Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 21.1910

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Vermischtes

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sfabe nicht ganz zweifelfrei ist, auf einem der Blätter, läßt
sich nicht auf Jan Oossart deuten, denn da ein Zusammen-
hang mit seinem um 1506 bereits entwickelten Stil nicht
zu bemerken ist, müßte man die Miniaturen als Jugend-
werke ansehen und käme damit zu einer aus allgemein
stilistischen Gründen nicht annehmbaren, frühen Datierung.
— Im Anschluß an seinen Vortrag über den amerikanischen
Kunstbesitz besprach Herr Friedländer sodann die jüngsten
bedeutenden Erwerbungen amerikanischer Privatsammler,
in erster Reihe das hervorragende, in Qualität und Erhal-
tung gleich ausgezeichnete G.uppenporträt des Frans Hals,
das übrigens nicht ihn selbst mit seiner Familie, sondern
einen reichen Patrizier darstelle, auch nicht zwei Millionen,
wie in der Presse zu lesen war, sondern nur etwas über
eine Million gekostet habe. Das Bild entstammt der besten
Zeit des Meisters um 1650. Der jetzige Besitzer ist Otto
H. Kahn. Ferner gingen zwei wichtige Bildnisse von der
Hand Memlings, die aus Italien stammen, dann Herrn Leo-
pold Goldschmidt gehörten und in Brügge ausgestellt waren,
für den Preis von einer halben Million in den Besitz des
Herrn Altman über. Dargestellt ist Tommaso Portinari
und seine Gemahlin, dessen Porträt Memling noch zwei-
mal malte, auf dem Danziger Altar und dem Turiner Pas-
sionsbilde, hier ebenfalls mit seiner Gemahlin. Bekanntlich
hat auch Hugo van der Goes auf seinem Florentiner Altar-
werk die Bildnisse der Portinari, die die Stifter waren,
gemalt. o.

VERMISCHTES
Unter dem Titel: »Die Leonardische Flora, Eine
Fälschung aus dem 19. Jahrhundert« faßt der Bildhauer
Martin Schauß in einer bei Otto Wigand, G. m. b. H., in
Leipzig erschienenen Broschüre seine Untersuchungen zu-
sammen. Er kommt zu dem Ergebnis, daß die Florabüste
ein Guß ist, und zwar ein runder Wachsguß mit so feinen
Details, daß er im Zeitalter des Leonardo nicht entstanden
sein kann. Dieser Wachsguß kann nach seiner Meinung,
nach Vergleich mit der bei vielen Arbeiten von R. C. Lucas
wiederkehrenden eigenartigen Behandlungstechnik, nur von
diesem herrühren. Den Ursprung des Originals, nach dem
Lucas gearbeitet hätte, glaubt Schauß indessen anderswo
suchen zu müssen. Er fand in der Abteilung der italieni-
schen Renaissance des South Kensington-Museums drei
männliche Büsten aus Ton, bei denen man prima vista
auf ein hohes Alter schließt. Es sind dies Arbeiten des
Giovanni Bastianini (1830—1868), des bekannten italienischen
Bildhauers und Fälschers. Bei einer derselben, einem
Studienkopf, fand Schauß Modellierholzstriche, die mit
denen der Florabüste übereinstimmen und auch in der
Vortragsweise viel Ähnlichkeit. Schauß kommt des Weiteren
auf eine andere Arbeit Bastianinis zu sprechen, der »Bea-
trice Portinari«. Zwischen dieser Halbfigur und der Flora-
büste bestehe ein unverkennbarer Zusammenhang, der
künstlerische Aufbau beider stimme im wesentlichen überein.
Bastianini war ein Schüler Girolamo Torrinis, der ihn
namentlich auf ein eingehendes Studium der großen Meister
der Renaissance hinwies, (Thieme-Becker, Künstler-Lexikon
III. 22). Das Fazit der Schaußschen Forschung lautet:
»Aber auch abgesehen von allen diesen Momenten, ist die
künstlerische Empfindung, die sich in beiden Werken aus-
drückt, von so außerordentlicher Ähnlichkeit, daß ich be-
haupte, es konnte nur jemand die Beatrice schaffen, der
die Flora oft gesehen und ihre künstlerische Eigenart in

