Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 21.1910

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Nekrologe — Personalien

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NEKROLOGE
Rudolf Quittner f. In Neuilly bei Paris starb
am 3. Januar, erst 37 Jahre alt, der Wiener Landschafts-
maler Rudolf Quittner. Ein Krebsleiden, das voriges Jahr
eine schwere Operation nötig machte, hat ihn dennoch
weggerafft. Die Nachricht hat in Wiener Künstlerkreisen
aufrichtige Trauer erregt, denn Quittner, ein ungewöhnlich
rasch erblühtes Talent, hatte die schönsten künstlerischen
Aussichten. Er war 1873 in Troppau geboren, als Sohn
eines reichen Tuchfabrikanten. Nach Absolvierung der
Realschule und Studien am Technologischen Gewerbe-
museum in Wien wurde er Prokurist der Fabrik. Nach
harten Kämpfen und Verzicht auf materielle Vorteile ging
er zur Kunst über. An der Wiener Akademie der bildenden
Künste und in Paris, wo er die Sommer verbrachte, fand
er sich rasch. Er war durchaus Impressionist. Monet,
Pissarro, Raffaelli, Lunois wiesen ihm den Weg zur Dar-
stellung der lyrischen Stimmungen in Licht und Luft. Die
Abende auf dem Boulevard mit ihren modernen Licht-
effekten wurden ihm besonders dankbar (im größten For-
mat 1909), aber auch helle parkartige Landschaften, mit
fließendem Wasser, einem breiten schäumenden Wehr
(»Die Schleuse« 1908) usw. Dann wieder stellte er eine
schummrige Stubenszene zwischen zwei helle Landschaften,
wie in dem Dreibild: »Die Abreise« (1907). Da stellt das
Mittelbild diVeigene Wohnstube des Künstlers dar, voll
offener Koffer und Reisetaschen, als Schauplatz eines
großen Packens, rechts und links aber grünt schon freie
Reisegegend, mit dem Bahnzug mittendurch. Das große
Bild: »Der Eisenbahnzug« (1907) wurde auf der Internatio-
nalen in Venedig vom König gekauft und der dortigen
Modernen Galerie geschenkt. Durch blumenbunte Ebene
zieht ein Bahnzug, auf dem wie eine blendendweiße Schlange
der eigene Rauch sich lagert; am Himmel alle die Farben
des bunten Gefildes noch einmal gemischt. Dabei eine
ruhige, gemächliche Malerei, wie seine meisten Sachen.
Nur wenigen sieht man die fieberische Rastlosigkeit an, mit
der er rasch nacheinander in alle Extreme fallen konnte,
immer auf der Suche nach dem Eigentlichen. Er war der
Proteus unter den Malern und versuchte alle erdenklichen
Manieren. Er war immer wieder »nicht zu erkennen«.
Am schlagendsten zeigte sich dies im Jahre 1906. Da hatte
er in der Frühjahrsausstellung zwei mehr als wild in großen
Flächen hingewürfelte Pariser Ansichten: »Pariser Dächer«,
von der Pantheonkuppel überragt unter glühendem Abend-
himmel, und ein Kirchenportal. So »tapageur« als nur
möglich. In der Herbstausstellung war er bereits das
gerade Gegenteil. Eine dörfliche Winterszene mit Laternen
und eine Schlafstube mit einem bunten, zerwühlten Bett
waren die lautlose Stille selbst. Wie pulverisiert schwebten
die Farben in der Luft, staubfein und staubtrocken. Dann
kam es wieder vor, daß ihm etwa Le Sidaner gefiel und
ein »Gittertor« oder »die Lampe« auf diesen hinauslief.
Er war noch immer nicht der definitive Quittner geworden.
Aber Talent war reichlich vorhanden, bei nicht geringer
Schnellfertigkeit. Es war, als wisse er, daß ihm keine lange
Zeit gegönnt sei, und da wollte er doch nicht von hinnen,
ohne ermittelt zu haben, wer er eigentlich gewesen.

Ludwig Hevesi.

f- In Zürich starb der frühere Stadtbaumeister Arnold
Leopold Gottfried Geiser, geboren 27. Februar 1844
Biel, einer der Männer, denen die bauliche Entwickelung
der Stadt Zürich am meisten verdankt, eine Reihe von
Jahren Präsident des Schweizerischen Architektenvereins,
Verfasser der Werke »Das schweizerische Bauernhaus«
und »Die Bauwerke der Schweiz«.

