Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 12.1901

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Ausgrabungen und Funde. — Nekrologe. — Vereine.

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Christian Scherer, Studien znr Elfenbeinplastik der Barock-
zeit. Mit 16 Abbildungen im Text und 10 Tafeln.
Strassburg, J. Ed. Heitz, 1897. (Studien zur deutschen
Kunstgeschichte 12. Heft.)
Wie jeder Beitrag zur Geschichte der Kunst im 17.
und 18. Jahrhundert, dieser bis vor kurzem so arg von
der Forschung vernachlässigten Periode, heutzutage der
besonderen Beachtung sicher sein kann, so in noch grösse-
rem Masse eine Spezialstudie über jenes Gebiet künst-
lerischer Thätigkeit, das den Geschmack jener zwischen
brutalem Sinnengenuss und verfeinertstem Formalismus so
wunderbar schwankenden Gesellschaft besonders charak-
teristisch wiederspiegelt. In einer Reihe von sieben äusserst
sorgfältig gearbeiteten Monographien behandelt Scherer,
selbst Verwalter einer der hervorragendsten Sammlungen
von Elfenbeinskulpturen auf deutschem Boden, mehrere,
z. T. berühmte, z. T. weniger bekannte Bildhauer der
Barock- und Rokokozeit, und es ist ihm gelungen, durch
die gewissenhafteste Kritik der Kunstwerke selbst und in-
tensives Heranziehen aller litterarischen Quellen nicht nur
das bisherige Wissen genauer zu präzisieren und abzu-
runden , sondern auch mehrere zweifelhafte Probleme in
durchaus glaubwürdiger Weise zu lösen. So vor allem in
dem Aufsatz über den Monogrammisten PH, den noch
Kugler als Pfeifhofen, A. Kuhn als Peter von Harlingen
anspricht (nach der Bezeichnung auf dem Eremitenrelief
des Berliner Museums). Scherer ist im stände, die zuerst
von ihm selbst vertretene Hypothese (als den Dresdner
Paul Heermann) aufzugeben, nachdem er auf einem Relief,
Himmelfahrt Mariä, in Berliner Privatbesitz den vollen
Namen Peter Hencke entdeckt hat. Mehrere andre, ihm
daraufhin zuzuschreibende Werke, unter denen m. E. die
heilige Familie in Braunschweig aber künstlerisch bei weitem
höher steht, lassen den Meister als von niederländischen
und Rubens'schen Vorbildern stark abhängig erkennen.
Die Deutung des Monogramms HE, das sich auf einer
Anzahl im Museum zu Braunschweig befindlicher Elfenbein-
reliefs, der Mehrzahl nach halbnackter weiblicher Halb-
figuren, nachweisen lässt, als das des Braunschweiger
Wachsbossierers Joseph Ignaz Eichler, wird durch die Stil-
kritik fast einwandfrei dargethan; die Abbildung eines be-
zeichneten Werkes dieses Meisters wäre allerdings gerade
hier sehr erwünscht. Der Aufsatz über die Familie Lücke
enthält auch kulturgeschichtlich manches Bemerkenswerte.
Der aus der Geschichte der Pozellanmanufakturen (vergl.
u. a. Berling, das Meissner Porzellan, S. 46 und 136 und
Abb. 1) bekannte Arkanist Joh. Christoph Ludwig Lücke
erweist sich als identisch mit dem in den Quellen mehr-
fach erwähnten Elfenbeinschnitzer Ludwig von L. und in
seinen Werken, deren Zahl erweitert wird, als ein ganz
hervorragend begabter, fast virtuos schaffender Künstler;
die Statuette einer »Schlafenden Schäferin« im Münchner
Nationalmuseum kann getrost den besten kleinplastischen
Arbeiten jener ganzen Periode zugezählt werden. Das
vielbewegte Leben dieses, in allen Sätteln gerechten
Meisters, dessen Spuren in Meissen, Wien, Hamburg,
Fürstenberg, Kopenhagen, Schleswig und besonders Dres-
den anzutreffen sind, endete in Danzig; auch von seinem
Vater und seinem Bruder Karl August, der als Kabinett-
bildhauer in Schwerin in den vierziger Jahren eine umfang-
reiche Thätigkeit entfaltete, besitzen wir Proben einer nicht
gewöhnlichen Kunstfertigkeit. In den Aufsätzen über die,
noch hauptsächlich dem 18. Jahrhundert angehörenden
Meister Ignaz Elhafen und Balthasar Permoser erfährt die
rein ästhetische und stilistische Seite dieses Schaffens die
erfreulichste und interessanteste Würdigung. Ersterer, aus
Süddeutschland stammend und dann besonders in Düssel-
dorf thätig, erfasst das Wesen des Materials mit ausser- '

