Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 9.1898

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KUNSTCHRONIK

WOCHENSCHRIFT FÜR KUNST UND KUNSTGEWERBE.

HERAUSGEBER:

ULRICH THIEME und RICHARD GRAUL

Verlag von SEEMANN fr Co. in LEIPZIG, Gartonstrasse 17.

Neue Folge. IX. Jahrgang. 1897/98. Nr. 32. 18. August.

Redaktionelle Zuschriften nimmt ausser Herrn Dr. U. Thieme, Leipzig, Erdmannstr. 17 auch Herr Dr. A. Rosenberg,
Berlin SW., Yorkstrasse 78 entgegen.

Die Kiinstclironik erscheint als Beiblatt zur „Zeitschrift für bildende Kunst" und zum „Kunstgewerbeblatt" monatlich dreimal, in den Sommer-
monaten Juli bis September monatlich einmal. Der Jahrgang kostet 8 Mark und umfasst 33 Nummern. Die Abonnenten der „Zeitschrift für bildende
Kunst" erhalten die Kunstchronik gratis. - Für Zeichnungen, Manuskripte etc., die unverlangt eingesandt werden, leisten Redaktion und Verlags-
handlung keine Gewahr. Inserate, ä 30 Pf. für die dreispaltige Petitzeile, nehmen ausser der Verlagshandlung die Anuoncenexpeditoncn von Haasen-
stein & Vogler, Rud. Mosse u. s. w. an.

Die nächste Nummer (33) der Kunstchronik erscheint am 15. September.

DAS CONDE-MUSEUM IN CHANTILLY.

Der erste Eindruck, den der Besucher des vor
wenigen Monaten eröffneten Musee Conde empfängt,
ist der unendlicher Vornehmheit: er befindet sich
in einem Schlosse, nicht in einem Museum. Des
Sonntags allerdings, wenn die zahlreichen Radfahrer
und Radfahrerinnen, für die Chantilly das Ziel eines
bequemen Tagesausfluges bildet, in ihren bestaubten
Kostümen die Räume füllen, wenn die derben Schritte
des Provinzialen auf dem glatten Parkettboden dröhnen
oder das Gekicher einer Bauerndirne, die noch nie
einen gemalten Akt gesehen, unser Ohr erreicht, dann
wird dieser Eindruck leicht gestört; wem es aber ver-
gönnt ist, an einem der stillen nichtöffentlichen Tage
die Räume zu durchwandeln, der kann sich wohl vor-
stellen, er sei noch bei Monseigneur zu Gaste. Ob-
wohl das Schloss in seinem Hauptteil erst vor sechzehn
Jahren vollendet worden ist — der frühere Bau war
bekanntlich während der Revolution zerstört worden—,
werden wir doch auf Schritt und Tritt an die grosse
Vergangenheit erinnert. Der letzte Schlossherr hat es
verstanden — und das ist ein Zug, den ihm so leicht
kein Parvenü nachmachen wird — sich hinter seine
erlauchten Vorgänger, besonders den Connetable Anne
de Montmorency und den Grand Conde bescheiden
in die zweite Linie zu stellen. Alles atmet seinen Geist,
nirgends aber drängt sich die Erinnerung an ihn in
plumper Weise auf.

Lassen wir es dahingestellt sein, ob der Herzog
von Aumale wirklich ein so hervorragender Kunst-
kenner gewesen ist, wie ihn begeisterte Nekrolog-

schreiber geschildert haben. Nicht alles, was er während
seiner langen Verbannung in Twickenham und nach
seiner Rückkehr nach Frankreich erworben hat, ist ersten
Ranges. Die 180000 Franken, die er für das trockene
und leere Bild „Die Kürassiere« von Meissonnier be-
zahlt hat, hätten sicherlich fruchtbringender angewendet
werden können. Aber den Ruhm kann ihm niemand
streitig machen, dass, wenn erfahrene Berater ihn auf
ein Kunstwerk höchsten Wertes aufmerksam machten,
dessen Erwerb möglich schien, er keine Mühe und
kein Geldopfer scheute. So besitzt das Musee Conde
einige Werke, die seinen Besuch zu einer Quelle des
höchsten Kunstgenusses machen. Die folgenden Zeilen
sollen weder eine historische noch eine kritische Studie
sein, sie wollen nur einen Überblick über die Samm-
lungen und ihre Anordnung geben, bei dem allerdings
kurze Urteile erlaubt sein mögen. Wer über die
Gemälde sich näher unterrichten will, dem stehen die
drei Bände des sorgfältig gearbeiteten, schön ausge-
statteten Gruyer'schen Galeriewerkes zur Verfügung.
Doch sei bemerkt, dass der Raum für die modernen
Bilder, die nicht den uninteressantesten Teil der Samm-
lung bilden, darin sehr karg bemessen ist. Über die
Geschichte des Schlosses und seiner Besitzer, über
die Zeichnungen und Manuskripte u. s. w. geben die
knappen Aufsätze erwünschten Aufschluss, welche die
Revue de l'Art ancienne et moderne im April zu einer
prachtvollen Festnummer vereinigt hat. Indes bleibt
auch auf diesen Gebieten für den Forscher noch viel
zu thun übrig.

Wenn wir an dem nicht sehr grossartigen Denk-
mal des Connetable von Montmorency von PaulDubois
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