Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 21.1910

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Die Ausstellung holländischer Stilleben aus allen Jahrhunderten

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innerung zitiere ich die deutsch - englische, die fran-
zösische, die italienische, die skandinavische, die bel-
gisch - holländische), seit Diagilew sich aber auf den
Kunstexport verlegt hat, früher in Malerei, jetzt in
Musik, hat sein Beispiel keine Nachahmung gefunden.
Als neuer Anfang war die »Ausstellung München«
trefflich erdacht — aber für die Folge, die hoffent-
lich nicht ausbleibt, mögen die Petersburger Verhält-
nisse und Gewohnheiten mehr berücksichtigt werden.
Noch unglücklicher hatte, wer weiß auf wessen Rat,
Oskar Matthiesen aus Kopenhagen den Termin für
die Ausstellung seiner Werke gewählt, Mai und Juni,
wo tout Petersbourg längst Gut, Landwohnung oder
Badeort aufgesucht hat. Matthiesens große Werke, die
zur Schwemme reitenden Offiziere und noch weniger
die Leda, sprachen unser Publikum nicht an, desto mehr
seine kleineren Arbeiten, von denen der Künstler trotz
der ungünstigen Zeit und neben den Pflichtkäufen
hoher Protektoren manche hier abgesetzt hat. Jeden-
falls kann man daraus ersehen, daß der Petersburger
Markt sich wenigstens für moderne Kunst zu beleben
beginnt. Für die Veranstaltung moderner ausländi-
scher Ausstellungen würde also auch der kommerzielle
Gesichtspunkt in Betracht kommen. Leider wurde
dieses vor Jahresfrist bei der großen internationalen
Kunstgewerbeausstellung von den deutschen Firmen,
mit einigen wenigen Ausnahmen, nicht genug berück-
sichtigt. Die besser orientierten Schweden hatten da-
her relativ leichten Sieg.

Die vorläufigen Berichte über die russischen Ab-
teilungen auf den Ausstellungen in München und
Venedig scheinen auf einen schönen künstlerischen
Erfolg zu deuten, der materielle scheint dagegen aus-
geblieben zu sein. Desto erfreulicher ist die Nach-
richt, daß die Erzeugnisse unseres bäuerlichen kunst-
gewerblichen Hausfleißes auf der im Berliner Hohen-
zollernkunstgewerbehause veranstalteten Ausstellung für
Volkskunst einen solchen Erfolg zu verzeichnen ge-
habt haben, daß unser Ministerium des Inneren zur
Begründung einer Niederlage dieser Erzeugnisse in
Berlin geschritten ist. —chm —

DIE AUSSTELLUNG HOLLANDISCHER STILL-
LEBEN AUS ALLEN JAHRHUNDERTEN IN DEM
»ROTTERDAM'SCHE KUNSTKRING«.
Ein weniger hochtrabender Name und eine vollstän-
digere Sammlung sowohl von älteren als modernen Bil-
dern hätte dieser Ausstellung eine größere Anziehungskraft
verliehen.

Von der Stillebenmalerei, welche im 17. Jahrhundert
in den Nordniederlanden ihren Glanzpunkt erreichte, gibt
sie sowohl durch das fast gänzliche Fehlen wirklicher
Werke ersten Ranges, als auch infolge ihrer großen Un-
vollständigkeit eine sehr mangelhafte Vorstellung.

Warum nicht eine Arbeit von Pieter Aertsen, diesem
großen Bahnbrecher des nord-niederländischen Stillebens?
Zwar malte er keine eigentlichen Stilleben; doch nehmen
diese in fast all seinen Werken den Hauptraum ein.

Die Namen der hier fehlenden Meister sind sehr zahl-
reich. Daß es schwer gewesen sein würde, von den
frühesten Haarlemer Stillebenmalern Floris van Dijck und
Floris van Schooten ein Spezimen zu bekommen, lasse ich
gelten. Aber mit diesem Namen tituliert sollte die Aus-

stellung doch wenigstens Bilder von Kalff, Ferguson,
G. B. Weenix, Rootins, Valkenburg, Gerrit Heda, Roestraeten,
Frans Hals d. J., Koels, Herman und Pieter Steenwijck,
Jacques de Claeu, Pieter Potter, Martinas Nellius, Cornelis,
Lelienberg, David de Heem, Ambrosius Bosschaert u. a.
gezeigt haben.

