Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 9.1898

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Die Ausstellung der Libre Esthetique in Brüssel.

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in Komposition, Formgebung, sowie im Ausdruck der
Figuren lässt sich nicht hinwegsehen. — Unter den
Porträts der Ausstellung waren noch einige von hohem
Werte. Tiefe des Ausdrucks und feine malerische
Qualitäten sind den beiden Herrenbildnissen von
Luden Simon in Paris eigen; der eine ist eben im
Schreiben begriffen, der andere blickt, auf seinen mit
wissenschaftlichen Instrumenten besetzten Arbeitstisch
gelehnt, sinnend vor sich hin. John W. Alexanders
Bild „green girl", das ein hübsches junges Mädchen,
den Kopf ins Profil gestellt, lässig in einem Stuhl
sitzend, darstellt, ist von grosser Anmut und wirkt
mit seinen matten kühlen Tönen ungemein vornehm
und ansprechend. Hätte er nur auf die Zeichnung
der Hand etwas mehr Sorgfalt verwendet. Ausge-
zeichnet war die feinsinnige Künstlerin Dom Hitz mit
mehreren Werken vertreten, in denen sich liebens-
würdige Grazie mit einem sicheren Gefühl für male-
rische Lichteffekte verbindet, wobei ein tiefgrauer Silber-
ton gewöhnlich bestimmend vorherrscht. Von Charles
W. Bartlett waren einige kräftig und energisch durch-
geführte holländische Fischerköpfe, sowie tüchtige
Landschaften ausgestellt. Die Landschaftsbilder, die
zum grossen Teil auf hoher Stufe standen, alle ein-
zeln zu würdigen, gebricht es mir leider an Raum.
Da konnte man den hochbegabten Albert Baertsoen
aus Gent in dem Bilde »Abend in einer vlämischen
Dorfstrasse" bewundern, wo die letzten Sonnenstrahlen
eben noch die Dächer der hinten stehenden Häuser
streifen, während Schatten über den Vordergrund
ausgebreitet ist. Der Engländer Hasledine hatte eine
Reihe frischer und farbenfreudiger Ansichten verschie-
dener Brücken in Brügge gesandt. Bedeutend waren
ferner die Landschaften von A.J. Heymans in Brüssel,
der Wiesen und Dörfer bei der Schwüle eines heissen
Sommertages, wenn die Atmosphäre unter den sengen-
den Sonnenstrahlen zu vibriren scheint, gleich über-
zeugend zu schildern weiss wie bei völliger Klarheit
der Luft, wo alle Farben bis zu höchster Intensität
gesteigert sind. Endlich seien noch die farbenpoeti-
schen Ansichten aus Venedig und Amiens von Fritz
Thaulow, und Walther Leistikow's stimmungsvoller
Hafen in der Dämmerung mit einer wunderbaren
Spiegelung der weissen Wolken und der dunkelen
Schiffe in dem glatten Wasser erwähnt. In der Schwarz-
Weiss-Ausstellung war Max Liebermann durch eine
grosse Anzahl von Arbeiten ganz vortrefflich vertreten.

Unter den Skulpturen erregten vornehmlich die
Werke zweier in Brüssel lebender Künstler besonderes
Interesse. Constantin Meunier zeigte sich in einem
Relief, auf dem zwei Männer Pferde in das Meer
treiben, und der Statuette eines Holzfällers als der ge-
wohnte grosse Schilderer sieghafter männlicher Kraft,
während er in der »Melancholie" eine überlebensgrosse
Frauenbüste von feinstem Stimmungsgehalt schuf. Eine

ganze Anzahl Werke hatte Georges Minne gesandt.
Die Modellirung seiner nackten, überschlanken männ-
lichen Figuren ist meist vortrefflich. Ein schwer-
mütiger Zug geht durch seine ganze Kunst. Im
Gegensatz zu Meunier's Gestalten, die stolz, ihrer
Stärke sich bewusst, ihre Daseinsberechtigung zur
Schau tragen, scheinen Minne's schmächtige Menschen-
kinder von des Gedankens Blässe angekränkelt. Sie
leben, weil sie müssen, und eine Last ist für sie der
Kampf ums Dasein, dem sie sich nur mit Resignation
beugen. Vielversprechend ist der kleine Entwurf für
ein Denkmal, das in Überlebensgrosse auf einem
Brüsseler Friedhof für den Volksfreund Volders aus-
geführt werden soll: Zwei nackte Männer halten sich
gegenseitig am Borde eines schwankenden Schiffes
aufrecht, um nicht zu fallen, ein Symbol für das Streben
und die hilfreiche Thätigkeit des Verstorbenen.

In der kunstgewerblichen Abteilung war die Por-
zellanindustrie besonders durch Kopenhagen (Königl.
Manufaktur, Bing und Groendahl) vertreten. Die Ar-
beiten mit ihren stilvollen, naturalistischen Zeichnungen
und dem hellleuchtenden Email fanden Anklang und
wurden viel gekauft Zu einer besonderen Specialität ist
dort die Tierbildnerei in einem glänzend weissen Por-
zellan ausgebildet, worin man es, was Modellirung und
Sauberkeit der Ausführung betrifft, sehr weit gebracht
hat. Einen Hauptanziehungspunkt bildeten ferner
Tiffany's märchenhafte Glasgefässe, die mit ihrem eigen-
artigen bunten Schillern und ihren originellen Formen
und Ornamenten die moderne Glasindustrie auf ihrer
Höhe zeigen. Wenig am Platze schien mir eine
Sammlung Zinngefässe mit feinen ornamentalen Cise-
lirungen von Karl Gross in München, die sich weder
durch irgend welche Eigenart in der Formgebung
noch in der Zeichnung auszeichnete und als Ganzes
bei aller Sauberkeit der Ausführung einen banalen
Eindruck machte. Das Gleiche gilt auch von den
flachen reliefirten Zinnschalen, die Jules Desbois aus
Paris ausgestellt hatte. Glücklicher auf dem Gebiete
der Metallindustrie war Tony Seimersheim in Paris
mit einigen gänzlich anspruchslosen, künstlerisch aus-
geführten Gebrauchsgegenständen (Lampe, Leuchter,
Tintenfass etc.). Reizvoll waren auch Otto Eckmann's
schmiedeeiserne Leuchter mit ihren von Blattge-
winden umsponnenen Füssen. Von Bucheinbänden
war nichts wirklich Vollkommenes zu sehen, da die
dänische Gesellschaft für Buchgewerbe enttäuschte.
Geschmackvoll waren dagegen die Lederarbeiten der
Frau Thaulow. Auf textilem Gebiete waren nur die
von /. Thorn-Prikker im Haag gesandten Stoffe wirklich
hervorragend. Recht hübsch waren unter den Stickereien
der Fräulein Brinckmann in Hamburg einige, was Stil
und Ausführung betrifft. Einen eigenartigen Effekt
wusste Fritz Rentsch aus Dresden mit seinen Arbeiten
hervorzubringen, die in einer Verbindung von Malerei
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