Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 9.1898

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Dreiplattendruck „Auf dem Quai von Bordeaux" vertreten,
der besonders durch seinen schönen landschaftlichen Hinter-
grund wirkt. Der Genter Bacrtsoen hat einige sehr kräftige
kleine Landschaften aus Belgien und Holland (besonders
Veere, le soir) beigesteuert. Serrier's Landschaften sind
vielleicht ein klein wenig konventionell in der Naturauf-
fassung aber stimmungsvoll und fesseln durch ihre ganz her-
vorragende technische Ausführung. Ganz impressionistisch,
aber von einem gesunden und kräftigen Impressionismus sind
die Blätter Maufra's. Genannt seien ausserdem die Landschaf-
ten von Jacquin,jousset und Bejot. Robida hat ein paar neue
amüsante farbige Radirungen aus dem Radfahrerleben aus-
gestellt. Rassenfosse'''s „Junge Hexe" ist ein weiblicher Akt
von trefflichen Qualitäten. Ganz entzückend wirkt „Die
Fröstelnde" (la Frileuse) von Piguct, einem Franzosen, der
nach langem Aufenthalte in Amerika vor kurzem wieder
in die Heimat zurückgekehrt ist. Ein vielversprechender
liebenswürdiger junger Künstler ist Marius Borrel. Ausser
zwei grösseren Porträten (er selbst und seine junge Frau)
und einem höchst charaktervollen weiblichen Akt (einerstehen-
den „Magdalena") hat er eine Reihe ganz reizender kleiner
Blätter „An der Mutterbrust", „Dame am Klavier", „Die
Leserin" u. s. w. ausgestellt. Von ihm rührt auch das vom
frischesten Humor durchwehte Plakat der Ausstellung her.
Die Jüngste im Bunde endlich ist die zwanzigjährige Made-
moiselle Desaille. Augenblicklich steht sie noch etwas unter
dem Einflüsse Helleu's und Jeanniot's, aber ihr Humor, ihre
unerschöpfliche Erfindungsgabe und ihre jetzt schon erstaun-
liche Technik lassen für die Zukunft das Beste erhoffen.
Erwähnt seien noch einige neue kraftvolle Tierstücke von
van Muyden (z. B. Tiger, die eine Antilope zerreissen) und
Barrillot. a.

München. — Im Kunstverein hat der „Münchener Radir-
Vcrcin" eine Schwarz-Weiss-Ausstellung von ungefähr 200
Blättern veranstaltet. Unter den ausgezeichneten Arbeiten
ragen durch künstlerische Eigenart und technische Vielseitig-
keit Bernhard Pankok und Emil Orlik hervor. Die breite
und malerische Auffassung in der „Landschaft mit Bäumen"
von B. Pankok bestätigt die Hoffnungen, die der junge
Künstler vornehmlich durch sein tiefempfundendes Schwarz-
Kunstblatt „Die Elegie" (ein Violinspieler auf der Garten-
bank) erweckt hat. Auch sein Farbenholzschnitt (Porträt)
überrascht durch erstaunliche Sicherheit in Strich und Farbe.
Erfreulich vor allem ist die echte und einfache Empfindung
seiner Arbeiten, die nur schwer sich an fremde Vorbilder
anpasst, während andere, wie E. Neumann, in ihren farbigen
Steindrucken gern französischen Anregungen folgen, wie sie
Steinlen, Lunois und Maurin gegeben haben. Jedenfalls
erweitern auch unsere Münchener Künstler durch glückliche
Versuche allseitig das grosse Gebiet der graphischen Künste.
Welche Mannigfaltigkeit des Verfahrens bei der Radirtechnik
möglich ist, hat W. Ziegler durch seine dankenswerte und
lehrreiche Sammlung von Platten und Abdrücken gezeigt,
die alle Zustände von der ersten Behandlung der Kupfer-
platte an bis zum fertigen Druck auf den verschiedenen
Papieren klar veranschaulicht. Mit ungemein lebendigen
und anregenden Porträtstudien tritt Heinrich Wolff auf.
Auch die stimmungsvollen Landschaften Ubbelohde's, die
Rötelzeichnungen von Fritz Erler, die feinen Zierleisten von
Meyer-Cassel, die Arbeiten Becker-Gundahl's und E. Berger's
zeugen von dem eifrigen Streben und den glücklichen
Leistungen, durch die sich der Münchener Radirverein seine
vornehme Stellung geschaffen hat. A. w.

