Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 21.1910

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Stiftungen — Forschungen

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Schlagschatten in Reliefs, die immer falsche Wirkungen
ergeben. In einer Reihe von Gegenüberstellungen von
Photographien gleichzeitiger Skulpturen und Gemälde
zeigte der Vortragende sodann, wie die vom Künstler ge-
wollte Lichtführung in den verschiedenen Epochen zu
denken ist. Die plastische Madonnendarstellung Ver-
rocchios läßt sich unmittelbar mit der gemalten kon-
frontieren. Für die Aufhellung der Schatten, wie sie
die zweite Hälfte des Jahrhunderts liebt, ist Baldovinetti
ebenso charakteristisch wie Rossellino, die Photographie
hat hier die Aufgabe, die zarten Hebungen des Reliefs
herauszubringen. Ebenso wird man von Photographien
der Quattrocentobüsten dasselbe Maß von Flächenbewe-
gung verlangen müssen, das gleichzeitige gemalte Por-
träts aufweisen. Besonders wichtig für die Frage der ur-
sprünglich beabsichtigten Lichtführung sind die am alten
Ort erhaltenen Skulpturen. Die Mediceerkapelle ist das
berühmteste Beispiel. Auch hier aber ist bei Einfall
direkten Sonnenlichtes die Beleuchtung wechselnd und von
der Tageszeit abhängig, so daß zufällige und falsche
Schattenwirkungen entstehen können, wie sie manche
Photographien in der Tat aufweisen. Erst der Barock
erfand dann die Lichtschlöte, die einen stets gleichförmigen
Lichteinfall sichern, so ist etwa Berninis hl. Therese un-
möglich mehr falsch zu photographieren. Endlich ist auch
auf Hinweise in der gleichzeitigen Literatur zu achten.
Lionardo z. B. sagt, man solle beim Zeichnen nach Gips
das Kerzenlicht durch einen Schirm fallen lassen, um eine
mildere Beleuchtung zu erzielen. Im allgemeinen ergab
sich, daß die italienischen Photographen bisher die relativ
besten Leistungen aufzuweisen haben, insbesondere gegen-
über der großen Bruckmannschen Publikation der Plastik
in Toskana. Wie ein Kapellmeister sich seiner Interpre-
tation eines Musikstückes rühme, so stehe zu hoffen, daß
immer mehr der Ehrgeiz der Photographen sich ausbilden
werde, nicht nur überhaupt Aufnahmen, sondern denkbar
vollkommene Wiedergaben von Kunstwerken herzustellen.

Im Anschluß an den Vortrag zeigte Herr Stoedtner eine
Reihe seiner Aufnahmen und erläuterte die Bedingungen,
unter denen sie zustande gekommen sind. Er wies be-
sonders auf die^ Schwierigkeiten hin, die Aufnahmen in
Kirchen bereiten, und führte als Beispiel an, daß es beim
Photographieren von Pachers Wolfgangaltar nötig gewesen
sei, die hohen Chorfenster von außen zu verhängen, und
zum Teil mit Blitzlicht zu arbeiten, um die Schatten des
tiefen Schreines aufzuhellen.

Herr Cohen sprach sodann über das Thema des
Braunschweiger Monogrammisten, indem er im Gegensatz
zu Diez, der in der Novembersitzung der Gesellschaft für
Glücks Theorie der Identifizierung mit Jan van Amstel
eingetreten war, die Gründe für die alte Eisenmannsche
Meinung, der Unbekannte sei Hemessen, hervorhob. Sehr
unwahrscheinlich sei die Annahme, Jan van Amstel habe
an Werken Hemessens mitgearbeitet, die die Überein-
stimmungen der kleinfigurigen Hintergründe bei Hemessen
mit den Werken des Monogrammisten erklären solle. Die
Verschiedenheit der großen und kleinen Figuren sei auch
bei Breughel zu konstatieren und fordere durchaus nicht
die Deutung auf zwei ausführende Hände. Eine dem
Tobiasbilde im Louvre sehr ähnliche Beweinung in Mainz
sei 1555 datiert, hier könne Jan van Amstel nicht mehr in
Frage kommen, da dieser 1540 gestorben ."sei." Einstweilen
sei die Hemessen-Theorie wahrscheinlicher, zumal von

Jan van Amstel kein beglaubigtes Bild erhalten sei. —
Herr Diez gab zu, daß die Annahme der Mitarbeit Amstels
an Bildern Hemessens mit dem Hinweis auf den ähnlichen
Fall bei Breughel stark erschüttert sei. Die allerdings
nicht strikte zu beweisende Theorie Glücks sei ihm sehr
annehmbar erschienen, jedoch bleibe weiteres abzuwarten.

o.

