Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 21.1910

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Denkmalpflege

— Denkmäler

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und dahinter ein halbgefülltes hohes Weinglas. Das Bild
hat einen sehr feinen grünlich-blauen Gesamtton und ist
voll bezeichnet P. v. Bosch fecit 1655.

Dr. Bredius hat weiter für einige Kuriosa gesorgt:
tote Vögel von Solomon van Ruysdael (voll bezeichnet und
1662 datiert) und ein Stilleben von Raucherattributen in
feinem, warm-braunem Ton, schön gemalt, von Pieter
Janssens Elinga (P. Janssens E bezeichnet). Das ist der-
selbe Künstler, der mehr bekannt ist durch seine Interieurs,
die sehr an Pieter de Hoogh erinnern und ihm zuweilen
zugeschrieben werden (wie noch lange das Frankfurter
Exemplar und das Münchener).

Merkwürdig ist das Claes van Heussen bezeichnete
Bild des Jonkheer van Riemsdijk. Der frühe, um 1630
tätige Haarlemer Meister, ist sehr selten. Seine Malweise
erinnert etwas an einen flauen Recco. Im Haarlemer
Museum befindet sich eins seiner Bilder.

Der Cornelis facobsz Delff von C. W. F. P.Baron Sweerts
de Landas Wyborgh in Rotterdam, Früchte, totes Wild und
Gefäße, ist eines seiner besten Bilder. Es ist ein Bild mit
sehr guten Qualitäten, und dem Meister ist hier die Wieder-
gabe kupfernen Geschirrs vortrefflich gelungen, nur braucht
die Komposition eine Köchin. Das Bild ist C. J. Delff
bezeichnet, J D aneinander.

Es öffnet sehr gut die Reihe der Stilleben des 17. Jahr-
hunderts, während das mit eleganter Nonchalance kom-
ponierte Bild von Jan Weenix mit einem großartig ge-
malten toten Schwan aus dem Museum Boymans sie würdig
schließt.

Über die modernen Bilder kann ich kurz sein. Mit
Ausnahme von einigen guten Werken von FL Arntzenius,
Indianische Kresse, von schöner, kräftiger Farbengebung,
die meisterhaft gezeichneten Äpfel und Zwiebeln von
/. A. H. Akkringa, die mit Brio gemalten zinnernen Ge-
fäße von Floris Verster und das schön in Ton gemalte
Bücherstilleben von W. de Zwart zeigen die hier repräsen-
tierten modernen Künstler, wie weit sie noch zurückbleiben
bei ihren großen Vorbildern aus dem 17. Jahrhundert.

j. o. KRONIG.

DENKMALPFLEGE
X Abermals ist ein hervorragendes Denkmal alt-
berliner Architektur ernstlich bedroht. Die Königs-
kolonnaden sollen abgerissen werden, die Karl von Gontard
1777—80 erbaute, eines der schönsten Bauwerke aus der
Zeit Friedrichs des Großen, die noch erhalten sind. Mit
Unmut vernehmen die Berliner Kunstfreunde das Todes-
urteil, das diesem alten Wahrzeichen ihrer Stadt gesprochen
werden soll, weil es »dem modernen Verkehr« im Wege
stehe. Kein Zweifel, der Platz, auf dem sich die Königs-
kolonnaden erheben, unmittelbar neben dem Bahnhof
Alexanderplatz, ist vom Fußgängerverkehr stark in An-
spruch genommen. Aber es ist bezeichnend für die Pietät-
losigkeit und die skrupellose Lust am Zerstören charakte-
ristischer architektonischer Zeugen der Vergangenheit, daß
man gar nicht erst nach anderen Mitteln sucht, den Ver-
kehr zu erleichtern, sondern gleich, achselzuckend und mit
halbem Bedauern, den Abbruch der für das Berliner Stadt-
bild so wichtigen Bauten dekretiert. Diese Hallen in der
Königsstraße gehören zu den glücklichsten Schöpfungen
des friederizianischen Berlin. Gontard zog sie, im Gegen-
satz zu den kreisförmig gestalteten Kolonnaden in der
Leipzigerstraße (an die später C. G. Langhans in seiner
ähnlichen Anlage in der Mohrenstraße anknüpfte), in ge-
raden Linien, mit höchst geschmackvoller Gruppierung der
Säulen, mit wirksamer Betonung der Endpunkte und der
Mitten durch vortretende pavillonartige Bauteile, mit zier-
lichem plastischen Schmuck der Brüstung, Einzelgestalten

