Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 21.1910

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Vermischtes — Literatur

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ist beigefügt) belehrt über die Technik des Grabstichels.
Eine andere Platte, mit Ätzgrund überzogen, verdeutlicht
durch eine angefangene Landschaft die Tätigkeit der Radier-
nadel. Eine dritte zeigt nach Entfernung des Ätzgrundes
eine Arbeit des ausgezeichneten Berliner Radierers Georg
Friedrich Schmidt, die Nachbildung eines Rembrandtschen
Porträts. Schließlich ist neben Hochdruck und Tiefdruck
der Flachdruck der Lithographie berücksichtigt. Man sieht
eine Inkunabel des Berliner Steindrucks: einen mit litho-
graphischer Kreide gezeichneten Pferdekopf von Wilhelm
Reuter (1805). Sodann lithographische Federzeichnungen
Menzels aus dem Jahre 1837 (Bildnisse von Jussuf Bey
und Pückler-Muskau). Schließlich einen gekörnten Soln-
hofer Stein mit einer Arbeit von Karl Kappstein, der die
moderne Ausgestaltung der Technik veranschaulicht. Die
Materialien, Schaber, Nadeln, Messer, Kreiden, Tuschen
usw. sind auch hier beigefügt.

Rom. In diesen Tagen ist endlich das Mädchen
von Anzio, welches die italienische Regierung für 450000
Lire gekauft hat, von Anzio in das Thermenmuseum ge-
bracht worden und wird wohl im November in einem der
Säle ausgestellt werden. Durch das wunderbare Werk
praxitelischer Schule bekommt das schöne, reiche Museum
der Diokletiansthermen einen neuen großen Reiz.

VERMISCHTES

Ein deutsch-französischer Künstlerstreit in Argen-
tinien. Die in Paris erscheinende Tageszeitung »Action«
weiß von einem Streit zwischen deutscher und französischer
Kunst zu berichten, der sich weit hinten und drüben in
Südamerika abspielen soll. Also berichtet das französische
Blatt: »Bekanntlich hatte die Republik Argentinien eine
Konkurrenz zur Erlangung von Entwürfen für ein groß-
artiges Nationaldenkmal ausgeschrieben, woran sich fünf-
undsiebzig Künstler beteiligt haben. Von den fünfund-
siebzig Konkurrenten waren vierundvierzig Franzosen, aber
trotzdem wurde nur ein einziges französisches Projekt zu-
rückbehalten und mit dem deutschen Projekt gleichzeitig
an die erste Stelle gesetzt. Darnach folgten die spanischen,
italienischen, belgischen und argentinischen Skizzen. Jetzt
sind die neuen Skizzen, in einem Sechstel der eigentlichen
Größe ausgearbeitet, in Buenos Ayres ausgestellt. Wie
man sich denken kann, ist der Kampf ein Zweikampf
zwischen dem französischen Projekt von Paul Gasq und
dem deutschen von Gustav Eberlein. Nach dem einmütigen
Urteil aller, welche die beiden Projekte gesehen haben,
läßt die französische Skizze die deutsche weit hinter sich.
Sie besteht aus einem Pylon, der von einer vergoldeten
Bronzegruppe gekrönt wird und an dessen Fuße sich mehr
als dreißig Figuren in herrlicher Anordnung befinden.
Das Ganze ruht auf einem kreisrunden Treppenaufbau, der
mit Brunnen geziert ist, und hat eine Gesamthöhe von 36
Metern. Das deutsche Projekt ist in der Art der »Bürger
von Calais« von Rodin, dessen Schüler Eberlein ist; es ist
das ein verstreuter Stil. Nun wohl, trotz der Einmütigkeit
des Publikums und der Kritik ist die Vergebung des andert-
halb Millionen betragenden Preises unsicher. Die deutsche
Regierung unterstützt ihren Landsmann mit wilder Energie.
Sie tut alles, damit er den Preis erringe. Unsere Regierung
weiß es und bleibt nicht untätig; aber sie hat sich neulich
geweigert, eine argentinische Anleihe an der Börse zuzu-
lassen, und dieser Umstand wird vielleicht schweren Ein-
fluß ausüben«. Wer hätte gedacht, daß Gustav Eberlein

Schüler Rodins sei und in der Art der »Bürger von Calais«
arbeite? Im übrigen mag es den Deutschen wohl einerlei
sein, wer das argentinische Denkmal macht. Wenn man
in der Villa Borghese den entsetzlichen Goethe Eberleins
sieht, — an welchem wahrlich nichts an Rodin erinnert —
könnte man beinahe wünschen, daß der Franzose den
Preis erhalte. Indessen ist Buenos Ayres nicht Rom, und
was uns hier beschämt, mag uns in Südamerika zur Ehre
gereichen. Jedenfalls aber brauchen wir uns nicht zu er-
eifern, und wir werden es kaltblütig ertragen, wenn Herr
Gasq und nicht Herr Eberlein die argentinischen Gelder
einheimst. k. E. Schmidt.