Der Historienmaler Heinrich Aschenbroich ist am
26. Dezember in Düsseldorf im Alter von 70 Jahren

gestorben. Er war als Maler religiösen und historischen
Genres bekannt, auch als Gemälderestaurator wurde er
vom preußischen Staat, von dem Kunstverein für Rheinland
und Westfalen, von Galerien und Privaten vielfach in An-
spruch genommen.

Fred Remington, der bekannte amerikanische Land-
schaftsmaler und Bildhauer und neben Sargent einer der
bedeutendsten amerikanischen Künstler, ist auf einem Land-
gute im Staate Connecticut an den Folgen einer Operation
gestorben.

-j- München. Der Kunstmaler und k. Professor Paul
Hoecker, eines der Gründungsmitglieder der Münchener
Sezession und ehemaliger Lehrer an der Akademie der
bildenden Künste, ist in der Nacht vom 12. auf 13. Januar
hier gestorben. Zu Hoeckers Schülern zählte eine große
Anzahl jetzt viel genannter Münchener Künstler wie A. Jank,
Münzer, W.Georgi, Leo Putz, Bruno Paul, Feldbauer, Eichler,
Püttner, v. Reznicek, Wilhelm Schulz und viele andere,
die ihrem einstigen Lehrer ein warmes Andenken bewahren.
Der Verstorbene war im Jahre 1854 in Oberlangenau
(Schlesien) geboren.

In Kopenhagen starb im Alter von 87 Jahren der
Nestor der dänischen Maler, Johann Frederik Nikolai
Vermehren. Er war im Jahre 1823 auf Seeland geboren.
Seine bekanntesten Bilder sind »Der Abschied des Reser-
visten« und »Die jütische Schafherde«. Im Jahre 1873
wurde er Akademie-Professor und hat als solcher einen
großen Teil der jüngeren dänischen Maler unterrichtet.
Seine Bilder behandeln meist das Volksleben und die Natur
Dänemarks.

PERSONALIEN
Vorstandswahlen im deutschen Kunstverein.

Der Vorstand des deutschen Kunstvereins hat soeben die
Neuwahl der Mitglieder zu seinen sämtlichen Ämtern und
Ausschüssen auf drei Jahre vorgenommen. Insbesondere
wurde an Stelle des ausgeschiedenen Geh. Rat Prof. Dr
von Tschudi der neue Vorsitzende gewählt: der Präsident
der Akademie der Künste, Prof. Arthur Kampf. Zu seinen
Stellvertretern sind Wirkl. Geh. Oberregierungsrat Müller
und Prof. Karl Koepping ausersehen.

-f- Der Vorstand der Münchner Künstlergenossen-
schaft setzt sich für das Jahr 1910 aus folgenden Herren
zusammen: Präsident: Hans v. Petersen, k. Professor, Maler;
Stellvertreter des Präsidenten: Frank Kirchbach, k. Professor,
Maler; Schriftführer: Richard Groß, Maler; Stellvertreter
des Schriftführers: Ludwig Dasio, Bildhauer; Kassier: Karl
Georg Barth, k. Professor, Bildhauer; Vorstandsmitglieder:
Adolf Eberle, k. Professor, Maler; Albert J. Franke, Maler;
Franz Grässel, Maler; Eugen Hönig, k. Professor, Archi-
tekt; Wilhelm Immenkamp, Maler; Hermann Knopf, Maler;
Emil von Lange, Direktor der k. Kunstgewerbeschule, Ar-
chitekt; Ludw. v. Langenmantel, Professor an der k. Kunst-
gewerbeschule, Maler; Franz Pernat, Maler; Heinrich Rettig,
Maler; Karl Voß, Maler; Heinrich Wadere, Professor an
derk. Kunstgewerbeschule, Bildhauer; Walter Ziegler, Maler
und Radierer.

+ Die Künstlervereinigung Luitpold-Gruppe hielt
am 15. Dezember des vorigen Jahres ihre Generalversamm-
lung ab, in der für das Jahr 1910 die nachstehenden Herren
in den Ausschuß gewählt wurden: Professor Fritz Baer,
1. Vorsitzender; Walter Thor, 2. Vorsitzender; Otto Tragy,
1. Schriftführer; Wenzel Wirkner, 2. Schriftführer; Professor
Wilhelm Löwith, 1. Kassier; Josef Sailer, 2. Kassier; Hein-
rich Brüne, Ernst Gerhard, Hans Heider, Melchior Kern,
Kurt Rüger, Beppo Steinmetz.

Dr. Wilhelm Niemeyer, Dozent für Kunstgeschichte
an der Düsseldorfer Kunstgewerbeschule, ist in gleicher
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