Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 9.1898

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Wiederauffindung von Fresken Domenico Qhirlandaio's in der Kirche Ognissanti in Florenz.

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Mahnung wohl beherzigt: er hat versucht, die alter-
tümlichen Züge des Apollokopfes einer freieren Natur-
auffassung entsprechend umzugestalten. Dieser Versuch
ist interessant und macht in seiner feinen Durchführung
dem Künstler alle Ehre, aber er ist nicht gelungen
und zwar deshalb nicht, weil der Künstler in der Um-
bildung der Formen sich zu sehr an die Einzelheiten
gehalten hat, und weil diese trotz sichtlichen Be-
strebens, dem Stil der griechischen Kunst des 5. Jahr-
hunderts treu zu bleiben, schliesslich doch im wesent-
lichen aus dem modernen Empfinden heraus gestaltet
sind. Die Lösung der Aufgabe kann nur gelingen
auf der Grundlage eines völligen Sichhineinlebens in
das Wesen der noch ganz naiven und unbefangenen
Kunst dieser frühen Periode. Den Charakter im
ganzen erfassen ist nötig, viel nötiger, als Einzel-
formen studiren, und immer wird derjenige sicherer
zum Ziele kommen, der nicht ein bestimmtes erhaltenes
Werk zum Vorbild oder Ausgangspunkt wählt, sondern
im Geiste der Zeit frei nachzuschaffen sucht. Das
ist ausserordentlich schwierig, das ist es aber auch,
was dieser Aufgabe ihren grossen Reiz und Nutzen giebt.
Auf diesem Wege finden wir Werner Begas — auf
dem Wege, nicht am Ziele. Der verlorene Kopf der
Saburoff'schen Statue hat anders ausgesehen, als Begas
ihn ergänzt hat, er hatte nichts Weichliches, er war
viel frischer, kräftiger, gesunder, herber, und er war
nicht mit Nonchalance behandelt, sondern in allen
seinen Teilen, entsprechend dem Körper, sorgfältig
durchgeführt.

Es ist schon in der vorigen Nummer dieser Zeit-
schrift mitgeteilt, dass der Preis zu gleichen Teilen
geteilt den Ergänzungen von Begas und Peterich als den
verhältnismässig besten Arbeiten zuerkannt worden ist.

WIEDERAUFFINDUNG VON FRESKEN
DOMENICO GHIRLANDAIO'S IN DER KIRCHE
OGNISSANTI IN FLORENZ.

Eine ebenso wichtige als erfreuliche Entdeckung
ist vor einigen Tagen in Florenz gemacht worden.
Freskogemälde Domenico Qhirlandaio's, bereits von
Vasari erwähnt und nach dieser Quelle sogar seine
ersten Bilder, seit Jahrhunderten als verloren betrachtet,
sind in der Kirche Ognissanti in bestem Zustande
wieder aufgefunden worden.

Wir hoffen schon bald in der „Zeitschrift" aus-
führlich auf diese Fresken eingehen zu können, glauben
aber doch einen kurzen vorläufigen Bericht über das
in kunstgeschichtlicher Beziehung so wichtige Ereignis,
den wir im wesentlichen einem längeren Artikel der
„Nazione" (5.—6. Februar 1898) entnehmen, unseren
Lesern nicht vorenthalten zu dürfen.

Vasari erwähnt in der Vita des Domenico Ghir-
landaio, dass derselbe seine ersten Bilder in der Kapelle

derVespucci in Ognissanti gemalt habe, einen toten Chris-
tus mit einigen Heiligen und über einem Bogen eine
„Misericordia", auf der sich das Porträt des Amerigo
Vespucci befinde. (Furono le sue prime pitture in Og-
nissanti la capella de' Vespucci, dove e un Cristo morto
ed alcuni santi, e sopra un arco una Misericordia, nella
quäle e il ritratto di Amerigo Vespucci che fece le
navigazione delle Indie.) Diese Kapelle der Vespucci
wurde, wie Bottari berichtet, 1616 an die Baldovinetti
abgetreten. Bei dieser Gelegenheit seien Qhirlandaio's
Fresken übertüncht worden. Auch spätere Schrift-
steller halten an dieser Annahme fest, aber alle Nach-
forschungen — noch vor wenigen Jahren wurden solche
angestellt — blieben ohne Erfolg.

Anfang Februar dieses Jahres teilte der Padre
Roberto Razzoli, der mit einer Monographie der Kirche
Ognissanti beschäftigt ist, dem zufällig dort anwesenden
Ispettore dei monumenti Cav. Guido Carocci mit, dass
sich in den Kapellen der hl. Elisabeth von Portugal
und des hl. Andreas, durch die Altäre fast verdeckt,
alte Fresken befänden. Die Altarbilder wurden ent-
fernt und zur grossen Überraschung kamen hinter
denselben wohlerhaltene Freskogemälde zum Vor-
schein. Über den Maler des Fresko in der Kapelle
des hl. Andreas, ebenfalls aus dem 15. Jahrhundert
und eine hl. Trinitä darstellend, ist zur Zeit noch
nichts ermittelt, in den Gemälden der Elisabethkapelle
erkannte man aber sofort die lange gesuchten von
Vasari erwähnten Fresken des Domenico Ghirlandaio.
Die Darstellung stimmt mit Vasari's Angaben genau
überein.

In der Lunette die Madonna della Misericordia,
unter ihrem Mantel, den Engel halten, auf beiden
Seiten, in zwei Drittel Lebensgrösse, die knieenden
Mitglieder des Hauses Vespucci, der Madonna zunächst
der Kopf eines prächtigen Jünglings, in dem man wohl
Amerigo Vespucci, der zur Zeit der Herstellung der
Fresken ungefähr 20 Jahre alt war, zu erblicken hat.
Unterhalb der Lunette die Pietä: der Leichnam Christi,
Maria knieend, Johannes der Täufer und Maria
Magdalena sowie mehrere Heilige in der Tracht des
15. Jahrhunderts, wahrscheinlich auch mit porträtähn-
lichen Zügen. Im Hintergrund Jerusalem und das
Kreuz.

In den Angaben Vasari's oder Bottari's haben sich
also irgendwelche Irrtümer eingeschlichen, die noch der
Aufklärung harren. Anfang des 17. Jahrhunderts wurde
in der jetzigen Elisabethkapelle der neue Altar auf-
gestellt, zwei Heiligengestalten, zu beiden Seiten in
Nischen gemalt, wurden dabei fast zerstört, der Haupt-
teil der Gemälde aber erhielt sich unbeschädigt hinter
dem schützenden Altar und feiert durch die glückliche
Entdeckung seine Wiedererstehung. u. TH.
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