gewöhnlichem Feinsinn, und erzielt, allerdings in teilweise
deutlicher Anlehnung an vlämische, durch Raimond la
Fage vermittelte, und italienische Vorbilder in seinen Re-
liefs, die mit Vorliebe mythologische, speziell bacchische
Scenen behandeln, künstlerische Wirkungen, wie sie nur
durch die unbedingte Vertrautheit mit allen Gesetzen kör-
perlicher Darstellung und ein starkes malerisches Em-
pfinden möglich sind. Der sinnliche Zug, der dieser
ganzen Kunstgattung eignet, ist bei ihm noch selten auf-
dringlich. Balthasar Permoser, dessen Bedeutung die
Kunstgeschichte immer mehr anzuerkennen scheint, sichert
sich durch die grosse Kreuzigungsgruppe der Leipziger
Ratsbibliothek einen Platz in der allerersten Reihe seiner
Fachgenossen; seine anderen Arbeiten, die Scherer zu-
sammenstellt, sind z. T. merkwürdig ungleich. Das Dres-
dener Grüne Gewölbe ist für die Kenntnis seines Schaffens
wie der gesamten Barockkleinkunst überhaupt von höch-
ster Bedeutung. Die kleineren Studien über den Kasseler
Bernsteinschrieider Jakob Dobbermann, der als Elfenbein-
skulpteur sich mehr einem zahmen Eklektizismus nähert,
und den Bremer Th. W. Frese vervollständigen diese höchst
dankenswerte Arbeit. Für eine gewisse Monotonie in der
künstlerischen Charakteristik der einzelnen Meister darf
man weniger den Verfasser als die Sache selbst verant-
wortlich machen. Erich Haenel.

AUSGRABUNGEN UND FUNDE
Athen. In Aegina wurden fünf sehr schöne Statuen-
köpfe ausgegraben. Sie gehören zu den Giebelgruppen
aus Aegina, die in der Münchener Glyptothek bewahrt
werden. 00

NEKROLOGE

Paris. Hier starb am 14. d. M. der böhmische Historien-
maler Wenzel Brozik im noch nicht vollendeten 50. Lebens-
jahre. Seine bekanntesten Gemälde sind »Philippine
Welser«, »Fest bei Rubens«, »Columbus am Hofe Fer-
dinands«, »Hus vor dem Conzil zu Constanz« und das in
der Berliner Nationalgalerie befindliche »Die Gesandtschaft
des Königs Ladislaus Posthumus zur Brautwerbung bei
König Karl VII. von Frankreich«, für das er 1880 in Berlin
die grosse goldene Medaille erhielt. fj

VEREINE

Berlin. In der Kunstgeschichtlichen Gesellschaft be-
richtete am 29. März Herr Dr. Swarzenski (als Gast) über
»die frühmittelalterliche Kunst auf der Pariser Weltaus-
stellung^ mit Beschränkung auf das Gebiet der Miniatur-
malerei und der Elfenbeinschnitzerei. Von den fünf
Schulen der Karolingischen Buchmalerei waren die von
Tours und Reims durch charakteristische Werke vertreten,
erstere durch das besonders in technischer Hinsicht inter-
essante Gauzelin-Evangeliar aus Nancy und durch das
Sakramentar von Autun, letztere durch ein Hauptwerk,
das bekannte Ebo-Evangeliar aus Epernay. Eine Reihe
von Handschriften belegen die zwischen der franko-
sächsischen und der Schule von Tours herrschenden
Wechselbeziehungen, so z. B. ein Evangelium aus Cambrai,
ein solches zu Gannat u. a. m. Mehrere andere gehören
einer im Nordosten verbreiteten Schule darunter als
das bedeutendste eine in St. Omer oder St. Bertin ent-
standene, denen nach Ansicht des Vortragenden auch das
früher der Echternacher oder einer rheinischen Schule
zugeschriebene Brünner Antiphonar sich anschliesst. Hier
tritt auffallenderweise der angelsächsische Einfluss ausser
in der Ornamentik ganz zurück. Derselbe beherrscht hin-
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