Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 9.1898

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Eine Neuerwerbung des Louvre.

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Dieser Mannigfaltigkeit in der Gestaltung, Bewegung
und Charakteristik der Hauptfiguren entspricht auch
ihre Umgebung. Einzelstandbilder wären allerdings
langweilig gewesen. Dieser Gefahr ist aber durch die
architektonische und die gärtnerisch-landschaftliche
Umgebung begegnet worden. Jede der drei Figuren
erhebt sich auf kräftigem Sockel im Vordergrunde
einer mit figürlich und ornamental geschmückten Mosaik-
platten belegten Plattform, zu der mehrere Stufen
emporführen und die rückwärts durch eine halbkreis-
förmige Marmorbank begrenzt wird. Den nächsten
Hintergrund bildet dann eine hohe, ebenfalls im
Halbrund angeordnete Taxushecke, und in weiterem
Abstände wird die Perspektive durch die Baumgrup-
pen des Tiergartens abgeschlossen. Die Lebendig-
keit dieses wohlerwogenen Zusammenwirkens von
künstlerischen mit landschaftlichen Elementen wird
noch durch die Teilung und Gliederung der Bänke
verstärkt, deren Rückenlehnen rechts und links von je
einer Halbfigur in Hermenform unterbrochen werden,
während die Bänke nach vorn durch Kaiserkronen
abgeschlossen sind. Für die sechs Hermen sind Män-
ner gewählt, die den betreffenden Herrschern im Leben
nahestanden oder doch als Repräsentanten ihrer Zeit
gelten können. Auch bei ihrer Gestaltung konnten
sich die Bildhauer nur auf allgemeine Züge aus der
Überlieferung stützen. Das hat sie aber nicht ge-
hindert, daraus scharf und fein charakterisirte Ge-
stalten von vollster Lebenswahrheit zu entwickeln.
Zu dem Markgrafen Otto I. sind die feiste Gestalt
des Abtes Sibold von Lehnin und der zum Christen-
tum bekehrte Wendenfürst Pribislaw, zu dem Mark-
grafen Otto II. Johann Gans zu Putlitz als Vertreter
des märkischen Uradels und Heinrich von Antwerpen,
der erste Geschichtsschreiber der Mark Brandenburg,
zu dem Markgrafen Albrecht II. der staatskluge Hoch-
meister des deutschen Ordens Hermann von Salza
und der gelehrte Verfasser des Sachsenspiegels Eike
von Repkow gesellt. Es ist schwer und wäre auch
ungerecht, wenn man einem der drei Standbilder oder
einer der sechs Halbfiguren den Vorzug vor einem
oder einer andern geben wollte. Es liegt eben nur
in der Eigenart der dargestellten Figur, nicht in der
grösseren Kraft des Künstlers, wenn die jugendliche
Gestalt des Markgrafen Otto I. und der fein und
geistreich individualisirte, etwas an Mommsen er-
innernde Kopf des Geschichtsschreibers Heinrich von
Antwerpen am anziehendsten wirken.

Dass trotz der im grossen und ganzen durch
einen im voraus festgesetzten Plan geforderten Über-
einstimmung der Aufgaben die künstlerische Persön-
lichkeit der Bildhauer nicht beschränkt worden ist,
gereicht der Mannigfaltigkeit der Anlagen ebenfalls
zum Vorteil. Wer mit dem Stile der Bildhauer auch
nur einigermassen vertraut ist, erkennt sofort, was von

Unger und was von Uphues ist. Nur Böse hat uns
eine, wie wir bekennen müssen, freudige Überraschung
bereitet. Wer die Stimmung in den künstlerischen
Kreisen Berlins kennt, der weiss, dass Böse sich nicht
einer sehr hohen Schätzung erfreut. Mag dieses
Urteil nun begründet gewesen sein oder nicht —■ ge-
nug, Böse hat es durch sein Standbild des Markgrafen
Albrecht II. und die beiden Nebenfiguren glänzend
widerlegt, durch die darin offenbarte Kraft der Charak-
teristik wie durch die energische, kühn bewegte Stel-
lung der Hauptfigur, nicht zum wenigsten aber auch
durch die geistvoll erfundenen Ornamente und Archi-
tekturteile romanischen Stils, die den Schmuck der
Bankwand und der Figurensockel bilden. Auch die
beiden andern Künstler haben darin Hervorragendes
geleistet.

Die Lebendigkeit der Figuren wird noch wesent-
lich gesteigert durch die meisterhafte Marmorausfüh-
rung, die unter der Leitung des Bildhauers Casal
durch italienische Marmorarbeiter in Berlin erfolgt ist.

ADOLF ROSENBERG.

EINE NEUERWERBUNG DES LOUVRE.

Wenn eine öffentliche Kunstsammlung ein ano-
nymes florentinisches Bild des 15. Jahrhunderts für
die Summe von 130000 Frks. erwirbt, so wird solchem
Werke wohl eine ganz besondere Bedeutung beizu-
messen sein, um diesen Ankaufspreis zu rechtfertigen.
Zweifellos ist dies bei der soeben in den Besitz des
Louvre gelangten und am 28. Februar ausgestellten
Madonna, die das Kind anbetet, aus der Sammlung
Duchatel, jedenfalls vom historischen Gesichtspunkte
aus, der Fall. Eine detaillirte Beschreibung des Bildes
kann ich mir ersparen, da es durch die Veröffent-
lichung im klassischen Bilderschatz (Nr. 674) bereits
allgemeiner bekannt geworden ist. Die Künstlernamen,
mit denen man das Bild in Verbindung brachte,
wechselten. Bald wurde es dem Pietro della Francesca,
bald dem Alesso Baldovinetti zuerteilt. Schon
Crowe und Cavalcaselle schwankten zwischen diesen
beiden Namen. Die erstere Zuschreibung lässt sich
meiner Meinung nach bei genauerem Studium nicht
rechtfertigen. Das einzige, was einem den Maler von
Borgo San Sepolcro ins Gedächtnis rufen könnte, die
Landschaft, lässt doch auch nur eine allgemeinere
Verwandtschaft mit den Landschaften dieses Meisters
erkennen und weist lediglich auf den Kreis bahn-
brechender Künstler hin, dem neben Pietro Männer
wie Domenico Veneziano, Pesellino und Baldovinetti
angehören. Der für Pietro so charakteristische Farben-
reichtum der Landschaft fehlt hier völlig. Der Mittel-
grund zeigt ein ziemlich einförmiges Braun, das sich
nach hinten zu in immer lichtere Töne auflöst. Die
Übersicht über eine weite Fläche ist vortrefflich, mit
tiefem Verständnis für die Perspektive, wiedergegeben.
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