STIFTUNGEN

Stipendium für Maler. Der Wettbewerb um das
Stipendium der von Rohrschen Stiftung, deren Preis in
einem Stipendium von 3600 Mark zu einer Studienreise
besteht, ist soeben für das Fach der Malerei eröffnet worden.
Bis zum 29. Oktober dieses Jahres sind Studien und Arbeiten,
deren Gegenstand freigestellt ist, an die Königliche Aka-
demie der Künste einzusenden. Die Zuerkennung des
Preises erfolgt im Monat November igio.

FORSCHUNGEN

© Den Namen Andrea Castagno trägt seit kurzem die
Himmelfahrt Mariä im Kaiser-Friedrich-Museum (Nr. 47a),
die von Crowe und Cavalcaselle Falconetto genannt, dann
lange als »Schule von Murano« bezeichnet, in dem neuesten
Katalog als »Art des Cosimo Rosseiii« ging. Die Attri-
bution stammt von Conte C. Gamba, der das Bild mit
dem von Albertini und Vasari erwähnten, von Baldinucci
ausführlich beschriebenen Altargemälde Castagnos in der
Kirche S. Miniato fra le Torri identifizierte. Die 1449—50
gemalte Assunta ist das einzige heut bekannte Tafelbild
Castagnos.

• ® Über die Farbenuntersuchungen an der Florabüste
hielt Professor Raehlmann am 24. Februar im Hörsaal des
Kunstgewerbemuseums einen Vortrag. Er gab einleitend
die Hauptprinzipien seiner Untersuchungsmethoden an,
die sich erstens auf das Bindemittel beziehen, das in der
alten Malerei eine spezifische Struktur besitzt, zweitens auf
den schichtenweisen Auftrag der Farben, drittens die
mechanische Beschaffenheit der Farbsubstanz und viertens
deren chemische Zusammensetzung. Der Vortragende
zeigte eine Reihe von ihm angefertigter Präparate von
Stückchen der Farbschicht von der Florabüste und von
alten Gemälden, an denen er darlegte, daß das Bindemittel
der Florabemalung nicht Terpentinöl sei, wie von Lucas jr.
angegeben worden, sondern das der alten Malerei, daß
ferner in dem Bindemittel grobe Farbpartikel suspendiert
seien, während die heute verwendeten Farben aufs feinste
verrieben sind. Den Hauptwert legte er aber auf das Vor-
kommen eines bräunlichen Farbstoffes, der Roccella, der
aus einer an den Küsten des Mittelmeeres gedeihenden
Flechtenart gewonnen wird. Der Farbstoff wurde von
Venedig nach den Niederlanden gebracht und dort als
»holländische Orseille« gehandelt. Er komme im 14.—16.
Jahrhundert ganz allgemein vor, während er später aus
der Maltechnik verschwinde. Unter dem Mikroskop ist die
Roccella bei vierhundertfacher Vergrößerung an der Netz-
form des Pilzmycels leicht zu erkennen. Aus dem Vor-
kommen dieses Farbstoffes sowohl in der Bemalung des
Kopfhaares wie in den tieferen Schichten unterhalb des
Blau des Gewandes sei der Schluß auf das Alter der Büste
sowohl wie des Kopfes zu ziehen.

Inhalt: Die Winterausstellung der Sezession in München. — Aus Würzburg. — J. M. Hussonfi Otto Andreaef; Daniel Ihly f; G. Martinetti f. —
Personalien. — Wettbewerbe: Stadt- U.Ausstellungshalle in Hannover. — Luini-Denkmal in Luino. — Ausstellungen in Bremen, Berlin,
Frankfurt a. m., Elberfeld, Köln, Interlaken, Buenos-Aires, Zürich. — Erwerbungen der Mannheimer Kunsthalle und des Kaiser-Friedrich-
Museums in Magdeburg; Die Skulpturensammlung des städt. Suermondt-Museums in Aachen; Errichtung eines Museums in Bautzen; Neu-
erwerbung des Museums der bild. Künste in Budapest. — Berliner kunstgeschichtliche Gesellschaft. — Stipendium für Maler. — Forschungen.

Herausgeber und verantwortliche Redaktion: E. A. Seemann, Leipzig, Querstraße 13
Druck von Ernst Hedrich Nachf. o. m. b. h. Leipzig
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