Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 9.1898

Page: 371
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Die erste Ausstellung der „Vereinigung bildender Künstler Österreichs".

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Unter den deutschen Malern kommen verschiedene
Künstler ersten Ranges in Betracht, die aber nicht
alle durch Werke ersten Ranges vertreten sind. So
Uhde (mit „Christi Predigt am See", ein Bild von
einigen bedeutenden Qualitäten, aber nicht durchweg
gleichwertig und harmonisch), Klinger, mit einem
Ölbild „Am Strande", das in dem unmalerisch em-
pfundenen, hart gezeichneten weiblichen Körper be-
weist, dass Klinger eigentlich zum Plastiker und
Zeichner und nicht zum Maler prädestinirt ist; in
den ebenfalls ausgestellten Original-Federzeichnungen
(nicht Radirungen, wie man beim ersten Blicke
glauben könnte) zu „Amor und Psyche", liefert der
Künstler einen doppelten Beweis dafür, wozu ihn
das Schicksal ausersehen hat. Da die herrlichen
Zeichnungen bekannt sind, muss ich auf den Genuss
verzichten, näher auf sie einzugehen. Eine Ausnahme
unter den ungünstig vertretenen Deutschen macht
Gotthart Kuehl mit seinem meisterhaften Bilde „Vor
der Schicht". Ihm schliessen sich an mit älteren
Arbeiten: Liebermann, Koepping, Herterich, Skarbina,
Kalchreuth und Stuck (mit einigen Pastellköpfen von
kaum durchschnittlicher Güte und einer der vielen
Varianten seiner „Sünde"). Von den Worpswedern
sind Vogeler (der genialste) und Mackensen (der
ehrliche) zur Stelle, Maus Olde mit seinem sonnen^
durchglühten Erntebild.

Die Österreicher, d. h. die ordentlichen Mitglieder
der Vereinigung, sind nicht alle vertreten, weil sie,
dem pädagogischen Zweck dieser ersten Veranstaltung
entsprechend, diesmal dem Ausland den Vortritt ge-
lassen haben. Trotzdem sind sie, sowohl die Wiener,
wie auch die auswärtigen Polen, Tchechen etc.
mit interessanten und durchweg anregenden, selb-
ständigen Arbeiten auf dem Kampfplatz erschienen.

Dass der Ehrenpräsident der Vereinigung, der
greise Rudolf von Alt, mit fünf seiner zum Teil aus
diesem Jahre stammenden Aquarellen (so z. B. das
schönste darunter, eine Ansicht von seinem beliebten
Stephansdom) vertreten ist, zeugt von der erstaunlichen
Frische und Sehkraft des ehrwürdigen Meisters, dessen
jugendkräftiges Empfinden ihn mit vollem Recht den
„Jungen" zugesellt hat.

Erwähnenswert ist ein interessantes grösseres Bild
von Wilhelm List, der in Paris studirt hat und, zur
Heimat zurückgekehrt, zu den „Freunden" der Ver-
einigung, wenn auch nicht zu ihren Mitgliedern zählt.
Das Bild ziert eine geschmackvolle Umrahmung nach
dem Entwurf des Architekten Hoffmann und ist be-
titelt: „Letzter Sang, den Sang des Todes, lehrt den
Schwan des Sanges Gott."

Nun zur Plastik, der Kleinkunst und dem Kunst-
gewerbe. Charakteristisch für die Plastik ist diesmal
die Kleinplastik, die zum Kunstgewerbe hinüberweist.
Die Franzosen geben auch hier die Dominante an.

Voran Alexandre Charpentier mit einer langen Reihe
von Plaketten, Reliefs, Bronzen, Zinn- und Silber-
arbeiten, Majoliken und einer eigenartigen stilistischen
Behandlung farbiger Lithographien „mit Pressung",
d. h. zum Teil in Flachrelief heraustretend. Ihm
schliesst sich der temperamentvolle Auguste Rodin
an mit einer Reihe von Gipsfragmenten zu seinem
Victor Hugo-Monument und allerlei Capricen ä la Fe-
hden Rops, nebst einer entzückenden kleinen aus-
geführten Marmorarbeit „Die Freundinnen" (zwei
nackte Mädchen in zärtlicher Liebkosung). Mit sechs
kleinen Bronzen („die Serpentintänzerinnen") und zwei
Holzschalen mit weiblichen Figuren, die sämtlich den
eigentümlichen, etwas ordinären holländischen Gesichts-
typus zeigen (offenbar ein und dasselbe, für „bewegte"
Stellungen talentirte Modell!), ist Francois Rupert
Carabin vertreten; mit Salzfässern und verschiedenen
Fruchtschalen in Silber, Jean Baffier. Bronzen und
feingetönte Steinreliefs, nebst einer ungemein geist-
vollen Porträtbüste (in Bronze) der Schauspielerin
Segant-Weber bringt der in letzter Zeit so bekannt
gewordene Vallgren. Die interessanten nervösen Ge-
sichtszüge der Schauspielerin mit dem fast knaben-
haften, man könnte sagen „geschlechtslosen" Ausdruck
und der schönen, aber flachen Büste, sind ein Meister-
werk psychologischer Charakteristik. Von Jean Dampt
sind einige seiner prächtigen Kinderköpfe in Gips
zu sehen, die den lebhaften Wunsch erregen, auch
einmal eine Jean Dampt-Ausstellung ausserhalb Frank-
reichs zu veranstalten! Drei Belgier ersten Ranges,
der Architekt Henri van der Velde (mit Buchein-
bänden), Charles van der Stappen (mit Bronzesta-
tuetten) und Constantin Meunier, mit seinen bekannten
Bronzen der Bergwerks- und Hüttenarbeiter, geben
ein vorteilhaftes Bild von der künstlerischen Potenz
ihrer Nation. Meunier ist ausserdem durch eine ganze
Reihe seiner Pastellbilder und Studien aus den Kohlen-
bergwerken, Gruben, Ziegeleien und kleinen Hafen-
plätzen seines Studiengebietes repräsentirt, die sämtlich
in dem schwarzen Qualm der Fabrikschlote eingehüllt,
ein packendes Bild von der drückenden Atmosphäre
geben, in der diese Menschen arbeiten und sterben.

Ein hochinteressanter Bildhauer ist der in Italien
lebende Russe Paolo Troubetskoy, dessen in Silber-
bronze gearbeitete kleine Damenporträts und Soldaten
„zu Ross" die volle Beherrschung der Formen mit
malerischer Wirkung vereint zeigen. Unter die Klein-
plastiker ist übrigens diesmal auch Franz Stuck ge-
gangen mit einer prächtig bewegten, zum Speerwurf
ausholenden „Amazone".

Unter den kunstgewerblichen Objekten seien
noch die Bucheinbände Fritz Erler's hervorgehoben,
und unter den keramischen die Arbeiten des Dänen
Kühler und die aus der Kopenhagener Königl.
Porzellanfabrik. Versilberte Bronzen sandte der
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