Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 9.1898

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Kunstblätter.

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Empfinden des Kindergemüts sehr glücklich geschil-
dert. Das Schwesterchen hat ihre Arme um den
Nacken des grösseren Bruders geschlungen und drängt
sich lächelnd im Gefühl des Geborgenseins an ihn.
Vorzüglich ist das Selbstbewusstsein infolge seiner
Beschützerrolle in den weichen Knabenzügen zum
Ausdruck gebracht. — Constantin Meunier, wohl der
in Deutschland bekannteste belgische Künstler, ist
ausgezeichnet durch eine Reihe von Werken vertreten,
unter ihnen eine seiner berühmtesten Schöpfungen,
die überlebensgrosse Bronzestatue, d Hammer-
meister«. Diese Statue, in der die klassische Monu-
mentalität, mit der Meunier die Arbeiter unserer Tage
verewigt, zu typischem Ausdruck kommt, ist schon
wiederholt beschrieben und gewürdigt; ich will mich
im weiteren darauf beschränken, zwei Arbeiten
Meunier's anzuführen, die noch nicht zu den bekann-
teren zählen dürften. Es ist der Kopf eines Ernte-
arbeiters, ein Hochrelief, vom Denkmal der Arbeit,
und eine weibliche Büste, «die Melancholie«. In den
grossen Zügen des edel schönen Frauenantlitzes liegt
eine tiefe Trauer, ein Ausdruck von wunderbarer
Weichheit, der es aber an Grösse nicht fehlt. Der
halbverhüllte Kopf, Hals, Schulter und Arme haben
einen Linienfluss von klassischer Schönheit. — Von
lsidoor deRudder ist unter vielem anderen eine lebens-
grosse Bronzestatue, «die Wahrheit", ausgestellt. Ein
nacktes Mädchen, dessen jugendliche Formen von
reiner Schönheit sind, lehnt an einerStange mit Brunnen-
rad und Tau. Gesicht und Haltung geben den Aus-
druck des Erwachens nach langem schweren Schlaf
wieder. — Eine kleine Bronzegruppe von Hippoliet
Le Roy schildert mit liebenswürdigem Humor ein
lachendes Mädchen, das ihr schreiendes und sich
sträubendes Brüderchen fortträgt. — In eigenartig
steifer, aber charakteristischer Stellung giebt George
Minne's Bronzestatuette «gewonde" einen am Ober-
arm verletzten Knaben, der sich mit dem Munde die
blutende Wunde aussaugt. Die Haltung der mage-
ren eckigen Glieder, vorzüglich der Arme, ist gut
beobachtet und originell gegeben. — Ein Kunstwerk
von tiefem Gefühlsgehalt ist Pieter Braecke's prächtige
Gruppe „Weduwe", eine mit zwei Kindern, vermut-
lieh am Grabe, knieende Frau. Das magere feine Ant-
litz der Witwe drückt eine leidvolle, müde Traurigkeit
aus; mit dem linken Arm umfasst sie ein gleichfalls
knieendes Mädchen, dessen kummervolles Kinder-
gesichtchen rührt. Rechts legt sich der Arm der Frau
um einen stehenden Knaben, an dessen Kopf sie ihr
schmerzvolles Haupt, Stütze suchend, anlehnt. Es ist
ein sehr feiner Zug vom Künstler, uns so im Bilde
tiefster Trauer anzudeuten, dass der vereinsamten
Frau ihr Sohn einst Trost und Stütze sein werde. —
Eine innere Verwandtschaft mit Braecke's eben be-
schriebener Gruppe zeigt Willem Charlier's „moederlijke

onrust«. Eine arme Frau sitzt auf den Stufen einer
Treppe und bewacht mit sorgenvollem Ausdruck den
Schlaf des in ihren Schoss gebetteten Knaben. —
Drei Arbeiten von Rarel van der Stappen waren leider
noch nicht angelangt, als ich die Ausstellung besuchte.

