Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 9.1898

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Vom Kunstmarkt.

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Bekanntlich heiratete der grosse Satyriker Addison, nach
dem Tode des Grafen Warwick im Jahre 1716, dessen Witwe.
Damals bewohnten die Neuvermählten Holland-House. Nach
dem Tode beider gelangten 35 der dort befindlichen Ge-
mälde nach „Bilton Hall", und haben als Sammlung
nach diesem Ort ihren Namen erhalten. In allen zweifel-
haften Fällen diente diese Kollektion als Norm für die Fest-
stellung der bezüglichen, vielfach in die englische Geschichte
eingreifenden Persönlichkeiten. Ausserdem besitzt die ge-
nannte Kollektion einen hohen historischen Wert, weil die
Bilder niemals aus dem Familienbesitz entfernt wurden und
auch vorher nicht durch Auktion dorthin gelangt waren.
Ferner ist eine ganze Reihe dieser Bilder wenig oder gar
nicht durch Vervielfältigung bisher bekannt geworden. In
Anbetracht dieser aussergewöhnlichen Umstände — ob-
gleich nicht alle Werke von ersten Meistern angefertigt
worden waren — hatte sich zu diesem Verkauf doch die
englische und auswärtige Elite des Auktionspublikums ein-
gefunden. Die erwähnenswertesten Objekte und die dafür
gezahlten Preise waren folgende: Van Dyck, „Prinz Rupert",
15120 M. (Fischoff). Van Dyck, „Prinz Moritz", 11740 M.
(Fischoff.) P. de Champagne, „Anna von Österreich", 2520 M.
(Grace). George Villier, der erste Herzog von Buckingham,
von Oerbier gemalt, 4200 M. (Doig). Weibliches Porträt,
von Myiens, 8400 M. (Agnew). Van Dyck, „Der Graf von
Holland", 3045 M. (Williams). Lord Kensington, von van
Dyck, 2415 M. (Fischoff). Van Dyck und Stone, Karl I.
zu Pferde, 5355 M. (Fischoff.) Mehrere Porträts der ver-
schiedenen Grafen von Warwick, Schulbilder van Dyck's,
erzielten 1200—1500 M. Die sehr interessanten, aber nicht
intakten Porträts von Kneller's Hand, welche Addison und
die Gräfin Warwick darstellen, erreichten aus letzterem
Grunde nur 1134 M. (Sampson), bezüglich 1092 M. (Bar-
clay). — Da die Auktionssaison noch immer in ihrer Hoch-
blüte steht, so konnte an demselben Tage gleichfalls
bei Christie eine nicht minder interessante Auktion abge-
halten werden, in der zwei der schönsten Arbeiten Romney's
zum Angebot gelangten: „Die Marquise von Townshend",
115500 M. (Seymour). Dies Werk stammt aus dem Jahre
1793. Romney erhielt dafür 2000 M. Im ganzen hat
er die Marquise von Townshend dreimal gemalt. Dies Bild
hier ist niemals aus dem Familienbesitz herausgekommen
und auch bisher nicht gestochen worden. Die Marquise ist
sofort erkennbar an ihrer Ähnlichkeit mit dem Porträt von
Reynolds7 Hand in der „National-Gallery". Hier ist sie mit
ihren Schwestern gemeinschaftlich in dem Bilde darge-
stellt, das sich „die drei Grazien" betitelt. Letzteres gilt
als eins der besten Werke Reynolds. Der andere Rommy
stammt aus dem Jahre 1790 und ist das Porträt der
Madame „Susan Jouenne", 63000 M. (Major Carpenter).

Ein charakteristischer Hoppner, „Mrs. Jnchbald", kam auf
21 000 M. (Agnew). Vor einigen Jahren wurde dies Bild
für etwa 100 M. verkauft. A. Canaletto, „Maria della
Salute", 3885 M. (Colnaghi). Teniers, „Ansicht des Schlosses
von Teniers", 13650 M. (Colnaghi). Dies Bild ist in
„Smith's Catalogue raisonne", Nr. 152, beschrieben. Holbein,
Porträt des Richters More, 3990 M. (Jeffrey). Holbein,
Porträt Eduard VI., 3780 M. (James). M. Shee, Damen-
porträt, 5670 M. (Wallis). Romney, Porträt von Mr.
J. Parker, 6300 M. (Sedelmeyer). M. Hondekoeter, 1670
datiert und bezeichnet, „Das Vogelconcert", 7560 M. (Mar-
tineau). Paris Bordone, Damenporträt, 15 120 M. (Sedel-
meyer). Rubens, Die heilige Familie, 27300 M. (Reeves).

ö" London. — Am 30. Juni beendete Christie die
Auktion einer der berühmtesten Specialsammlungen Eng-
lands. Es betrifft dies die Kollektion von Scarabäen, Cameen
und Intaglims, dem Besitze des verstorbenen Mr. A.Morrison.
Im ganzen gelangten 295 Nummern zum Verkauf, die einen
Erlös von 88000 M. erzielten. Die bemerkenwertesten Ob-
jekte waren folgende: Ein frühgriechisches Werk, die in
Chalcedonstein ausgeführte Gravierung eines geflügelten
Greifen, 700 M. Eine altetruskische Scarabäe, die gravierte
Figur eines knieenden Hermes, 800 M. Ein ähnliches Stück
mit der Figur eines Athleten, aus der Beckford-Sammlung
stammend, 1200 M. (Guikenhain). Ein gravierter Kopf,
ägyptischer Typus, dunkelgrüner Basalt, 920 M. (Ready).
Ein Apollokopf, 700 M. (Ready). Ein sehr schönes Intaglio,
das Brustbild der Domitia, 1680 M. (Ready). Ein Sardonix,
graviert mit dem Porträt von Arsinoe IL, 1000 M. (Ready).
Eine Camee, roter Jaspis, geschnitten von dem berühmten
Meister Pistrucci, das Haupt der Medusa darstellend, 800 M.
(Ready). Ein Goldring mit einer Camee, Bacchus, 3700 M.
(Whelan). Ein griechischer Goldring mit Intaglio, der junge
Bacchus, in Tarsus gefunden, 4600 M. (Whelan). Das be-
rühmte Petschaft, bekannt als das des Asander, 9200 M.
(Whelan). Dies Juwel wurde in Kertsch gefunden, von
Apollonius gestochen, der Porträtkopf stellt Asander,
König des Bosporus dar. Ein antiker Goldring mit einer
prachtvollen syrischen Granate, auf welcher der Kopf der
Pallas graviert ist, 2200 M. (Whelan). „Der Sessa-Ring",
eine italienische Arbeit aus dem 14. Jahrhundert, 1845 in
Sessa, dem ehemaligen Königreich Neapel, gefunden und
von Sir F. Madden beschrieben, 2900 M. (Whelan). Eine
Onyx-Vase mit fünf eingeschnittenen Gruppen, 3100 M.
(Cutter). Eine griechische Vase, aus der besten Kunstepoche,
17V2 engl. Zoll hoch, gemalte rote Figuren auf schwarzem
Grund, 1100 M. (Whelan). Eine schöne Amphora, athe-
nische Arbeit, ca. 400 v. Chr., 1000 M. (Ready). Eine
venezianische Flasche, ca. 1500, Rubinglas, 2000 M. (Harding).

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