Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 21.1910

Page: 217
DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kunstchronik1910/0117
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
217

Nekrologe — Personalien

218

Lucas junior in seinem neuerlichen Interview (Vor-
wärts 24. XII. 09), wo er über die Nichtabnahme der
Arbeit durch Buchanan ganz neue Dinge erzählt, mit
keinem Wort angedeutet, daß der Vater ein altes Kunst-
werk hätte vortäuschen sollen oder wollen.

Es wäre ja auch einigermaßen erstaunlich, wenn
der Premierminister Palmerston einem gelegentlichen
Fälscher einen lebenslänglichen, staatlichen Ehrensold
ausgesetzt hätte.

* *

*

Zur Berliner Florabäste. Zu meinem Aufsatz in
Nr. 10 der Kunstchronik habe ich nachzutragen, daß
gleichzeitig mit mir Wölfflin (im Cicerone) und Strzy-
gowski (in der Frankfurter Zeitung) zu genau der
gleichen Beurteilung gelangt sind. Auf die mir ge-
widmeten Auslassungen Kpetschaus (Kunstchronik
Nr. 12) habe ich nichts zu erwidern, da sie nicht ein
Wort zur Sache enthalten; die persönlichen Ausfälle
haben für mich nur psychologisches Interesse. Im
übrigen wäre nachzulesen, was Bode in seinem Ein-
führungsartikel in der »Woche« (1909, Heft 46, S. 1945)
geschrieben hat: »Zum richtigen Verständnis der Büste
bedarf es nur weniger Worte der Erläuterung der
nebenstehenden guten Abbildungen« — denen seit-
dem andere noch bessere gefolgt sind. Ich nehme
als selbstverständlich an, daß Koetschau nur seiner
privaten Stimmung — die mir, wie schon gesagt,
gleichgültig ist — hat Ausdruck geben wollen. Sollte
er jedoch meinen, als Museumsbeamter gesprochen
zu haben, so würde eine sehr ernste Zurückweisung
nötig werden. Dehio.

NEKROLOGE
Adalbert Ritter von Lanna hat die im vorigen
Jahre stattgehabte Versteigerung seiner großen keramischen
und graphischen Sammlungen, auf denen, wie bekannt,
Rekordpreise erzielt wurden, nicht lange überlebt. Der
berühmte Sammler ist am 31. Dezember in Meran 74 Jahre
alt gestorben.

PERSONALIEN
Von der Dresdner Galerie. Geh. Hofrat Prof. Dr.
Karl Woermann gibt seine Stellung als Direktor der Dres-
dener Galerie auf, um sich fortan nur seinen literarischen
Arbeiten zu widmen. Der Abschied ist ihm auf sein Ge-
such hin für den 1. April ds. J. bewilligt worden. Er
hat die Dresdner Galerie 28 Jahre — seit dem Tode Julius
Hübners im Jahre 1882 — geleitet und sich während dieser
Zeit um die ihm anvertraute Sammlung große Verdienste er-
worben. Vor allem hat er einen zuverlässigen Katalog
für die Galerie verfaßt, der in seiner Art als ein hervor-
ragendes Stück kunstwissenschaftlicher Arbeit bezeichnet
werden muß. Der im Jahre 1882 vorliegende ältere Kata-
log strotzte von Fehlern, über die namentlich Morelli die
Lauge seines nur zu berechtigten Spottes ausgoß. Schon
die erste Auflage des neuen Katalogs, den Woermann auf
Grund eindringlichen, vergleichenden Bilderstudiums abge-
faßt hatte, bot demgegenüber ein ganz anderes Bild dar:
neben den zuverlässigen knappen Beschreibungen der Bilder
und Angaben über ihr Äußeres, sowie über den Künstler,
kurze Mitteilungen über die Herkunft jedes Gemäldes, über
Zeit und Art seiner Erwerbung oder seiner ersten Er-
wähnung in den Galerieakten, über Umtaufen und die son-

