Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 21.1910

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Münchener Brief

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weise gebe die Beschreibung der einen Wand einen
Begriff. Zwischen Prellers zwei Odysseebildern hängen
Lenbachs eines Schackporträt und Spitzwegs geigender
Einsiedler. Fast am schlechtesten scheint mir Feuer-
bach weggekommen. Der nüchterne Saal, der nur
Werke seiner Hand enthält, empfängt ein grelles Seiten-
licht, so daß von den Bildern der Hauptwand (Ricordo
di Tivoli, Paolo und Francesca, Hafis am Brunnen,
das Familienbild, die musizierenden Kinder von einer
Nymphe belauscht) infolge der Glanzlichter keines von
seinem richtigen Ort aus betrachtet werden kann. Die
großzügige Pietä und Nannas berühmtes Porträt mußten
wieder in die Verbannung in das anstoßende Kabinett,
da im »Feuerbachsaal« kein Platz mehr für sie war.
Wie die Pietä dort wirkt — infolge der Kleinheit des
Raumes kann man den Glanzlichtern nicht einmal
ausweichen. — brauche ich wohl nicht beschreiben.
Nanna hängt hoch oben an der linken Wand (ca. 2 x/2 m
über dem Boden) und wundert sich über ihre Um-
gebung: Schnorr von Karolsfeld (Der Erlkönig), J. A.
Koch, P. Cornelius, Franz Catel, K. Rottmann, Eduard
Gerhard und Ludwig Neubert. Außer den hier er-
wähnten Räumen befindet sich im ersten Stock noch
ein weiterer Kopiensaal mit Oberlicht. Drei ebensolche
Säle bilden das zweite Stockwerk. Es haben also die
Kopiensäle durchweg Oberlicht, die Räume mit Ori-
ginalen durchweg Seitenlicht.

Und nun fragen wir uns einmal, was hätte man
aus dieser Schackgalerie machen können? Hätte sie
nicht das Unikum einer Sammlung, ein Vorbild, eine
Schule des guten Geschmackes, ein wohliger Aufent-
halt wahrsten Kunstgenusses werden können? Man
hatte den seltenen Fall, für eine Sammlung, deren
Bilder und Qualitäten man genau kennt, deren Bestand
weder vermehrt noch verringert werden wird, wo man
also um die im Geiste zusammengestellte Sammlung
das Gebäude förmlich herumbauen konnte, passende
Räume schaffen zu müssen. Da hätten wir wohl ein
etwas anderes Resultat erwarten dürfen.

Man wird München vielleicht Undankbarkeit vor-
werfen, wenn aus seinen Mauern ein solches Urteil
über das kaiserliche Geschenk laut wird; aber erstens
hat der Kaiser die Galerie weder gebaut noch ein-
gerichtet, ferner kommt hier nicht allein München in
Betracht, sondern hier ist das ganze gebildete Deutsch-
land, nein, vielmehr die ganze gebildete Welt mit be-
teiligt und da muß ein freies Wort erlaubt sein.

Über ein zweites nicht minder bedeutendes Ereignis
im Kunstleben Münchens, nämlich die Eröffnung der
durch Hugo von Tschudi neugeordneten älteren Pina-
kothek glaubte ich heute schon berichten zu können;
leider wurde der Termin aber wieder hinausgeschoben
und so kann ich einstweilen nur mitteilen, daß der
Gemäldebestand des bayrischen Staates um acht Werke
bereichert wurde. Es sind dies: ein vorzüglich er-
haltener Greco, die Entkleidung Christi (eigenhändige
Wiederholung der berühmten 1579 gemalten Espolio
in der Sakristei der Kathedrale von Toledo), ein aus-
gezeichneter Guardi, Konzert in einem venezianischen
Damenstift, ein Stilleben von Goya, gerupftes Huhn,
ein MännerbildnisGainsboroughs, ein weibliches Bildnis

eines an Clouet erinnernden Franzosen, ein Mittelstück
eines Altars aus der Pacherschule mit St. Jakob und
St. Stephan1), ein Antolines und ein Mädchenbildnis
des Münchener Malers Georg Edlinger, das den Be-
suchern des letzten kunsthistorischen Kongresses in
München von der Ausstellung im Kunstverein her in
Erinnerung sein dürfte (Kat. Nr. 18). Die beiden
letzten Bilder, deren Meister schon in der Pinakothek
vertreten waren, sind Geschenke zweier Kunstfreunde.
Die fünf erstgenannten aber ergänzen empfindliche
Lücken unserer Galerie und wir sind Tschudi zu
großem Dank verpflichtet, daß er mit soviel Umsicht
und Tatkraft für ihre Hebung arbeitet. In Berlin wird
man jetzt wohl immer mehr einsehen, was man an
ihm verloren hat.

Aus dem Gebiete der alten Kunst ist noch zu be-
richten, daß Dr. Heinz Braune in einem der Allge-
meinheit unzugänglichen Zimmer der Universität einen
Matthias Grünewald entdeckt h^t. Das Werk stellt eine
Verspottung Christi dar, ist 1503 datiert und zeigt
Verwandtschaft sowohl mit dem Münchener Mauritius,
wie mit der Karlsruher Kreuzschleppung. H. A. Schmid
bestätigte die Richtigkeit der Zuweisung des jungen
Forschers, der demnächst selbst in einer der Fachzeit-
schriften das Wort ergreifen wird. Ferner fand sich
unter den Bildern, die am 26. November aus dem
»Kunstbesitz eines bekannten norddeutschen Sammlers«
bei Helbing zur Versteigerung kamen, ein wahrschein-
lich dem Wolf Huber zugehöriges Werk, Heimsuchung
Maria, das für 400 M. in den Besitz des Bayerischen
Nationalmuseums überging.

An Veranstaltungen auf dem Gebiet moderner Kunst
ist eine Kollektivausstellung des 1901 verstorbenen
Malers Ernst Zimmermann, die in zwei Sälen des
Kunstvereins untergebracht war, zu erwähnen. Den
bedeutendsten' Eindruck machten die Porträts, unter
denen sich erstklassige Arbeiten befanden. Vielfach
dunkle, gut gestimmte Farben mit einem feinen Grau
und Gelbbraun kontrastierend. Das Porträt der Frau
R. S. Zimmermann dürfte an Feinheit des malerischen
Empfindens manchen Courbet überflügeln. Sonst
treffliche Stilleben, Genreszenen und religiöse Dar-
stellungen.

Die verschiedenen Richtungen der modernen
Kunst lassen sich gegenwärtig in drei Ausstellungen
vorzüglich studieren. Bei W. Zimmermann haben
Mitglieder der Walhallagesellschaft ihre Werke zur
Schau gestellt (gleichzeitig sind im Kunstverein gra-
phische Arbeiten derselben Künstler zu sehen), bei
Brakl, dessen »moderne Kunsthandlung« Emanuel von
Seidl neu eingerichtet hat, finden sich außer Leo Putz
55 van Goghs und in der seit einigen Wochen be-
stehenden »modernen Galerie« im alten Arcopalais
an der Maffeistraße führen uns die jüngsten und aller-
modernsten Malgenies Münchens ihre mit möglichst

1) Das Werk war früher schon im Besitz des bayerischen
Staates gewesen, jedoch 1852 mit 980 anderen Bildern, dar-
unter auch Dürers Anna selbdritt, versteigert worden. Es
kam dann in die Sammlung Sepp in München, aus der es
jetzt wieder zurückgekauft wurde. Die Flügel dazu befinden
sich in Schleißheim.
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