Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 10.1899

Seite: 133
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Moderne Kunst in Wien.

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gelb, grün u. s. w., je eine Farbe in einem Zimmer.
Die Wanddekoration der Sekretariatsräume und im
kunstgewerblichen Zimmer ist nach Entwürfen des
Architekten Josef Hoffmann ausgeführt.

Soweit über „das Haus" der Secession selbst.
Nun zur Ausstellung. Sie ist ein Erfolg, ein grosser
und schöner Erfolg. Waren in der vorigen Aus-
stellung in der Gartenbaugesellschaft die Ausländer
vorherrschend, so treten diesmal, bei der ersten „Vor-
stellung" im eigenen Hause, die Österreicher in guter
geschlossener Reihe auf, zum Teil mit Arbeiten,
welche sich vollwertig neben dem Ausland sehen
lassen können. Zu diesen besten Vertretern Jung-
Österreichs möchte ich zählen: Alois Hänisch, der
augenblicklich in München studiert, mit sehr kräf-
tigen und farbig leuchtenden Bildstudien. Dann
Ludwig Siegmund mit einem sehr tüchtigen Bilde „Alt-
stadt", worin das Problem gut gelöst ist, einen Auf-
blick auf die Dächer, Thürme und Kuppeln der Stadt
im vollen Sonnenlicht zu malen. Das Flimmern der
Atmosphäre und die schwierige Luftperspektive sind
gut zum Ausdruck gekommen. An Landschaftern
scheint Österreich einen tüchtigen Nachwuchs zu haben,
nachdem Schindler und Hörmann eine so grosse
Lücke frei Hessen. Hier ist auch Friedrich König zu
nennen, der zwei feingetönte Studien bringt und
ausserdem eine Folge von Aquarellen zu einem Ge-
legenheitsgedicht von „ritterlich-romantischer" Färbung.
Da wir von Aquarellen sprechen, seien auch gleich
die von Johann Victor Krämer genannt und die des
greisen Ehrenpräsidenten der Vereinigung Rudolf von
Alt. Mit seinen bekannten feingetönten Bildern aus
der Bretagne ist der kürzlich von Paris wieder nach
Wien übergesiedelte Eugen Jettel vertreten. Von den
Wienern Carl Moll, Gustav Kämt, Franz Hohenberger,
Otto Friedrich, Hans Tichy, Josef Engelhart, Wilhelm
Bernatzik und vor allem Ernst Stöhr. Des letzteren
pasteliierte, fein und dunkel gestimmte Bilder sind
sehr ernste Arbeiten, welche schwermütige, lyrische
Klänge in der Seele auslösen. Mir ist dieses Künst-
lers Art sehr interessant und anziehend. Das eine,
vielleicht als Malerei am wenigsten bedeutende Stück
trägt den Titel „Der arme Peter" und ist durch die
Heine'schen Verse angeregt worden:

„Und wenn ich still dort oben steh',

So steh' ich still und weine" . . .

Am besten gezeichnet ist vielleicht das visionär
im Mondlicht gegebene, dunkelbläuliche Bild: „Das
Weib".

Von den ausserhalb Wiens lebenden Österreichern
sind vertreten: Johann Stanislawsky (Krakau) mit
Stimmungslandschaften, Josef Mehofer (Krakau), Selbst-
porträt und ein Gruppenbild „Das Gespräch", sowie
mehrere landschaftliche Motive, Adolf Holzel (Dachau),
Leon Wyczolkowsky (Krakau) mit einem Porträt, Julian

'■ Falat (Krakau), Skizze zum Panorama: „Übergang
I Napoleons über die Beresina 1812", Adalbert Hynais
und Theodor Axentowicz mit mehreren Porträtstudien.

In der Bildhauerei sind zu nennen Edmund Hellmer
(der Schöpfer des Schindler-Denkmals im Stadtpark)
mit zwei in Gyps ausgeführten Porträtbüsten, ferner
der in Karlsruhe lebende RobertPötzelberger („Jugend",
weiblicher Akt) und der in Paris studierende Waclaw
Szymanowski mit einer sehr interessanten „Skizze" in
Gyps. Als Porträtist in modern-koloristischer Auf-
fassung sei unter den auswärtig lebenden Malern noch
der Wiener Julius von Kollmann (z. Zt. Paris) genannt.

Das Ausland hat Meisterwerke gesandt, die zum
Teil schon aus anderen Ausstellungen bekannt sind.
Wir können sie darum hier kurz abmachen. Zwei
meisterhafte Arbeiten des grossen Fritz Thaulow(„Studie
einer Abendstimmung" und „Ausladung von Kohlen
in Dieppe"), fast das gesamte Radierwerk Leonhart
Anders Zorn's nebst Studien, Bildern und Skizzen in
Öl und sogar eine kleine Bronzegruppe sind ausge-
stellt. Josef Israels, George Clausen, Besnard, Jules
Wenzel, John W. Alexander, Fritx Mackensen, Henri
Martin, Skarbina, ferner Gari Melchers, Heinrich Zügel,
Julius Exter, Pierre Lagarde, Edward Arsher Walton,
L uden Simon, Leon Lhermitte, Henry Muhrmann, Ar-
mand Berton, Georges Gardel (mit seiner vom letzten
Salon Champ de Mars her berühmten, kämpfenden
Panthergruppe, einmal in Gyps, einmal in Bronze aus-
geführt), Antonio de la Gandara und Ferdinand
Khnopff sind vertreten, als „Erzieher" des Wiener
Publikums, welches einer solchen Anregung und eines
solchen lebendigen Kontaktes mit der Kunst unserer
Zeit in der That dringend bedurfte.

Besonders hervorgehoben sei noch das wunder-
volle, koloristisch meisterhafte Bild des Engländers
Robert Brough (London), eine seltene Leistung, die
sich vollwertig dem Herrenporträt desselben Künst-
lers in der Frühjahrsausstellung anreihen kann, leider
jedoch hier erst noch von einer kleinen Anzahl von
Kennern gewürdigt wird. Bald hätte ich John Lavery,
Rene Billotte, George Sauter, Alfred Philipp Roll,
Wilhelm Volz, Ludwig Dill, Hans von Bartels und
endlich Fritz von Uhde's „Letztes Abendmahl" zu
nennen vergessen.

Wir kommen zum Kunstgewerbe-Zimmer. Hier
sei noch vorher einiger Architektur-Entwürfe gedacht,
welche von Oberbaurat Otto Wagner, nebst einem
vollständig ausgeführten Modell für eine neue Akade-
mie der bildenden Künste in Wien, ausgestellt sind.
Diese neue Akademie ist seit Jahren ein Lieblings-
projekt des Künstlers gewesen. An der Ausführung
der Pläne und des Modells hat sich ein Teil seiner
Schüler beteiligt, so Josef Olbrich, O. Schimkowitz,
H. Gessner, G. von Kempf K Ederer und /. Plecnik.
Im Kunstgewerbe sind die Wiener ebenfalls recht
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