stige Geschichte des Bildes und über wissenschaftliche
Streitfragen, die sich daran knüpfen. Auch schon eine
ganze Reihe von Umtaufen bot der neue Katalog. Woer-
mann ging in dieser Hinsicht mit großer Sorgfalt und einer
durchaus zu billigenden Vorsicht vor und verzeichnete
manchmal lieber eine neue Ansicht, die ihm noch nicht
völlig bewiesen erschien, in den Anmerkungen, als daß er
sie gleich angenommen hätte. Nach den gleichen Grund-
sätzen verfuhr er auch bei den folgenden Auflagen. Schon
etwa von der dritten Auflage an hatte der Woermannsche
Katalog so ein ganz festes Gefüge, an dem nur noch
Kleinigkeiten zu verbessern waren, wie sie die weiterschrei-
tende Forschung mit sich brachte. An 300 Bilder hat
Woermann allmählich umgetauft oder neu benannt, in mehr
als 40 Fällen wurde der vielseitige Meister Unbekannt
durch einen bestimmten Namen oder wenigstens durch
eine genauere Angabe ersetzt, die sonstigen Verbesserungen
sind zu zahlreich, als daß sie statistisch behandelt werden
könnten. Hervorzuheben ist aber noch, daß alle Künstler-
bezeichnungen auf den Bildern in dem Katalog, der jetzt
in siebenter Auflage vorliegt, getreu wiedergegeben sind.

Weiter hat Woermann das Verfahren des Restaurierens
alter Gemälde auf eine neue Grundlage gestellt. Die
neuen Verfahren wurden sorgfältig geprüft und das Beste
davon für die Galerie verwendet, Jedenfalls ist unter
Woermann stets mit größter Vorsicht restauriert worden,
so daß von irgendwelchen Verlusten oder Zerstörungen
durch das Restaurieren nicht die Rede sein kann. Das
neue Verfahren, von den alten Gemälden die alten Firnisse
zu entfernen, hat Woermann nicht angenommen. Die
Gegner dieses ja namentlich in Berlin und München ge-
übten Verfahrens, die Bilder zu verjüngen, behaupten, daß
dabei auch Lasuren mit verschwinden könnten. Woer-
manns Nachfolger wird freie Hand haben, die Gemälde
unberührt zu lassen oder sie nach dem Berliner Verfahren
zu verjüngen.

Vermehrt hat sich die Dresdner Galerie unter Woer-
manns Leitung um 228 Bilder neuerer Meister und um
65 ältere Gemälde. Aus Staatsmitteln angekauft wurden
von diesen 65 Bildern alter Meister nur 17, die übrigen
kamen durch Vermächtnisse, Schenkungen und Über-
weisungen von anderen öffentlichen Stellen an die Galerie.
Für diese 17 Bilder wurden im ganzen 244113 Mark aus-
gegeben. Unter den angekauften Bildern befinden sich
einige ganz hervorragende Werke, wie der Tod der hl.
Klara von Murillo, der hl. Sebastian von Cosimo Tura,
das Bildnis des Bischofs O'Beirne von Sir Henry Raeburn,
die Wassermühle von Hobbema, die Beweinung Christi
vom Meister des Hausbuches und die große holländische
Landschaft von Philips Köninck. Durch den Ankauf der
228 Bilder neuerer Meister ist die moderne Abteilung der
Galerie auf einen bedeutenden Umfang gebracht worden.
Aus Staatsmitteln hat Woermann auch in dieser Abteilung
bedeutende oder kunstgeschichtlich wichtige Werke an-
gekauft, z.B. denSommer von Hans Makart, die Heilige Nacht
und die Trommler von Fritz von Uhde, die Pietä von
Max Klinger, die Fischerfamilie von Puvis de Chavannes,
die Steinklopfer von Courbet, den Vogelsteller von Th.
Couture, zwei Bildnisse von F. v. Rayski und eine Land-
schaft von Caspar David Friedrich. Weitaus zahlreicher
als diese Erwerbungen waren die Gemälde lebender
deutscher Künstler, die der Galerie aus den Ankäufen der
Pröll-Heuer-Stiftung zugeflossen sind. Unter diesen ist
auch gar manches Minderwertige, doch ist Woermann
dafür nicht verantwortlich, weil über diese der akademische
Rat der Dresdner Kunstakademie entscheidet.

Auch in bezug auf die Anordnung und Umhängung
der Gemälde der Dresdner Galerie hat Woermann ent-
loading ...