Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 21.1910

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Neuanordnungen, Vermehrungen und Ausstellungen im British Museum

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Frau Besnard versichert in einem Aufsatze, der in
der Zeitschrift »Les Idees modernes« erschienen ist,
daß ihr jede Ironie fernliegt. Ganz im Gegenteil
faßt sie die Sache sehr ernst auf und möchte eine
gründliche Reform des Zeichenunterrichts herbeiführen.
In dem erwähnten Aufsatze sagt sie, die Zeichnung
sei gewissermaßen die Schrift der Analphabeten, und
die Kinder begännen viel eher zu zeichnen als zu
schreiben. Nachher verlöre sich die zeichnerische
Begabung der Kinder, weil sie unbeachtet bleibe und
nicht gefördert würde. In Wirklichkeit aber dürfe
die Kunst des Zeichnens sowenig das Privilegium
des bildenden Künstlers sein wie die Kunst des
Schreibens das des Schriftstellers. Jedermann solle
zeichnen können so gut wie schreiben. Diese Ideen,
die nicht gerade neu sind, denn viele berühmte Künst-
ler haben sich in vergangenen und neueren Zeiten
ähnlich ausgesprochen, werden von der Künstlerin
recht geistreich ausgeführt, und das Geistreichste ist
wohl die genaue Ausführung des Nutzens, welche
die allgemein verbreitete Zeichenkunst auf die bildende
Kunst ausüben müsse. Während man nämlich denken
sollte, daß die allgemeine Ausbildung im Zeichnen
eine Vermehrung der mittelmäßigen Künstler nach
sich ziehen müsse, daß also das Proletariat der bil-
denden Kunst dadurch zunehmen werde, ist Madame
Besnard genau der entgegengesetzten Ansicht. Sie
meint, wenn erst jedermann zeichnen könne, werde
sich kein Mensch mehr von den mittelmäßigen Künst-
lern, die nicht zeichnen können, aufs Eis locken lassen.
Die Erfolge dieser Leute lassen sich nach ihrer An-
sicht gerade dadurch erklären, daß die meisten Menschen
nicht zeichnen können und keine Ahnung davon haben,
was Zeichnen eigentlich ist. Wörtlich sagt sie: »Diese
künstlerische Erziehung der Massen wird das Ende
der Überproduktion mittelmäßiger Kunstwerke herbei-
führen. Denn kein ernsthafter Mensch wird es mehr
wagen, als Kunstwerke Arbeiten öffentlich auszustellen,
die jedes zwölf bis fünfzehn Jahre altes Kind ebenso
gut oder besser machen kann.« — Madame Besnard
geht auch auf die Technik des Zeichenunterrichts
ein und verwirft ganz das Zeichnen nach Vorlagen.
Allein wirkliche Gegenstände, Pflanzen, Tiere, Menschen
sollten selbst von den Anfängern gezeichnet werden,
die geometrischen Vorbilder aber seien ganz und gar
zu verwerfen. Es ist in Paris die Rede von der
Gründung einer Liga, welche diese Ansichten zur
Durchführung bringen soll. Inzwischen hat Frau
Besnard bei den Leitern des Herbstsalons durchgesetzt,
daß der diesjährige Salon eine Abteilung für Kinder-
zeichnungen enthält. Diese Ausstellung soll die
Richtigkeit der oben dargelegten Anschauungen be-
weisen. Vermutlich aber werden die meisten Besucher
des Herbstsalons dabei nicht mehr lernen, als die
Tatsache, daß es im Herbstsalon eine ganze Anzahl
Wickelkinder von vierzig und mehr Jahren gibt, deren
Arbeiten in diese Kinderabteilung gehören, anstatt in
den andern Sälen die Wände zu bedecken.

KARL EUGEN SCHMIDT.