und Kindergruppen, die ihm die Bildhauer Bettkober,
Schulze, Meyer d. J. lieferten, und mit sehr klug berech-
netem malerischen Wechsel der Licht- und Schattenmassen.
Der ganze Hallenbau wirkte einst noch erheblich stattlicher,
als er in Verbindung mit der Königsbrücke stand, die nach
dem Entwurf eng zu ihm gehörte. Diese prächtige Brücke,
die schönste Berliner Straßenbrücke, ist vor dreißig Jahren
gefallen, als der Königsgraben, über den sie führte (ein
einstiger Festungsgraben), zugeschüttet wurde, um der
Stadtbahn ihren Weg durch die Stadt freizugeben. Nun
will man auch noch die Kolonnaden vom Erdboden rasieren.
Es wäre wahrlich an der Zeit, daß die berufenen Stellen
ein Veto gegen dies Zerstörungswerk einlegen. Berlin ist
so arm an Denkmälern seiner Vergangenheit, daß man
sich hüten sollte, wieder eins aus diesem kleinen Kreise
verschwinden zu lassen.

X Karl Rottmanns Fresken im Arkadengange des
Münchener Hofgartens, die in den vielen Jahrzehnten seit
ihrer Entstehung unter der Witterung so sehr gelitten haben,
daß nur noch Reste der einst hoch gepriesenen und
gefeierten Malereien vorhanden sind, sollen wieder in einen
würdigen Zustand versetzt werden. Mehrere Münchener
Künstler haben sich mit einer Eingabe an die königliche
Hofverwaltung gewandt, um eine Restaurierung der grie-
chischen Landschaften Rottmanns zu erwirken. Man denkt
daran, die Gemälde später von der Wand in der offenen
Halle zu lösen und an einen anderen Platz im Innern eines
Gebäudes zu versetzen, wo sie den Unbilden des Mün-
chener Wetters nicht mehr ausgesetzt sind.

DENKMÄLER

X Das Paulsen-Denkmal, das die deutschen Schul-
männer und Philologen dem heimgegangenen großen Philo-
sophen und Pädagogen in seinem einstigen Wohnort
Steglitz bei Berlin setzen wollen, und dessen Ausführung
der Ausschuß dem jungen Bildhauer Erich Schmidt-Kestner
übertragen hat, ist glücklicherweise kein Standbild, sondern
eine Büste. Es ist kein Zweifel, daß diese Form der
Ehrung für Gelehrte und Forscher weit verständiger ist
als die Anhäufung überlebensgroßer Statuen, wie sie jetzt
im Vorhof der Berliner Universität vor sich geht, wo nach
SiemeringsTreitschke nun am 1. November Brütts Mommsen
aufgestellt werden soll. So fein und geschmackvoll Brütt
seine Aufgabe gelöst hat — man kennt ja sein Werk be-
reits aus dem Gipsabguß —, das Zusammendrängen meh-
rerer Monumente auf so engem Raum (in dem kleinen
Vorgarten der Universität werden sich nun in kurzem die
Denkmäler der Brüder Humboldt, Helmholtz', Treitschkes
und Mommsens in ihrer Wirkung gegenseitig beeinträch-
tigen) bleibt ein grober Mißgriff.

X Die Heine-Denkmal-Frage zieht weiter ihre Kreise.
Nach der Ablehnung des aus Korfu verbannten Standbildes,
das der Hamburger Buchhändler Campe seiner Vaterstadt
zum Geschenk machen wollte, hat sich das große Berlin-
Hamburger Heinedenkmalkomitee, wohl ein wenig ängst-
lich geworden, an den Senat der Freien Reichs- und Hanse-
stadt gewandt, um zu erfahren, ob prinzipielle Bedenken
vorliegen oder ob sich die kühle Haltung des Rates nur
auf jene Achilleion-Statue bezog. Die Hamburger Behörde
hat darauf eine Antwort erteilt, die jeder billigen wird:
sie werde für ein Denkmal, das »ein hervorragendes und
geeignetes Kunstwerk« sei, gern einen Platz zur Verfügung
stellen. Daraus ergibt sich zugleich, daß man das Stand-
bild aus Korfu tatsächlich aus dem vernünftigen Grunde
zurückgewiesen hat, weil es eine sehr mittelmäßige Bild-
hauerarbeit ist. Man kann nur den Wunsch aussprechen,
daß alle Behörden sich in ihren Denkmalsentschließungen
in gleicher Weise von ästhetischen Prinzipien leiten lassen.
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