Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 20.1909

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Denkmalpflege — Archäologisches — Sammlungen

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Der Kunst- und Bauausschuß des Komitees für Errich-
tung eines Bismarck-Nationaldenkmals bei Bingerbrück
tagte unter Vorsitz von Professor Dr. Paul Clemen-Bonn
am 16. April in Frankfurt a. M. Das Preisausschreiben,
für das die Preisrichter gewählt wurden, soll in Kürze
veröffentlicht werden. Es werden 70000 Mark für die
Prämiierung von Entwürfen zur Verfügung gestellt.

DENKMALPFLEGE
Eine Gesellschaft zum Schutze chinesischer Alter-
tümer und Kunstwerke hat sich unter dem Titel China
Monuments Society in Peking aus Fremden konstituiert.
Die Vereinigung versucht zunächst, sich mit den in China
lebenden Ausländern in Verbindung zu setzen, um von
ihnen Nachricht über die noch vorhandenen Schätze zu
erhalten. Es gilt, die höheren chinesischen Beamten für
ihre Ziele zu gewinnen, damit diese auf das Volk einwirken,
das bisher wenig oder gar kein Verständnis für die Schöp-
fungen seiner Vorfahren zeigt.

ARCHÄOLOGISCHES
American Journal of Archaeology. Das Oktober-
Dezemberheft dieser trefflichen Zeitschrift, der wir an dieser
Stelle regelmäßig Erwähnung tun, ist von besonders reichem
Inhalt. Es beginnt mit einem Nachruf für den am 21. Oktober
1908 verstorbenen amerikanischen Archäologen Charles Eliot
Norton, den Begründer und ersten Präsidenten des ameri-
kanischen archäologischen Instituts, dessen Organ das A. J.
o. A. ist. — Es folgt ein Aufsatz von Gorham P. Stevens,
der in einem von H. Daumet in den »Fragments d'Architecture
Antique«, Tafel 5, 7 und 8 dem Athena-Nike-Tempel zuge-
wiesenen Gesimsstücke das aufsteigende Giebelgesims des
Nordportikus des Erechtheions sieht. — Die auch in dem
Handbuch des Boston Museum of fine arts abgebildete apu-
lische Amphora mit dem Tode des Thersites, die neben den
bekannten von Furtwängler herausgegebenen drei Canosa-
vasen (zwei in Neapel, eine in München) eine gleiche
Stellung einnimmt, wird von James M. Paton in ausführlicher
Weise besprochen. Er ist der Ansicht, daß hier Thersites
dargestellt ist, nicht wie er in der uns geläufigen Weise
wegen seiner Verhöhnung des Achilleus den Tod erleidet,
sondern daß der Künstler der Bostoner Thersitesvase eine
Geschichte im Kopf hatte, wie Thersides seinen Tod von
der Hand des Achilleus erlitt, während er einen, wahr-
scheinlich irgend einem Gott gehörigen, Schatz stehlen
wollte. Paton hält sich dabei an ein Fragment des Istrus ge-
mäß Harpocration unter dem Wort »Pharmakos«, das Usener
bereits mit Thersites in Verbindung gebracht hat. Danach
soll Pharmakos (-Thersites) dabei erwischt worden sein,
wie er die heiligen Gefäße des Apollo stahl, und von
Achilleus und seinen Leuten gesteinigt worden sein. —
Ein weiterer Aufsatz von Oliver S. Tonks ist rein tech-
nischen Inhalts. Er beschäftigt sich mit dem schwarzen
Firnisglanz der griechischen Vasen. Man hatte darüber die
Ansicht, daß Glanzfirnis ein Überzug ist, der von der
schwarzen Farbe zu trennen sei; andere glaubten wieder,
daß der Glanzüberzug und das Schwarze vollständig zu-
sammengehörig seien. Der amerikanische Gelehrte hat
eine lange Reihe von Experimenten gemacht] und ist zu
der Ansicht gekommen, daß der griechische Töpfer oder
Maler seine Vasen mit einem Material dekorierte, was in
sich selbst den Glanz mitbrachte: ein Ton mit Sodazusatz.
An diese Experimente hat er noch weitere über das In-
strument, mit dem die Malerei aufgetragen wurde, ange-
knüpft, ohne aber ein sicheres Resultat zu erreichen. —
Wir übergehen einen Aufsatz über eine attische Lekythos
im Museum der Universität Chicago und über einige Vasen
in Philadelphia, um zu dem interessantesten Aufsatz des
Zeitschriftheftes zu gelangen. Der bekannte Forscher über