G. B.

KUNSTBLÄTTER.

Rom. — Die neuen Kataloge des grossen Photographischen
Verlags von Domenico Anderson in Rom sind kürzlich er-
schienen und verdienen die grösste Beachtung. Dieselben
enthalten alles, was im Laufe des letzten Jahres an Veduten,
Monumenten und Gemälden in Mittel- und Oberitalien auf-
genommen wurde und sind zum Teil zum ersten Mal mit
wohlgelungenen Phototypien ausgestattet. Der römische
Katalog beginnt die Reihe. Durch ihn ist die Sammlung
der Denkmäler Roms zu einer Vollständigkeit geführt, wie
sie kein anderer Photographie-Verlag aufzuweisen hat, und
überdies sind bei den Attributionen mit grösster Gewissen-
haftigkeit stets die neuesten Forschungen, nicht nur die ita-
lienischen, sondern auch die deutschen berücksichtigt worden.
Das Hauptkapitel des Katalogs umfasst das Appartamento
Borgia, aus welchem einige reizvolle Details abgebildet sind.
Wären nur schon alle Aufnahmen im Handel! Ein Sternchen
bei der Nummer bedeutet, dass der Vatikan diese Photo-
graphie — und leider sind ihrer nicht wenige — noch immer
nicht freigegeben hat. Allerdings ist auch trotzdem noch
das Abbildungsmaterial, das uns heute vom Appartamento
Borgia zur Verfügung steht, ein ungeheuer grosses, besonders
in den zahlreichen Details für jede kunstkritische Forschung
fast völlig ausreichendes. Schätze aus römischen Privat-
sammlungen, dieVenturi zuerst in seinen Tesori d'arte inediti
veröffentlicht hat, Schätze aus weniger bekannten und be-
suchten Kirchen Roms füllen die übrigen Blätter des Kata-
logs, der, wie man sieht, dem feineren Kunstverständnis alle
Rechnung trägt. Wir sehen, dass Botticelli's so schnell be-
rühmt gewordene „Verlassene" jetzt auch im Handel zu
haben ist, dass die Colonna, Chigi, Pallavicini sich ent-
schlossen haben, den Kunstfreunden und Gelehrten den
Anblick ihrer Gemälde wenigstens in der Photographie zu
gestatten. Wenn erst die Barberini und Doria diesem Bei-
spiel gefolgt sind und die Farnesina nach neuem Verfahren
aufgenommen werden darf, wird fürdasStudiumderrömischen
Renaissance das Material bei Anderson vollständig vorliegen.
Die Aufnahmen in den Kirchen umfassen vor allem die
Skulpturen aus S. Giovanni in Laterano, S. Maria sopra
Minerva, S. Maria del Popolo, S. demente, S. Sabina u. a. m.
Die Prälatengräber und die Altäre der Renaissance können
in Tosi's berühmter Sammlung nicht vollständiger sein. Ja
sie ist weit übertroffen, wo es sich um Fragmente und
Detailaufnahmen handelt. Unter anderen ist es Anderson
auch gelungen, endlich die Erlaubnis für die Aufnahme der
entzückenden Madonnina in S. Giacomo zu erhalten, das
geheimnisvolle „opus Andreae", das man nun endlich be-
quem mit Verrocchio's Arbeiten vergleichen kann, der doch
am Ende allein dies kleine Meisterstück geschaffen haben
kann. — In Mailand sind in diesem Jahre fast nur Gemälde
photographiert worden, vor allem die neuen Erwerbungen
derBrera: Correggio, Cesare da Sesto, Paris Bordone u. a. m.
dann die Fresken Luini's im Monastero Maggiore, die
Sammlungen Crespi und Trivulzio und endlich Leonardo's
Abendmahl in zahlreichen Details. Wichtiger noch sind die
Aufnahmen der herrlichen Fresken des Gaudenzio Ferrari
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