Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 16.1905

Seite: 147
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Wiener

Brief

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er sie gemalt. Nun aber ist sie herangewachsen und
singt schon den Cherubin. In diesem reizenden
Jungenkostüm, das an ein George Sandsches Porträt
aus ihrer Geniezeit gemahnt, hat er sie nun auch
lebensgroß gemalt. Auch eine lebensgroße »Pierrette«,
in schwarzem Leibchen mit roten Korallen und brillant
gemaltem weißen Atlasrock, geht in diesem Geleise.
Blanche ist jetzt augenscheinlich von Millais beein-
flußt, wie früher von Reynolds und Gainsborough. Er
ist einer jener geistreichen Pariser Anglomanen (wie
Tissot, Lepere und andere), die in den englisch-amerika-
nischen Gallomanen (von Whistler bis Oskar Wilde)
ihr Widerspiel haben. Blanche hat in den letzten
fünf Jahren einen großen Aufschwung genommen, ist
namentlich ein glänzender Techniker geworden.
Weniger stark ist seine Persönlichkeit, er steht immer
im Banne eines ausländischen Vorbildes. Auch
spanische Einflüsse haben sich seither geltend gemacht,
besonders in tiefbrünetten Porträts (Maurice Barres,
LucienSimon und andere). Sein großes Bild Rodins, auf-
recht, mit grau gemengtem Mosesbart, die Fäuste auf
ein großes rotes Buch gestemmt, dessen lebhafte Farbe
die Töne der Figur entsprechend zurückdämpft, ist
vortreffliche Malerei, doch reicht die Charakteristik
lange nicht an das ganz einfach aufgefaßte, ganz bei-
werklos gegebene Rodinbildnis Alexanders, das man
1900 in der amerikanischen Abteilung der Pariser
Weltausstellung sehen konnte.

Ein ursprünglicheres Temperament sprüht aus den
zahlreichen Bildern von Hermen Anglada, der nach-
gerade eine der Farbengrößen des Tages geworden
ist. Sein großer »Hahnenmarkt«, den ich zuerst in
Venedig gesehen, ist ein voller Ausdruck seines Wesens.
Ein Wirbelwind von dünn gelöster, doch scharf
pointierter Farbe, eine Lawine von kunterbunten
Hähnen, von einem rußigen Gallego in schwarz-
gelb gestreiftem Umschlagtuch feilgehalten. Daneben
ein »Jardin de Paris« mit grüner Phantasiearchitektur
und elektrisch illuminierten Eleganzen. Dann allerlei
Gruppen von Zigeunerinnen, in weitbauschigen
Kleidern aus den blumigsten, schnörkeligsten Stoffen.
Und wiederum »Pferde nach dem Regen«, Rapp und
Schimmel, verwaschen und dampfend in ihrer eigenen
Sauce. Und alle diese und auch andere Sachen mit
dem gleichen Ungestüm, so farbenfroh als möglich
vorgetragen. Man denkt an Zuloaga, der aber nach-
gerade in Schuhwichse watet, während Anglada auf
der appetitlichen Seite der Erscheinungswelt bleibt.
Einer seiner glänzendsten Kniffe ist das panache.
Einen besseren Ausdruck gibt es nicht. Man denke
sich einen hellen Fleck, der einen abenteuerlichen
Modehut bedeutet. Bei näherer Untersuchung ent-
wirrt er sich als ein Durcheinander von geschlängelten,
wulstig-knittrigen Schärpen, Bändern, Federn und
Blumengewinden, jedes in einer anderen Farbe und
doch alle zusammen fast weiß. Dieses Panachieren
feinstgetönter Nuancen ist eigenster Anglada. Sein
Kollege Ramon Casas geht schon zu sehr ins Säuber-
liche, leicht Pikante. Brüsseler Nachwuchs bester
Sorte ist ConstantMontald. Sein wandbreites Gemälde:
»Die Fahrt nach dem Ideal« ist ein Phantasiestück,