die römischen Triumph-Kommunalbogen A. L. Frothingham
findet den richtigen Titel für Botticellis »Pallas und der
Centaur« und nennt das Bild »Die Stadt Florenz und der
Centaur«. Eine der Illustrationen des berühmten spätrömi-
schen Kalenders, der unter dem Namen »Der Kalender des
Jahres 354«; bekannt und von Furins Dionysius Philocalus,
dem Sekretär des Papstes Damasus, gemacht oder revidiert
worden ist, stellt die Stadt Trier und einen Barbaren vor.
Wer die Kalenderbilder des Chronographen vom Jahre 354,
der von Strzygowski im Jahre 1888 als Ergänzungsheft des
D. K. D. Arch. Instituts herausgegeben worden ist, betrachtet,
wird hier die Komposition finden, die Botticelli mit seinem
Thema und dessen Arrangement versorgt hat. Neben Rom,
Konstantinopel, Alexandria war es Trebens, unser deutsches
Trier, das als die bedeutendste Stadt des Westens und
als eine Grenzstadt dazu in diesem Kalender als Amazone
mit Lanze, Schild und Helm dargestellt ist, wie sie mit
ihrer Rechten einen lang behaarten bärtigen Barbaren am
Haupthaar ergreift. Gerade so wie hier symbolisch gezeigt
ist, daß die römische gute Regierung, personifiziert in Trier,
den barbarischen Stämmen Wohlstand und Frieden gegeben
hat, so hat Botticelli, dem das Kalenderbild vorgelegen haben
muß, oder der durch einen Humanisten davon ausdrückliche
Kenntnis bekommen hat, nicht Pallas, sondern Florenz dar-
gestellt, das den Centaur, der die natürlichen Kräfte des
Landes sowohl als die vor den Mediceern unkultivierte
und chaotische Lage der Stadt symbolisiert — am Haupt-
haar faßt. Florenz, das in die Olive des Friedens ge-
kleidet ist und mediceische Symbole auf seinem Gewand
trägt, und nicht Pallas erweist uns das Vorbild des Chrono-
graphen vom Jahre 354. — Die üblichen archäologischen
Mitteilungen und Nachrichten bilden den Schluß des für
Archäologie und Kunstgeschichte gleich wichtigen Heftes.

M.

SAMMLUNGEN
o Köln. Das Wallraf-Richartz-Museum hat das von
vielen Ausstellungen her bekannte Selbstporträt W. Trübners
in der Einjährigen-Uniform erworben. Trübner war bisher
noch nicht in der Galerie, wo er seinen Platz neben Leibi
verdient, vertreten. Er hat länger warten müssen als
E. R. Weiß, der jetzt mit zwei, übrigens ausgezeichneten
Gemälden vertreten ist, dem frischen Bildnis seines Töchter-
chens (»Niki«, 1907) und einem berückend-schönen Rosen-
strauß in blauer Fayencevase vor weißem Grund (igoö).
Jung-Düsseldorfs bester Landschaftsmaler, Max Ciarenbach,
den bereits die Berliner Nationalgalerie durch den Ankauf
einer Schöpfung ehrte, ist jetzt endlich auch in Köln an-
zutreffen. Eine erst jüngst vollendete Winterlandschaft
zeigt bei großem Stimmungsgehalt den selben zarten Farben-
auftrag, der auch bei dem Berliner Bilde auffällt und der so ver-
schieden ist von dem Spachtelstil in den Clarenbachschen
Frühwerken. Kommerzienrat Richard Schnitzler schenkte ein
Kürassierbild von August Deusser.

Die Nationalgalerie in Berlin hat auf der Frühjahrs-
ausstellung der Münchener Sezession eine Anzahl Hand-
zeichnungen von Rudolf Wilke erworben: »Das Verhör«,
»Sittlichkeitsvergehen«, »Spießer«, »Zum Preise des Höch-
sten«, »Ein Entschluß«, »Pensionat«, »Naturschwärmer«.

Für das Leipziger Museum der bildenden Künste
hat der Rat der Stadt aus dem Nachlasse Wilhelm Büschs
drei geschlossene Folgen von Bildern, im ganzen 33 Blatt
aquarellierte Federzeichnungen mit eingeschriebenem Text,
erworben.

Für das Maximiliansmuseum in Augsburg hat die
dortige Stadtgemeinde eine große Porzellansammlung mit
Erzeugnissen berühmter Manufakturen für 70000 Mark an-
gekauft.
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