen Bronze gesagt

ist — beachtet, aber freilich nicht durchweg richtig
verstanden.

Es haben sich 31 Bewerber an der Konkurrenz
beteiligt. Von ihnen hat keiner mit seiner Ergänzung
das erreicht, dass man nicht gleich beim eisten An-
blick vor allem den Eindruck hätte: die Figur ist er-
gänzt, sie hat einen aufgesetzten Kopf. Eine ganze
Reihe von Entwürfen scheidet zunächst ohne weiteres
aus, sie sind unbedeutend, zum Teil recht unvermögend,
zum Teil leider recht flüchtig: es ist wirklich ernste
Arbeit und viel Liebe zu der Lösung einer Aufgabe,
wie dieser, erforderlich. Aber es bleiben immerhin
genug Arbeiten, die zu genauerer Betrachtung ein-
laden. Oomanski hat allen Nachdruck auf das Material
gelegt und sich bemüht, den Bronzecharakter, etwa in
der Art wie er am Kopf des Dornausziehers oder an
den Köpfen der Herkulanensischen Tänzerinnen aus-
gebildet ist, zu treffen. Aber unter dem Bestreben,
alles feinste Detail namentlich der Ciselirung wieder-
zugeben, hat der Gesamteindruck gelitten; der
Kopf besonders hat in der unteren Partie einen
unantiken, störenden Zug erhalten, und die Haltung
ist gezwungen. Einheitlicher in der Bewegung sind
die Ergänzungen von Schneiderund Meisen. Schneider
hat die Haarfrisur einem gar zu altertümlichen Werk,
nämlich dem Herkulanensischen Bronzekopfe, entlehnt,
der Meisen'sche Kopf fällt durch kleine Verhältnisse
auf und geht in den Formen über die klare und
strenge Einfachheit hinaus, die der Kunst des 5. Jahr-
hunderts eigentümlich ist. Eine eingehende und
ernste Beschäftigung mit dem Thema verraten die
vier Variationen von Gliimer's; man wird, auch durch
die Haarfrisur, an den schönen angeblich aus Benevent
stammenden Bronzekopf des Louvre und an den
Petersburger Eros erinnert. Aber es ist mehr An-
regung, die ihm diese Werke gegeben zu haben
scheinen, als Vorbild, und der Anschluss an sie ist
freier als in den Ergänzungen von Christensen und
auch von Peterich der Anschluss an den Leier spielen-
den Apoll von Pompei. Die Apollostatue ist in der
Kekule'schen Schrift neben anderen Werken als Bei-
spiel für das Bewegungsmotiv und als Beispiel dafür
angeführt, wie in einem einzelnen Fall die Frisur, bei
der der Nacken frei bleibt, während jederseits lange
Locken sich herabringeln, hergestellt ist. „Damit soll
aber — so ist ausdrücklich hinzugefügt — nicht ge-
sagt werden, dass der verlorene Kopf der Saburoff-
schen Bronze gerade diese Frisur gehabt oder über-
haupt so oder ähnlich ausgesehen habe. Der Kopf
der Figur aus Pompei vergegenwärtigt vielmehr eine
altertümlichere Kunststufe, er ist steifer und manirirter,
weniger frei und natürlich, als wir es für den Kopf
der Saburoffschen Bronze, so echt griechisch be-
scheiden und geschlossen seine Züge auch gewesen
sein werden, voraussetzen dürfen.« Peterich hat diese
loading ...