Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 9.1898

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Das Liller Museum.

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Phantasiegewalt und gigantischen Formenüberfülle,
die den temperamentvollen Franzosen auszeichnet
(«Sphinx«, „Qorgonenhaupt", «Die Oedanken" u.a. m.).
Ihm schiiesst sich Frcmiet mit seinem v Gorilla, ein
Weib raubend" an. Unser Klmger zeigt die herbe
Kraft seines Meisseis an einer in strenger Linienfüh-
rung und Modellierung ausgeführten nackten weiblichen
Gestalt (Badende). Gegen diese Kernsprache macht
sich die anmutige nackte kleine Kugelspielerin (Mar-
mor) von Walter Schott etwas «zu gefällig", aber die
Statuette ist sehr fein in der Bewegung und lebendig
bis in die Fingerspitzen hinein. Klinger bietet übri-
gens den Wienern auch zum ersten Mal Gelegenheit,
seine grosse «Kreuzigung" in Augenschein zu nehmen.
Was ich über KHnger's Beruf zum eigentlichen Maler
in meinem letzten Bericht niederschrieb, braucht hier
nicht wiederholt zu werden. Nur so viel ist leicht
zu verstehen: die Wiener «begreifen« Klinger kaum —
auch das Grosse in seinen Gemälden nicht. Ihnen
wird unbehaglich bei seinem Ringen nach einem Aus-
druck, der aus dem tiefsten Grund der Mannesseele
heraufstöhnt, wie in unerhörtem Werdeschmerz. Es
ist als wehte uns eine rauhe Höhenluft an und frös-
telnd wenden sich die Wiener ab und — weicheren,
gefälligeren, netteren, «chickeren« Bildern zu,

Die französischen Maler haben sich zahlreich ein-
gefunden. Ein Name allen voran: Claude Monet.
Wie doch die Hand des Genius, wo sie sich immer
zeigt, den Talenten gefährlich wird! Auch hier. Es
sind nur zwei kleinere Bilder da, aber sie schlagen
für den, der sie ganz in sich aufnimmt, die Um-
gebung tot. Und doch ist diese Umgebung nicht
schlecht: Carolus-Duran, Leon Bonnat, Roybet und
Paul Albert Laurens sind Meister, die alle ihren Mann
stellen. Des letzteren «Heilige Frauen" ist eine vor-
nehme, grosszügige Arbeit. Aber Monet ist gross im
Kleinen. Er hat den Raum im Naturganzen erfasst,
wie in jedem seiner kleinsten Ausschnitte. «Kirche in
Varangeville" heisst ein Bild. Was geht uns die Kirche
an? Die könnte fehlen und das Bild wäre innerlich
noch dasselbe, eine „heroische" Landschaft „ohne
Heroen", eine Abendstimmung in gedämpftem Durklang,
weiter nichts. Und nun das zweite: „Argenteuil". Dort
hat der Künstler lange gelebt und ist mit der Natur
eng zusammen gewachsen. Fünf Bauernhäuser, eins
wie das andere, eine Reihe Bäume davor, einer ähn-
lich dem andern, ein blühendes „Senffeld", rote Mohn-
blumen, vom Wind durchweht. Am Himmel fliehende
Wolken mit etwas Blau dazwischen. Hellrot, hellblau,
hellgelb, hellgrün — die lachenden Farben des Früh-
lings, vom Lebenshauch berührt. Und diese Sonnen-
freude darüber ausgegossen! Tausende nehmen die-
selben Farben und mischen sie auf der Palette und es
wird doch keine Sonne daraus.

Die übrigen Franzosen haben meist ältere Werke

eingeschickt (Puvis de Chavannes «Magdalena",
Rochegrosse — „Der Kampf um das Glück", Realier-
Dumas — „Pompeji", Aime'-Morot — „Stiergefecht",
Fantin-Latour — „Scene aus Rheingold", Aman-
Jean — „Jugend", Detaille — „Don-Kosacken und
Gardegrenadiere", Henri Harpignies — „Insel St.
Marguerite bei Antibes", und andere); die Russen
sind durch zwei ihrer Grossen: Ilja Repin («Barken-
zieher an der Wolga") und Marc Antokolsky („Mephi-
stopheles", „Christuskopf") vertreten; England durch
Stott of Oldham, Arthur Hacker, William Morris,
Walter Crane, Nisbet; Amerika durch Alexander
Harrison, Charles Sprague Pearce, Melchers, Hitchkock;
Spanien durch Pradilla, Sorolla-Bastida („Beim Segel-
nähen"); Belgien durch Albrecht de Vriendt (Kom-
position zu den Dekorationen des Schöffensaales im
Rathause von Brügge), Franz van Leemputten, Jos.
Leempoels, van der Stappen; Norwegen durch Sinding,
Thaulow („Alte Fabrik in Norwegen") und endlich
Deutschland durch Bildhauer wie Begas, Eberlein,
Schilling, und Maler wie Gebhardt (nebst einigen
Gebhardt-Schülern), Menzel, Trübner („Medusen haupt"),
Lenbach, Hugo Vogel, Peter Janssen, Rocholl, Schön-
leber, Richard Friese, Willy Hammacher und Anton
v. Werner. Unter den österreichischen Künstlern
wären noch zu erwähnen: Myslbeck, Darnaut, Lauten-
schläger, Veith, Egger-Lienz, Delug (Votivbildnis),
Angeli, Defregger, Hans Temple, Lichtenfels, Poch-
walsky, die beiden Russ, Ribarz, Konopa, Franz
Thiele („Entwurf für ein Mosaik"), Horovitz, Stephan
Schwarz, Swoboda, Matsch u. a. m. Den „Katalog
abzuschreiben" ist nicht Sache des Berichterstatters.
Auch diese Aufzählung macht keineswegs Anspruch
auf Vollständigkeit.

Dass die Ausstellung im Künstlerhause an Umfang
natürlich grösser ist als die in der Gartenbaugesell-
schaft, dabei aber keine so strengen Gesichtspunkte
gelten lassen konnte, bedarf wohl keiner Begründung.
Das Arrangement ist mit grossen Schwierigkeiten ver-
knüpft gewesen und verdient Anerkennung, trotz
der stellenweise unvermeidlichen Überfüllung. Diese
Riesenkunstmärkte sind ja auf die Dauer unerträglich
und man wird sie in künstlerisch feinfühligem Kreise
auch nicht ewig dulden können. Ist der künstlerische
Geschmack erst etwas allgemeiner geworden, so wird
man sie in ihre Grenzen zurückweisen. Die Kunst
wird im einzelnen ihrer Entwicklung entgegengehen.
Was aber diese Ausstellung lehrt, das ist der heil-
same Einfluss der Konkurrenz für die Neubelebung
der Kunst in Wien.

W. SCHOLERMANN.

DAS LILLER MUSEUM.
Über dem Liller Museum schwebte in den letzten
Jahren ein Unstern, nachdem es 1892 aus dem Stadt-
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