Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 21.1910

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Zur Neuaufstellung des Victoria

und Albert-Museums in London

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der Versuch gemacht, das anerkannt beste vom min-
deren zu scheiden, das Wichtige von Nebensächlichem
zu trennen, wie es leicht geschehen könnte, wenn man
neben den Schausammlungen Studien- oder Modell-
sammlungen einrichten wollte.

Es ist gar nicht auszudenken, um welchen Nutzen
des Museums wir durch das veraltete Schema einer in
unserer Zeit und bei der außerordentlichen Fülle des
Materials unzweckmäßigen Aufstellung betrogen werden.
Denn kein Kunst- und Gewerbemuseum der Welt
verfügt über glänzendere Mittel zu einer eindringlichen
und im besten Sinne repräsentativen Vorführung alter
künstlerischer Kultur als gerade das Victoria und
Albert Museum!— Gruppierte es die Werke der italie-
nischen Renaissance zusammen, die jetzt in vielen Ab-
teilungen verstreut sind und träfe daraus die geeig-
neten stilgeschichtlich und ästhetisch befriedigenden
Wahlen, es vermöchte Empfindungen und Erkennt-
nisse zu wecken, wie sie den Besucher des Bargello
ergreifen. — Seit sie 1882 gestiftet worden sind, stehen
ausgezeichnete Werke der französischen Kunst wie in
einem Möbelmagazin durcheinander; prächtige Möbel,
edle Porzellane, Miniaturen, feine Malereien, Bronzen
und all die entzückenden Bibelots, die das 18. Jahr-
hundert liebte, — es wäre ein leichtes, damit und
mit einigen Griffen in den sonstigen Bestand des
Museums etwas zu schaffen, das dem Wallace Museum
nahe käme und den Neid des Musee des arts deco-
ratifs in Paris erwecken könnte. Was in London
nicht geschehen ist, das wird wohl Pierpont Morgan
im Metropolitan Museum in New York ins Werk
setzen, nachdem er die Sammlung Hoentschel und so
vieles andere en bloc entführt hat. — Wo wie in
London das Material so bequem zur Hand ist, könnten
aus der großen Möbelabteilung auch weit mehr zu-
sammenstimmende Raumeinheiten geschaffen werden
als geschehen ist. Man sieht nicht recht ein, warum
man z. B. gewisse Schweizer Täfelungen auseinander
gerissen an Wand und Decke gehängt hat, wo doch
damit eine nicht minder lehrreiche Raumwirkung und
Stilverdeutlichung hätte erzielt werden können, als es
die nicht immer mit der nötigen Pietät aufgebauten
englischen Zimmer darstellen. — Wäre es nicht mög-
lich, die englische Wohnkunst des 18. Jahrhunderts,
— doch ein Stolz der Nation — überzeugender vor-
zuführen als jetzt geschehen ist? Wie lehrreich wäre
das, und wie dankbar wären wir, wenn es in der
Art geschehe wie das Musee des arts decoratifs fran-
zösische Kunst zeigt oder wie andere lokale und
nationale Kunstrichtungen in Wien, München, Ham-
burg, in Zürich und selbst in kleineren Provinz-
sammlungen wirkungsvoll gezeigt werden. — Und
endlich der Orient! Abgesehen von den Teppichen,
welche Schätze sind da an sarazenischer und ost-
asiatischer Kunst und wie wenig kommt uns in den
Massenvorführungen der hohe Wert der besten Waren
zum Bewußtsein. Das Studium der Keramik Chinas
und Japans ist im neuen Museum zu London nicht be-
quemer gemacht als im alten Johanneum zu Dresden.
Wann wird hier endlich einmal eine die Ansprüche der
Kunstfreunde befriedigende Auslese getroffen werden?

Wir verwünschen das leidige um die Dinge herum-
dekorieren, das theatermäßige Inszenieren und senti-
mentale Heimkunstspielen im dilettantischen Zusammen-
bauen nur ungefähr zusammengehöriger Dinge— aber
wir sind der Meinung, daß der lehrhaften Absicht,
»dem pädagogischen Sinne« des Museums nicht Ge-
nüge getan wurde, indem man der technischen Rück-
sicht alle anderen opferte. In den Werken, die uns
das Museum zum Studium und zum Genuß vorführt,
wollen wir die Glieder einer historischen Entwicklung
sehen, an deren Ende wir stehen, denn sie sind
Vorbereitungen unserer eigenen Kunsttätigkeit. Um
sie als solche deutlich und in ihrer kulturgeschicht-
lichen Abhängigkeit verständlich zu machen, dürfen
sie nicht nur als Beweis technischer Notwendigkeiten
hingestellt werden, ebenso wenig wie sie zu bloßen
dekorativen Effekten mißbraucht werden sollten.

Das in Material undTechnik Gemeinsame ist ein viel
zu enger Begriff, hervorgegangen aus einer im letzten
Grunde stilfeindlichen und kulturlosen, rein industriellen
oder vielleicht noch eher kommerziellen Auffassung,
die vorübergehenden Tagesbedürfnissen dienen will.
So war es anno 60, 70, öo, und die Folge war
die Rückgriffskunst, gegen die sich endlich die Oppo-
sition der Moderne wandte. Lernen wir aber die
Kunstschätze der Kunstgewerbe-Museen nicht mehr
allein als billige Vorbilder neuer Industrie benutzen,
sondern als künstlerische Organismen vergangener
Kulturen lieben, in denen ebensoviel Zeitstil und
Geschmack steckt, wie individuelles Ringen um eine
Kunstvollkonimenheit, dann müssen wir sie auch in
einer Weise darbieten, die diese Bedingungen ihrer
Schöpfung zum Bewußtsein bringt. Die entsetzlich
trockenen Serien des Victoria und Albert-Museum
dienen der technischen Bildung der Handwerker und
der ornamentalen der Zeichner; höchstens noch der
spezielle Fachhistoriker, dem alles gleichwichtig scheint,
kann an der Fülle des Vergleichsmaterials seine Lust
haben. Aber das alles sind doch Interessen von Minder-
heiten, an sich wichtig aber doch aufgehend im großen
Ganzen, dem sie dienen. Die spezielle Bildung, die
dem Fachmann geboten wird, ist nicht ausreichend
zum vollen Verständnis und zur echten Freude an
der Kunst. Ist vor allem nicht ausreichend für die
begeisternde Erziehung zur Kunst, die ein gebildetes
Volk als Ganzes verlangt oder verlangen sollte aus
innerem Triebe zum Kunstgenuß. Diesem höheren
Zweck muß auch ein Museum für Kunst und Gewerbe,
wie es das Victoria und Albert-Museum ist, dienen,
wenn es die Forderungen unserer Zeit ganz erfüllen
soll. Es kann so gut zu einer Weihestätte der
Kunst werden, wie es jetzt ein nüchternes und er-
nüchterndes Studienmagazin geworden ist, wenn eine
tiefergreifende Auffassung seiner großen Kulturauf-
gaben das bureaukratisch-industrialistische System, das
gegenwärtig noch im Schwange ist, durch ein besseres
und zeitgemäßeres ersetzt haben wird.

Noch ist die Aufstellung des Museums in allen
seinen Teilen nicht abgeschlossen, was aber bis in den
Hochsommer dieses Jahres zu sehen war, zeigte, daß
die Abteilungschefs im allgemeinen nichts anderes tun
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