LITERATUR

Alois Wurm, Meister- und Schülerarbeit in Fra Angelicos
Werk. Straßburg, Heitz, 1907. (Zur Kunstgeschichte
des Auslandes, Heft 53.)
Hier hat sich offenbar ein Anfänger die Aufgabe ge-
stellt, bei Fra Angelico das Werk des Meisters von der
Schülerarbeit zu scheiden. Gewiß ein lobenswertes und
zugleich interessantes Unternehmen. Herrscht doch gerade
im opus dieses religiösen Malers große Dunkelheit und
Unklarheit. Aber der Weg, auf dem der Autor die äußerst
schwierige Aufgabe leichter Hand zu lösen gedenkt, ist
kühn und gewagt. Es ist so ganz die Art schneller, leichter
Kritik, wie sie durch Morelli und seine Schule fast als
etwas Krankhaftes um sich gegriffen hat. Der Autor
fertigt ein Bild nach dem andern trocken und nüchtern
ab, ohne sich und dem Leser ein klares Bild von der
Manier des Meisters und seiner Schüler zu schaffen. Was
ihm nicht gefällt, wird unter die Schülerarbeit verwiesen,
so daß eigentlich herzlich wenig als eigenhändige Leistung
des Meisters übrig bleibt. Er bedenkt dabei nicht,
daß der Künstler am Anfang einer Kunstentwickelung
steht und so noch nicht im Besitz einer fertigen Bilder-
sprache und Manier war. Und es ist doch recht unwahr-
scheinlich, daß der Frate überall, fast bei jedem Bild
Schülerhilfe herangezogen hat. Im eigenartigen Kontrast
zu den vielen abfälligen, oberflächlichen Kritiken stehen
die begeisterten pathetischen Lobeserhebungen ob der Größe
des Meisters, dem kein Masaccio oder Donatello, höchstens
Leonardo da Vinci ebenbürtig sei. Betrachten wir das
Werk als eine Studie, die am Beginn einer weitgehenden
Forschung und tiefer Kritik steht! Aber der Autor möge
sich noch voller und tiefer hineinleben in das Schaffen
dieses edlen Frate von S. Marco. Gewiß tut er recht
daran, wenn er nicht leichtgläubig wie andere Biographen
alle ihm zugeschriebenen Werke annimmt. Indes eine
große Kritik übt erst einmal am eigenen Urteil Kritik und
strebt darnach, eine klare, geschlossene, künstlerische Vor-
stellung von der Individualität des auserwählten Meisters
zu gewinnen, wobei auch die Schatten und Schwächen zur
Modellierung notwendig sind. Das kann nur als Frucht
langjährigen Studiums erfolgen, besonders bei solch einer
Kunst, die noch von den Mängeln beginnender Schul-
bildung behaftet ist. Mit der scharfen Kritik ist eben nur
der Anfang im Studium gemacht. Es lohnt sich bei der
mangelhaften Klarheit der Vorstellung gar nicht, auf die
einzelnen Behauptungen einzugehen. Wenn der Autor
erst einmal ein deutliches Bild von der künstlerischen
Persönlichkeit und Sicherheit zur Definition seiner Manier
gewonnen hat, wird er eine wirkliche Kritik und auch
eine monographische Behandlung dieses edelsten Idealisten
in der Kunst des Quattrocento uns geben können, f. Knapp.

Inhalt: St. Petersburger Brief. — Ausstellung holländischer Stilleben aus allen Jahrhunderten. Von J. O. Kronig. — Die Königskolonnaden in Berlin
bedroht; Rottmanns Fresken in München. — Paulsen-Denkmal in Berlin-Steglitz; Zur Heine-Denkmal-Frage. — Ausgrabungen in Saqqara.

— Ausstellungen in Berlin, Wien, Budapest, Innsbruck, Paris, Mailand, New York. — Sensationsnachricht über die Wachsbüste von Leonardo;
Anschauung von der graphischen Technik im Berliner Kupferstichkabinett; Mädchen von Anzio im Thermenmuseum in Rom. — Vermischtes.

— Alois Wurm, Meister- und Schülerarbeit in Fra Angelicos Werk.

Herausgeber und verantwortliche Redaktion: E. A. Seemann, Leipzig, Querstrabe 13
Druck von Ernst Hedrich Nachf. o. M. B. h. Leipzig
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