NEUANORDNUNGEN, VERMEHRUNGEN UND
AUSSTELLUNGEN IM BRITISH MUSEUM
Der Verwaltungsrat des Museums hat im Süden der
Skulpturengalerie einen Anbau von 70X40 Fuß errichten
lassen, um einen Teil der etwa seit 25 Jahren im South
Kensington Museum befindlichen Gipsabgüsse altgriechi-
scher und römischer Bildwerke- aufzunehmen. Kopien
solcher Skulpturen, die nämlich das British Museum im
Original besitzt,sind nicht hierher übergeführt worden. Wenn
man daher in die Versuchung kommen sollte, die neu-
angelegte Sammlung als unvollständig gegenüber ähnlichen
kontinentalen oder selbst nur den Kollektionen von Oxford
und Cambridge anzusehen, so muß man sich vergegen-
wärligen, daß erstere keine unabhängige Einheit zu bilden
bestimmt wurde, sondern als ein Supplement für das
Studium der Bildhauerarbeiten in den angrenzenden Sälen.

Unmittelbar am Eingange derneuenGalerie, zurRechten,
sind Fragmente von Gnossos, Werke im frühkretischen
Stil und das Löwentor von Mykenä aufgestellt. Dann
folgen die ältesten Skulpturen des historischen Griechen-
landes bis zum Apollo delle Terme, an dessen Base sich
die Bemerkung findet, daß er in der Tiber, in der Nähe
der palatinischen Brücke in Rom, im Jahre 1891 entdeckt
wurde. Am Ende des Saales erblicken wir die Skulp-
turenwerke von Olympia nebst Beispielen aus dem vierten
Jahrhundert, wie den Hermes und die Aphrodite von
Praxiteles, sowie Scopas' Niobe. Die hellenistische,
rhodische und pergamenische Schule sind gleich gut ver-
treten; nicht minder die Periode des römischen Kaiser-
tums. Ganz besonders zur Geltung kommt hier zum
ersten Male ein Objekt, das bisher im South Kensington
seiner ungünstigen Aufstellung wegen fast gar nicht be-
achtet worden war. Es ist der tatsächlich künstlerisch
hergestellte Abguss des prächtigen sogenannten Alexander
Severus-Sarkophags, dessen Original das Kapitolinische
Museum in Rom ziert. Die Kopie wurde vor ungefähr
60 Jahren von einem Mr. Windus dem Museum zum Ge-
schenk gemacht, weil man die berühmte, 1845 zertrümmerte,
aber wie bekannt tadellos restaurierte »Portland-Vase« mit
jenem Grabmal in Verbindung brachte. Die, heute jedoch —
namentlich in den letzten Monaten — stark erschütterte
Tradition besagt nämlich, daß die »Portland-Vase« sich
ursprünglich im Alexander Severus-Sarkophag befunden
habe! Die früheste, eingehende Beschreibung des schönen
Gefäßes erfolgte durch Josiah Wedgwood, und gerade
hier knüpft sich an seinen Namen ein doppeltes beson-
deres Interesse. Er war eifrig bemüht, nicht nur das
Material für die Herstellung von Kopien nach alten Ori-
ginalen zu verbessern, sondern auch in der Formgebung
die Schönheit der antiken, so vornehmlich der etrurischen
Gefäße zu erreichen. Zweitens wurde im British Museum
eine dem Institut geschenkte Sammlung alter Wedgwood-
Fabrikate aufgestellt, die wohl als die kostbarste ihrer Art
anzusehen ist.

Unter den englischen Sammlern um die Mitte des
vorigen Jahrhunderts gab es keinen Angeseheneren als
Isaac Falcke. Während eines Zeitraums von fast 50 Jahren
sammelte er mit Geschmack und Verständnis in der denk-
bar unauffälligsten Weise Kunstschätze aller Art. Sein
Lieblingsgegenstand blieb jedoch Wedgwood-Ware, für
deren Einkauf die damalige Zeit noch günstige Gelegen-
heit bot. Die dem British Museum nunmehr überwiesene
Sammlung von Mr. Falcke umfaßt ca. 800 Nummern,
meistens hervorragende Objekte, die ihrem materiellen Wert
nach auf 800000 Mark geschätzt werden. Eine beträcht-
liche Anzahl der Arbeiten ist bisher niemals öffentlich
ausgestellt gewesen. Ferner zeichnet sich die Kollektion
durch eine Reihe von Originalwachsmodellen aus, die nicht
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