Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 14.1903

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171 Ausstellung von Fürstenberger Porzellan aus Privatbesitz im Herzoglichen Museum zu Braunschweig 172

Herzogs Karl I., Gründers des Fabrik, überschreitet
dagegen bereits die Grenze des der Porzellanplastik
zukommenden Gebietes. Dem Modelleur hat die
Marmorbüste Cavaceppi's (aufgestellt im Vestibül) als
Vorbild gedient, aber freilich ist der geistreich leb-
hafte Ausdruck derselben einer recht spiessbürger-
lichen Stumpfheit gewichen, mit hervorgerufen durch
die tote Weisse des Materials.

Ein Schrank ist ganz mit Kobaltblaumalerei unter
Glasur gefüllt. Die ältere Porzellanindustrie hat diese
so materialcharakteristische Technik bekanntlich wenig
gepflegt, so dass eine Reihe so ansprechend dekorierter
Stücke, wie wir sie hier von der Hand des Blau- und
Feuermalers Kind (1754—1798 nachweisbar in Fürsten-
berg) finden, besonderes Interesse erregt; das origi-
nellste davon ist im Sinne der lockeren Behangdeko-
rationen der Zeit Ludwig's XVI. verziert. Es ist
fraglich, ob solche Stücke auch im Handel vorkamen;
die Tellersammlung, wie auch die Kaffeekanne (mit
blauem Grunde und ausgesparten weissen Feldern,
das hellere Blau noch mit einem dunkleren über-
dekoriert) sind unter den Nachkommen des Malers
weiter vererbt und der Überlieferung nach für die
Familie gearbeitet, wie denn auch die Ursprungs-
marken auf den Rückseiten meist besonderer Art
sind, z. B. die Bezeichnung »Probe« führen. —
Ganz roh schablonenhaft und ohne jede Liebe sind
die blauen »indianischen« Blumendekorationen, die
meist vom Blumenmaler Geisler (gestorben 1782)
herrühren.

Neben jenem älteren Purpurrot war namentlich
gegen Ende des Jahrhunderts eine helle grüne Muffel-
farbe für einfarbige Dekorationen beliebt,. neben der
höchstens noch ein zartes Rot nebensächlich ange-
bracht wurde. Mehrere Beispiele wurden auch davon
eingeliefert.

Eine grosse Menge von Geschirr ist mit Land-
schaften in der Art Weirotter's (1730—1771) bemalt,
in den Formen teils die bauchigen und kugeligen
des Rokoko, teils schon die geradlinigen mit ge-
brochenen Henkeln der klassizistischen Zeit. Eine
grosse Rokokoterrine trägt wirkliche Gegenden —
Marienberg bei Helmstedt und Blankenburg — jedoch
ganz übersetzt in die Auffassung jener malerisch un-
wirklichen Erfindungen. Die Landschaften wirken
leider als Dekorationen der glänzend weissen Flächen
klecksig und wie aufgeklebt.

Seit 1790 herrscht ausschliesslich der Klassizismus
in den Formen, in der farbigen Dekoration der Stil
Ludwig's XVI. Diese Schleifen, Blumen- und Tuch-
gehänge, Vasen und Medaillons mit ihren dünnen
Körpern und zarten Farben sind meist voll Grazie
über die Flächen verteilt und entschädigen reichlich
für die harten, geraden und kantigen Umrissformen.
Unter den Tassen eine blau bemalte mit Einsatz be-
reits 1780 für den Erbprinzen angefertigt, eine andere
für den Herzog Ferdinand, der 1792 starb.

Es ist bereits die Zeit, wo die Tassen anfangen,
sich ans dem Zusammenhange der Service loszulösen.
Es wird Mode, eine einzelne Tasse als besonderes
Geschenkstück, daher auch besonders sorgfältig und

eigentümlich dekoriert, zu verwenden, eine Sitte, die
sich bis in das letzte Drittel des 19. Jahrhunderts
erhielt. Solche Tassen tragen oft ein Datum, um ein
besonderes Ereignis, meist eine Herzensangelegenheit,
in der Erinnerung festzuhalten, wodurch sie sehr
wichtig für die Zeitbestimmung mancher Formen und
Dekorationen sind. Auch Namenszüge sind häufig,
in älterer Zeit aus Blumenguirlanden, Schattenrisse,
beziehungsreiche Embleme. Gleichzeitig erscheint
die heroische Landschaft, bunt oder auch in Sepia-
malerei, an Tasse und Vase, gern im Vordergrunde
durch ein antikisierendes Monument mit gefühlvoller
Aufschrift ausgezeichnet. Sie überzieht bald voll-
ständig bildmässig alle Flächen des Gegenstandes,
oder wird, nicht weniger bildmässig, mit einem Ein-
fassungsstreifen umgeben. Man wird diesen Stücken
nicht gerecht, wenn man an ihnen die Vernachlässi-
gung der Wirkung des Porzellanmaterials tadelt. Diese
sorgfältigen Arbeiten haben ihren Wert in sich selber,
das Porzellan behält Bedeutung nicht nur als Mal-
grund, sondern auch ganz besonders als Rahmen und
Träger in jeglicher Form. Deutlich erläutern das in
der Ausstellung die vielen Vasen, becherförmige oder
mit cylinder- und eiförmigem Körper. Von dieser
Art eine sehr schöne mit zwei weit abstehenden in
Flügelköpfe endigenden Henkeln, bemalt mit Rosen-
Guirlanden. Eine andere Vase ist Nachbildung
eines Wedgwood-Fabrikates, weiss mit vergoldetem
Reliefmedaillon.

Büsten nach Antiken und Privatpersonen werden
bis in das 19. Jahrhundert noch geschaffen; solche
vom König Jeröme und seiner Gattin, in antiker Auf-
fassung modelliert von Ruhl in Kassel, stehen durch-
aus auf der Höhe alter, sorgfältiger Formerei.

Das Empire wurde in Fürstenberg durch das
ganze erste Drittel des 19. Jahrhunderts gepflegt. Hier
wirkt die Ausstellung hinsichtlich des Gebrauchs-
geschirrs fast wie eine Überraschung. Diese vielfach
so seelenlos antikisierende Epoche hat im Porzellan
ein sehr feines Gefühl für einfache, wirkungsvolle
Form und Bemalung entwickelt. Zahlreiche Stücke
zusammengehöriger Service dieser Art haben sich in
der Ausstellung wieder zusammengefunden. Das
Relief ist auch an ihnen durchaus vermieden. Doch
statt der eckig geknickten Henkel treten die gebogenen
wieder in ihr Recht; eine besonders glückliche Form
kommt hinzu, nicht angeklebt wie bisher, sondern
aus den wieder gebogenen Wandungen ohne Tren-
nung gleichsam herausgezogen und nach abwärts
umgelegt, womit eine solide Tragfähigkeit ausgedrückt
ist. Den schlanken, doch weichen Umrissformen ent-
spricht die schlichte Dekoration aus einfachen, meist
auch einfarbigen, grünen, braunen und goldenen
Streifen oder Ranken.

1828 wurde die Buntmalerei der Fabrik auf-
gehoben. Erst seitdem durfte das Fürstenberger
Porzellan auch ausserhalb der Fabrik bemalt werden.
Die Dekoration verlor damit den einheitlichen Cha-
rakter, der Privatmaler besass zu wenig Respekt vor
der Eigenart des ihm fremden Fabrikerzeugnisses.
Statt der ästhetischen dekorativen Wirkung oder doch
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