sich aufgenommen hatte. Zwei Tatsachen also stelle ich
fest: Die Modellierstriche und die Art der Behandlung bei
einer Jugendarbeit von Bastianini sind die gleichen wie
bei der Flora und deuten auf die Benutzung der gleichen
Modellierhölzer hin; und zweitens besteht eine große
Ähnlichkeit zwischen der schönen Florabüste und der wohl
mindestens ebenso schönen Büste der Beatrice. Bei dem
engen Zusammenhang zwischen Bastianini und Torrini
glaube ich, die Behauptung aufstellen zu dürfen, daß das
Modell der Florabüste um 1845 im Atelier Girolamo Tor-
rinis in Florenz entstanden ist.«

Der Ankauf der Florabüste wurde auch in der Budget-
kommission des Preußischen Abgeordnetenhauses

erörtert. Der Minister erklärte, auf das Urteil seiner Sach-
verständigen angewiesen zu sein. In Geheimrat Bode stehe
ihm ein Sachverständiger von besonders hohem Range zur
Seite, dessen Interesse für die Museen unbegrenzt und
dessen Name mit ihrer Entwickelung unlöslich verbunden
sei. Auch der Minister bedauerte in hohem Maße die
Polemik. Zu einer Anfeindung, wie sie vorgekommen sei,
liege aber kein Grund vor, selbst wenn Bode sich geirrt
haben sollte. Nun ist aber weder von der einen noch von
der anderen Seite ein strikter Beweis für die Richtigkeit der
aufgestellten Behauptungen erbracht worden. Man stehe
hier einem Kunstwerk von hoher Bedeutung gegenüber,
das aus der Zeit der Hochrenaissance stammt, selbst wenn
Lionardo da Vinci nicht sein Schöpfer war. Der Preis er-
scheint angesichts dieses Kunstwerkes nicht zu hoch. Für
den Fall der Echtheit der Büste sei der Preis von 160000 Mk.
sogar sehr gering. Tatsächlich sei sie dann vielleicht das
Zehnfache wert. Der Verkäufer habe sich sofort zur Zurück-
nahme der Florabüste zu dem gezahlten Preise erboten,
ebenso hätten sich zwei Berliner Mäzene bereit gefunden,
diesen Preis dem Museum sofort zu zahlen. Die General-
verwaltung aber habe alle Angebote abgelehnt. Man könne
sich wirklich beruhigen; eine wertvolle Erwerbung sei ge-
macht, der hohe Reiz und die große Anmut der Büste
werde fast allgemein anerkannt.

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:: Radierungen von ::

Karl Stauffer-Bern

in guten Abdrücken offeriert

Qalerie Ernst Rrnold
Dresden, Schioß-str. 34.

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Inhalt: Münchener Brief. Von A.Cr. - Personalien. — Aufnahme von Baudenkmälern Berlins. — Monument des Oustavo Modena in Venedig. -
Gräberfeld der Bronzeperiode bei Lochham aufgedeckt. — Ausstellungen in Berlin, Weimar, München, London, Strengnäs, Hagen, New York. —
Kramer-Museum in Kempen; Erweiterungsbauten des Germanischen Museums; Bilder-Austausch zwischen der Alten Pinakothek und dem
Germanischen Museum; Geschenk an die Techn. Hochschule zu München; Neuerwerbung des Kunstmuseums in Worcester. — Märzsitzung
der Berliner kunstgeschichtlichen Oesellschaft — Die Leonardische Flora, eine Fälschung des 19. Jahrhunderts; Der Ankauf der Florabuste
im Preußischen Abgeordnetenhause. — Anzeige.

Herausgeber und verantwortliche Redaktion: E. A. Seemann, Leipzig, Querstraße 13
Druck von Ernst Hedrich Nachf. O, m. b. h. Leipzig
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