Zunächst fesseln uns auf der Ausstellung drei kapitale
Fischbilder von Abraham van Beijeren.

Das schöne Bild der Boymans-Oalerie ist genügend
bekannt. Dann ein Stück mit einem Korb mit zerschnittenen
Schellfischen und Lachs, Schollen und Taschenkrebsen; im
Hintergrunde ein Heringsfaß mit einem grünen Tuch, be-
zeichnet AVB (aneinander) f. Es wurde von N. N. ein-
geschickt und besitzt alle großen Qualitäten des Meisters,
die treffliche Komposition wie die feine Farbenstimmung.

Herr A. Hyner im Haag schickte ein Werk mit ähn-
lichen Gegenständen; hier weiß man nicht, was mehr zu
bewundern ist, die großartige Linie der Komposition, die
geschmeidige Malerei, oder der feine Silberton.

Willem Claesz Heda ist gleichfalls gut repräsentiert.
Interessant für seine Entwickelung ist sein durch Dr. A.
Bredius geliehenes Werk, eine Vanitas. Es enthält nur
einige Rauchutensilien und einen Schädel. Es ist das
früheste bekannte Bild des Meisters und trägt das Datum
1621. Ist die Komposition hier noch etwas mangelhaft
— die Gegenstände sind noch auf das Geratewohl hin-
gesetzt — jedes Objekt ist dafür mit einer Liebe und Sorg-
falt behandelt, wie nur der reife Künstler das konnte und
das magistral gemalte »Frühstück«, bezeichnet und 1647
datiert, von Jonkheer B. W. F. van Riemsdijk, auf der Aus-
stellung ist dafür der Beweis.

Pieter Claesz, der gleichzeitig mit Heda in Haarlem
arbeitete, sah sich hier bloß durch ein kleines, aber stim-
mungsvolles Bild, mit seinem Monogramm und 1636 da-
tiert, repräsentiert: das feine »Frühstück« aus dem Museum
Boymans.

Ein für seine Nachbarn sehr gefährlicher Gegner ist
Jurriaen van Streeck.

Die Herren Fred. Muller & Co. in Amsterdam liehen
von diesem genialen Kalff-Nachfolger ein farbenreiches,
forsch aufgebautes, dekoratives Stilleben. Das Bild ist
J. v.Streek. F. bezeichnet.

Jan Vonck zeigt sich hier als Meister mit feinem Sinn
für Farbe in seinem »Tote Schellfische«, voll bezeichnet
J. Vonck Fecit A° 1657 (Besitzer Herr Biesing, Haag).
Schön macht sich dabei die orangefarbene Muschel neben
dem blaugrauen Schellfisch.

Herr Biesing schickte auch ein schönes »Fischstück«,
in der Farbe dem van Beieren sehr nahestehend, von dem
Hager Meister Isaac van Duynen.

Ein Werk von großer Distinktion ist ein kleines Bild
mit Birnen und einem feinen Weinglas, Jan van de Velde
fecit bezeichnet, eingesandt von Dr. A. Bredius. Beim
ersten Anblick denkt man hier an Chardin.

Hervorragend und anziehend ist das flottgemalte, ma-
lerisch komponierte Stilleben mit toten Vögeln und Jagd-
zeug von Melchior d'Hondecoeter, voll bezeichnet von M"c
Hubert-Pluygers im Haag.

Eine der bedeutendsten und merkwürdigsten Ein-
sendungen ist wohl der sehr delikat durchgeführte Pieter
van den Bosch, ein seinerzeit sehr berühmter Amsterdamer
Maler. Dieses prächtige Stilleben, eingesandt von Herrn
C. M. C. Obreen in Rotterdam, läßt das sehr gut ver-
stehen. Auf einem Tisch mit grüner Decke steht eine
silberne Schüssel mit rundem Brot, zwei weißen Rüben
und einer tönernen Tabakspfeife. Unter der Schüssel guckt
eine brennende Lunte hervor. Links hinter der Schüssel
eine silberne Tabaksdose, rechts ein umgeworfener Römer
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