Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 10.1899

Seite: 465
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KUNSTCHRONIK

WOCHENSCHRIFT FÜR KUNST UND KUNSTGEWERBE.

HERAUSGEBER:

ULRICH THIEME und RICHARD GRAUL

Verlag von E. A. SEEMANN in LEIPZIG, Gartenstrasse 15.

Neue Folge. X. Jahrgang.

1898/99.

Nr. 30. 29. Juni.

Redaktionelle Zuschriften nimmt ausser Herrn Dr. U. Thiene, Leipzig, Erdmannstr. 17 auch Herr Dr. A. Rosenberg,
Berlin W., Heinrich Kiepertstrasse 84 entgegen.

Die Kunstchronik erscheint als Beiblatt zur „Zeitschrift für bildende Kunst" und zum „Kunstgewerbeblatt" monatlich dreimal, in den Sommer-
monaten Juli bis September monatlich einmal. Der Jahrgang kostet 8 Mark und umfasst 33 Nummern. Die Abonnenten der „Zeitschrift für bildende
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stein & Vogler, Rud. Mosse u. s. w. an.

DIE SECESSION IN MÜNCHEN 1899.

Das allgemeine Bild der Secessionsausstellung hat
sich nicht geändert. Die Grundsätze, durch die diese
Künstlergesellschaft sich eingeführt und Boden ge-
wonnen hat, zu verlassen, wäre unklug gewesen. Es
galt vielmehr, ihnen immer stärkeren Ausdruck zu
geben. Das ist geschehen und dabei mag wohl die
Jury zu mancher Härte und Schroffheit gezwungen
gewesen sein. Aber ohne das wäre kaum diese Ge-
schlossenheit des Eindrucks erreicht worden. Wie die
Hängekommission ihres schwierigen Amtes gewaltet
hat, verdient uneingeschränktes Lob. Fast scheint es,
als wären die Bilder nur daraufhin ausgewählt wor-
den, ob sie in dies fein abgestimmte Ensemble hinein-
passen oder nicht. Überall, wohin das Auge blickt,
herrscht Einheit, Ruhe und ein wohlthuendes Spiel
sich ergänzender und hebender Wirkungen. Trotz
der intensiv leuchtenden Farben der Damastbehänge
an den Wänden verlieren die koloristischen Werte der
Gemälde durchaus nicht. Auch die Gruppierung der
Künstler selbst giebt einen guten Klang. Sie stimmen zu-
sammen, wie die Gesellschaft eines klug und vorsichtig
wählenden Gastgebers. Auf die innere Zusammen-
gehörigkeit ist sorgsam geachtet worden, und ganz von
selbst ergiebt sich die Anregung und geistige Er-
frischung, die man doch im Kreise einer Künstlerelite
erwarten darf. Es ist nicht hoch genug anzuerkennen,
dass die Opposition gegen die Riesenmärkte der
grossen Sommerausstellungen mit aller Entschieden-
heit durchgeführt wird. Soll denn eine solche Massen-
anhäufung aller möglichen Atelierprodukte wie ein
modernes Warenhaus den Besucher oder Käufer —
und auf den ist es ja im Grunde hauptsächlich abge-
sehen — verwirren, erdrücken und betäuben?

Freilich birgt die unduldsame Fernhaltung aller
Elemente, die nicht angenehm sind, ernste Gefahren
in sich; vor allem die der Einseitigkeit, wie denn die
Secession nicht im entferntesten ein Bild der Münchener
Kunst giebt, weder der besten, noch der jüngsten und
zukunftsfähigen. Sie ist nicht mehr, als eine Gruppe
in der Künstlerschaft Münchens, allerdings eine klar
und scharf umgrenzte. Und wenn sie sich durch
irgend etwas vorteilhaft auszeichnet, so ist es durch
ihr Verständnis, ja ihre Sympathie für das grosse All-
gemeine aller künstlerischen Arbeit, nicht nur für die
autochthone, sondern auch für'die ausländische. Der
Drang einer ernsten Fortbildung fordert eine freie,
selbstbewusste Umschau auch in fremden, entlegenen
Gebieten der Kunst.

Um so mehr ist es zu bedauern, dass die Eröff-
nung der Ausstellung gleich mit einem bedauerlichen
Exempel der Nuditätenschau an ihrer Würde verlor.
Max Slevogt's „Danae" erregte Anstoss und ver-
schwand sofort. Das Bild soll malerische Qualitäten
in hohem Grade besessen haben. Aber es war frei
von jeglicher Sentimentalität, oder eigentlich von jeder
noblen Auffassung. Indessen hat Slevogt sich niemals
anders gezeigt, und ebensowenig war er diesmal
irgendwie frivol oder lasciv. Warum also diese Ängst-
lichkeit?

Ich möchte nicht behaupten, dass gerade die be-
kannten Führer und Fahnenträger der Secession dies-
mal den Grundstock der Ausstellung bilden. F. v.
Uhde's „Anbetung der Könige" ist eine Wiederholung
desselben Bildes im grossen. Vor zwei oder drei
Jahren hatte er das Motiv mit einem poetischen Zauber
und koloristischen Reiz behandelt, die das Bild zu einem
kleinen Juwel machten. Wenn ich nicht irre, ist es ins
Magdeburger Museum gekommen. Aber die wunder-
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