mit geflügelten Ruderern, die einen Kahn vorwärts-
treiben. Gegend mit langen, geschwungenen Linien,
alles stilisiert, Farbe wie aus alten Gobelins heraus-
gewaschen. Eine große Abstraktion von den Realis-
men der Alltagswelt ringt darin nach Formulierung.
Sie rang so schon bei den Präraffaeliten und wird
niemals ausgerungen haben, solange suchende Seelen
kommen. So eine Seele ist Montald. Eine ganze
Reihe seiner Szenen oder Einzelfiguren, antikisierenden
Schlages, scheint sich unter unseren Augen aus der
Unsichtbarkeit zur Sichtbarbeit herauszuarbeiten. Plötz-
lich gewahren wir, daß er die halbverwischten pom-
pejanischen Wandbilder nachempfindet, den intimen
artistischen Reiz dieser Gemälderuinen. Er weckt ver-
blichene Fresken aus ihrer Ohnmacht auf. Dann
wieder sind es weibliche Akte, teils auf ornamentalen
Linienzug, teils auf dekorativen Tonreiz gestellt; eine
fahl blaugrüne Mischung, oft sehr reizvoll. Viel Ge-
nebel und Geriesel dabei, unbestimmtes Tasten nach
unbekannten Möglichkeiten. Einige idyllische Land-
schaften, die ganz in grünlichen Duft gelöst an dem
Auge vorbeizuschwimmen scheinen, haben eine be-
sondere, delikate Note. Geahnte Paradiese, mit ge-
läuterten Leiblichkeiten bevölkert, die man nur als
unbestimmte Lichtwesen auftauchen sieht. Träume
des Träumers. Auch für Kleinplastik ist der Künstler
begabt; bald pompejanisiert er darin, bald greift er
die Gegenwart beim Schöpfe. Ein im Sturme taumeln-
der Matrose scheint mit seinem eigenen Gleich-
gewicht Ball zu spielen. Der junge Künstler wird
gewiß noch von sich reden machen. Als der fest-
geschlossene Charakter, den man kennt, tritt Wil-
helm Träbner mit einigen, draußen schon bekannten
Bildern auf. Das große Reiterporträt im Freien
wirkt auch in dieser bedeutenden Umgebung durch
die kräftig aufgetragenen Lufttöne, die die Erschei-
nung in den natürlichen Freiluftflimmer auflösen, ohne
ihr den Halt zu nehmen. Sehr interessant ist eine
»Dame in Grau«, aus früherer Zeit; sie läßt noch
an Manet denken. Viel Beifall findet auch der
Münchener Landenberger, der zum erstenmal er-
scheint. Er hat hauptsächlich Badeszenen in heller
oder dämmeriger Donauluft, schlägt einen tiefen Ton
an und zeigt, wie innig in der Natur alles von allem
durchdrungen ist. Wien ist in dieser Ausstellung,
außer einer mächtig stilisierten Medaille von Prof.
Metzner, nur durch eine Reihe Wiener Veduten von
Karl Müller vertreten. Diese sechzehn Aquarelle
waren sämtlich schon am ersten Tage verkauft. Die
Motive haben den unverfälschten altwiener Reiz und
der Künstler hat diesen nach seinem malerischen Ge-
halt dargestellt. Das bringt eine neue pikante Luft
in das kuriose Winkelwerk und Gerümpel. Man
staunt immer wieder, welche Fundgrube von unbe-
absichtigter Romantik und unwillkürlicher Farbigkeit
diese in Demolierung begriffene Kleinwelt der Groß-
stadt war.

Altwien hat übrigens gleichzeitig noch an anderer
Stätte einen großen Erfolg errungen. In der Galerie
Miethke, die kürzlich in neue Hände übergegangen
ist. Das ganze alte Kunsthaus, das in den letzten
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