* t * Die Münchener Secession wird ihre diesjährige
Sommerausstellung am 1. Mai in dem Kunstausstellungsge-

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bäude am Königsplatz gegenüber der Glyptothek eröffnen,
dessen Räume nach dem Vorbild des früheren Ausstellungs-
gebäudes ausgestattet werden. Der internationale Charakter
wird gewahrt bleiben. Aus Schottland, Belgien und Frank-
reich werden hervorragende Werke zu sehen sein, und eine
Kollektion von russischen und finnländischen Bildern wird
die neuere Kunstbewegung dieser Länder vorführen. Spe-
cielle Sorgfalt wird der Plastik gewidmet, für die ein beson-
derer Saal errichtet wurde. Auch das Kunstgewerbe wird
in einzelnen vorzüglichen Stücken Berücksichtigung finden.

A. R. Aus Berliner Kunstausstellungen. Bei Keller und
Reiner, die in Bezug auf die Schaustellung der jeweilig
letzten Neuheiten der „neuen Kunst" dem Gurlitt'schen
Salon mehr und mehr den Rang streitig machen, hat sich
auch der seltsame Norweger Eduard Münch wieder
eingefunden. Es ist das dritte Mal, dass er in Berlin
sein Glück versucht. Seine Mittel, Sensation zu erregen,
haben sich aber erheblich abgestumpft. Während man auf
seinen Ölgemälden, mit denen er zuerst im Verein Berliner
Künstler debütirte, wenigstens das Wort aus Hamlet von der
Tollheit, die gleichwohl Methode hat, anwenden konnte,
hat er inzwischen seine unleugbare, wenn auch keineswegs an-
genehme Originalität völlig eingebüsst. Sie ist ihm während
eines längeren Aufenthalts in Paris abhanden gekommen,
wo er sich von verschiedenen führenden Geistern so stark
beeinflussen Hess, dass er nicht mehr über nichtige Expe-
rimente hinauszukommen vermag. Wie man sagt, soll auch
seine übergrosse Nervosität die Schuld daran tragen, dass er
sich in allem versucht und auf keinem Gebiet etwas Eigenes
mehr zu stände bringt. Seine Zeichnungen, Radirungen,
Lithographien u. s. w. sind jedes zeichnerischen und male-
rischen Reizes völlig bar, und man kann nicht einmal, um
bei Hamlet zu bleiben, darüber klagen, dass hier ein edler
Geist zerstört ist. Die meisten dieser Arbeiten haben mit
wirklicher Kunst und Kunstübung nichts zu thun. — Einen
erfreulichen Aufschwung haben wir dagegen in den Kalte
Nadel-Arbeiten oder, wie die Franzosen sagen, „Trockenstift-
Radirungen" des Parisers Helleu erkannt, die ebenfalls bei
Keller und Reiner ausgestellt sind. Meist Studien, vielleicht
auch Bildnisstudien nach jungen Frauen, Mädchen und
Kindern in Stellungen und Lagen, die man nicht anders als
mit Anlehnung an ein französisches Wort „wellenartig,,
(onduleuses) nennen kann. Diese Blätter sind von grosser
Anmut; namentlich sind die Profile der Dargestellten von
wunderbarer Reinheit und Schönheit. Es liegt aber die Ge-
fahr nahe, dass diese Art von Naturanschauung sehr bald
in Ivianierirtheit verfallen wird, wie fast alle Modeerschei-
nungen in der Kunst. Dieselbe Gefahr laufen auch die
Kunstgläser des Franzosen Galle' in Nancy, der jetzt schon
Vasen, Kannen und Trinkgefässe anfertigt, deren koloristische
Reize durch in ihrem Innern angebrachte Glühlichter noch
verstärkt werden. So lange man in der Ästhetik des Kunst-
gewerbes noch an einem gewissen Zusammenhang zwischen
Form und Zweck festhält, wird man diese Vergewaltigung
der Formen zu widersprechenden Zwecken ablehnen müssen.
Vollen Beifalls sind dagegen die Ziermöbel Galle's aus
Vogelahornholz mit feinen, massvollen Naturalismus zeigen-
den Intarsien nach vegetabilischen Motiven wert.

A. R. Der Verband deutscher Illustratoren hat in Berlin,
in der Kunstakademie, eine erste Ausstellung veranstaltet,
um, wie es in dem Kataloge heisst, der „Illustration den ihr
gebührenden Platz und Ansehen zu gewinnen und zugleich
der Öffentlichkeit zu zeigen, wie viele und bewährte Kräfte
thätig sind, den Bedarf der periodischen Zeitschriften und
der Buchillustration zu befriedigen." Die Verwirklichung
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