Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 10.1899

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Das Cernuschi-Museuni in Paris.

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hin ins Publikum gelangten, haben zur Beunruhi-
gung Anlass gegeben. Hinzu kam ein Druckfehler, |
der an Stelle der vorhin genannten Via Porta Rossa
eine Via Porta Roma treten liess und hierdurch die
Nachricht veranlasste, dass auch an entfernter Stelle
der Stadt, in der Via Romana, Niederlegungen statt-
fänden. So wurden die Befürchtungen scheinbar be-
stätigt, die zwischenliegenden Teile der Stadt seien
von Modernisierung bedroht. Eine solche wird aber
an massgebender Stelle nicht beabsichtigt. Das Ge-
rücht ist unbegründet, die alten Paläste und Thürme
zwischen Centrum und Arno sollten verschwinden. Man
weiss jetzt vielmehr, dass bei eventueller Verbesserung
des dortigen Strassenzuges, diespäteren Zeiten überlassen
bleibt, der Palazzo di Parte Ouelfa und andere alte Bau-
werke ausgespart werden sollen, die dann vielleicht
mehr Beachtung und Würdigung finden werden als
in ihrem bisherigen Verstecke. Auch der Ponte Vecchio
ist nicht bedroht. Und sollte die früher gehegte
. Absicht, jenseits des Arno die von ungesunden Gassen
eingenommene Gegend zu Seiten der Via Toscanella
umzubauen, in Zukunft wieder aufgenommen werden,
so wird man es im allgemeinen Interesse nur gerecht-
fertigt finden können.

Man würde eine schwere Verantwortlichkeit über-
nehmen, wollte man von fernher den Florentinern
vorzuzeichnen versuchen, was sie bauen und was sie
stehen lassen sollen. Neben historischen, künstlerischen,
volkswirtschaftlichen sprechen dabei vor allem gesund-
heitliche Rücksichten mit. Die hygienischen Mass-
nahmen der letzten Zeit, unter denen die Bau-Hygiene
eine wichtige Stelle einnimmt, haben zu vorzüglichem Er-
gebnisse geführt. Die allgemeine Sterblichkeit in der
Stadt hat seit Anfang der achtziger Jahre um ein volles
Fünftel abgenommen, was schliesslich die Rettung von
etwa tausend Menschen im Jahre bedeutet. Da wird auch
der eifrigste Bewunderer des Altertums erkennen, dass
seine Wünsche zum Besten der Stadt, der er wohl
will, nur zum Teil erfüllt werden dürfen. Es wird
sich darum handeln, diesen Wünschen die rechte
Richtung zu geben oder zu erhalten. Was zu er-
streben ist und was als gewährleistet angesehen werden
kann, ist die möglichste Schonung der kunsthistorisch
bedeutsamen Bauten, sowie überhaupt des Altertüm-
lichen, soweit die berechtigterweise höheren Gesichts-
punkte der Volkswohlfahrt dies gestatten. Die Flo-
rentiner wachen darüber, dass kein Bruchteil des Er-
haltenswerten in Zukunft ohne Not dem Abbruche
verfalle. Niemand hat auch mehr als sie selbst den
Wunsch, die alten Bauten, die ehrwürdigen Zeugen
vergangener Jahrhunderte, die ihren Ruhm eindring-
lich verkündigen, erhalten zu sehen. Sie sind hierbei
der Sympathie der ganzen civilisierten Welt sicher.

HEINRICH BROCKHAUS.

DAS CERNUSCHI-MUSEUM IN PARIS.

Der 1896 zu Mentone verstorbene Finanzmann
und Kunstfreund Cernuschi hatte sein prächtiges am
Parc Monceau gelegenes Haus und seine Sammlungen
der Stadt Paris vermacht. Nach langwierigen Ver-
handlungen und wiederholten Verzögerungen ist das
Cernuschi-Museum endlich der Öffentlichkeit über-
geben worden. Somit besitzt Paris nun drei Samm-
lungen ostasiatischer Kunst. Das neue Museum er-
gänzt die beiden älteren — das Guimet-Museum und
die Sammlung Grandidier des Louvre — insofern
glücklich, als bei ihm der Nachdruck auf den Bronzen
liegt, während jene in der Hauptsache den keramischen
Erzeugnissen gewidmet sind. Cernuschi war in Mailand
geboren, hatte als begeisterter Republikaner sich an der
Revolution von 1848 beteiligt, war bei der Eroberung
Roms durch die Franzosen gefangen genommen worden
und nach Paris übergesiedelt, wo er sich nach
der Begründung der dritten Republik naturalisieren
liess. Seine grosse Reise nach Japan, die er in Be-
gleitung von Theodor Duret unternahm, fällt in das
Jahr 1871, in eine Zeit also, wo durch die Burty,
Gonse, Goncourt der Enthusiasmus für Japan in Paris
bereits weit verbreitet war, wo aber kaum ein Europäer
an Ort und Stelle selbst japanische Kunstwerke ge-
sammelt hatte. Das Angebot war daher ungeheuer
reich, und Cernuschi kaufte mit der ganzen Begeiste-
rung eines Neophyten, besonders in Tokio, fast alles,
was ihm unter die Hände kam, die Auswahl einer
späteren Zeit überlassend. Allein später hat er sich,
wie es Sammlern so häufig ergeht, von seinen Schätzen
nicht trennen können, und so ist die ernsthafte kri-
tische Sichtung ausgeblieben. Die Kenner ziehen
deshalb die viel weniger umfangreiche Sammlung
Louis Gonse's der seinigen unbedingt vor.

Der grösste Teil des Museums befindet sich im
ersten Stocke. Er besteht aus einem grossen Ober-
lichtsaal, an den sich rechts zwei, links drei kleinere
Räume anschliessen. Fast alle Bronzen sind in dem
ersteren untergebracht. In seiner Mitte erhebt sich
eine über vier Meter hohe, sitzende Buddhastatue, die in
dem völlig verwilderten Garten eines vor undenk-
lichen Zeiten abgebrannten Tempels in der Nähe von
Tokio aufgefunden worden ist. Um sie herum stehen
auf drei Seiten auf hohen Stufen die Kunstwerke mitt-
lerer Grösse, bis hinauf zu einer Galerie, die in halber
Höhe um den Saal herumführt, und auf der in Glas-
schränken die kleineren Stücke aufgestellt sind. Wie
schon gesagt, sind die Gegenstände — meist Vasen und
Tiere — von sehr verschiedenartigem Werte. Einige
stammen noch aus der Zeit chinesischer Kunstübung,
wenige aus der besten japanischen Zeit, viele gehören
den letzten Jahrhunderten an, welche, die überlieferten
Formeln einfach wiederholend, rein fabrikmässig arbei-
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