Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 21.1910

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Vermischtes

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ausgegangen, den Maler Hans Cranach und sein Werk zu
erweisen und hat Beobachtungen für seine These, statt die
These aus seinen Beobachtungen gesucht. Seine Lösung
ist in ihrer Eleganz allerdings bestechend, aber nicht wahr-
scheinlich. Viele seiner Kriterien müssen nicht individuelle,
sondern können auch werkstattmäßige sein. Es teilen sich
wohl mehrere Hände in die Bilder seines Hans danach,
wenn schon die Sonderung aus dem Bereich der eigen-
händigen Bilder des Lukas im ganzen richtig vorgenommen
ist. Aber nicht nur, daß es am Ende Hans-Cranach-Bilder
vor 1516 gibt (dem ohnehin unwahrscheinlich frühen an-
geblichen Beginn der Tätigkeit des Hans), seine Entwick-
lung beschreibt auch eine zu seltsame Kurve. Daß ein
Maler das Willibaldbild von 1520 und (gar noch später!)
die zwei Aschaffenburger Gregoriusmessen gemalt habe,
leuchtet mir nicht ein. Körperformen, Schädel, Hände,
Faltenstil sehe ich hier und dort verschieden. Auch quali-
tativ, schöpferisch, besonders in der Charakteristik sind die
Unterschiede unter den Hans-Cranach-Bildern groß. Eine
so sichere Persönlichkeit wie den Gabriel von Eib suche
ich auf den meisten übrigen Bildern der Gruppe vergebens.
Ähnliches hat ja Friedländer schon eingewandt (im Rep. f.
Kw. XXIV S. 64ff. und im Text zu dem Erfurter Aus-
stellungswerk von 1903, »Die Tafelmalerei des 15. und
16. Jahrhunderts«, S. 13ff.). Also: Dagegen, daß man die
Pseudogrünewaldbilder ganz oder größtenteils dem Lukas
zu gunsten mehrerer Werkstattsgenossen aberkenne, würde
ich mich nicht wehren, wohl aber weiß ich keine aus-
reichenden Gründe für den Begriff »Hans Cranach« und
seine Ausstattung mit nahezu allen Cranach- und Pseudo-
grünewaldbildern zwischen 1518 und 1537.

Bei dieser Sachlage ist es eigentlich mißlich, über den
Lukas Cranach ein populäres Buch zu schreiben. Der
Verfasser hat das nicht verkannt. Er ergibt sich zwar
zuerst »mit Gefühlen großer Erleichterung« in die Hans-
Cranach-Theorie Flechsigs (S. 8), sträubt sich im Grunde
aber doch dagegen (S. 56 ff.) und schafft ebensowohl Gründe
gegen (S. 82) als für Flechsigs Ansicht herbei. Dieser
geringen Entschiedenheit, die dem auf anderen Wissens-
gebieten heimischeren Verfasser nicht zu verargen ist,
stehen beträchtliche Vorzüge gegenüber. Der Verfasser
wird durch die Stilkritik, deren Künste er mit einem für
die Männer vom Bau höchst schmeichelhaften Erstaunen
bewundert, nicht so sehr in Anspruch genommen, daß er
nicht für die menschliche Seite des Cranachfalles ein
frisches Auge behielte. Er folgt dem Lukas Cranach durch
seinen Lebensgang, schaut sich den Menschen scharf an
und macht treffende Beobachtungen, die der Würdigung
des Künstlers zugute kommen. Eine, die meines Wissens
noch nicht ausgesprochen worden ist, freut mich besonders.
Es gibt von Cranach kein Selbstbildnis, wenigstens kein
eingestandenes. Dürer, gar Rembrandt wurden nicht müde,
unverbrämt oder unter einem Vorwand sich abzukonter-
feien. Selbst der kühle Holbein hat Selbstbildnisse hinter-
lassen. Cranach kennt »diesen Kultus der eigenen Züge«
nicht. Er ist, so möchte ich Heycks Gedanken weiter-
spinnen, eben überhaupt keine Künstlernatur. Er malt
nicht sich selbst zuliebe, aus innerem Drang, sondern weil
es ihm bestellt und ordentlich bezahlt wird. Drum sind
seine paar großen Werke geschaffen worden, als der Lenz
noch für ihn sang. Später ist ihm die Kunst nicht Ziel und
Inhalt des Lebens, sondern eine rechtschaffene bürgerliche
Hantierung, ein honnettes Erwerbsgeschäft. Offenbar

haben ihn, als er im fünften Jahrzehnt seines Lebens
stand, die städtischen, staatlichen und kirchenpolitischen
Angelegenheiten mehr interessiert, als das Malen und
haben ihm seine übrigen Geschäfte, Apotheke, Kolonial-
waren-, Südwein- und Delikatessenhandlung mehr einge-
bracht als Palette und Pinsel — und so hat er das Maler-
geschäft im wesentlichen der Werkstatt überlassen. Ich
glaube, das ist (wie ich schon in einer Besprechung der
Dresdner Cranach-Ausstellung ausgeführt habe) die Psycho-
logie und die menschliche Lösung des Falles Cranach.
Bei den Anforderungen, die ein hoher Adel und ein
sonstiges verehrliches Publikum an Cranachs Geschäft
allein im Artikel Bildnisse stellte, wird man sich den
Werkstattbetrieb gar nicht ausgebreitet genug denken kön-
nen. Ist Cranach doch schon 1513 mit zehn Gesellen
nach Torgau zur Arbeit gezogen. Wer kann sagen, durch
wieviel Hände ein Bild gehen mußte, bis es fertig zur
Ablieferung war? Darum bedarf es einer nicht gewöhn-
lichen Vorsicht, wenn man Bilder der Firma etwa seit 1515
einer bestimmten Person zuweisen will. Der Verfasser
ist geneigt, die Aktfiguren, besonders die mythologisch
motivierten, die sich mit den zwanziger Jahren mehren,
dem in der modischen Bildung aufgewachsenen Hans
Cranach zuzuteilen (S. 44, 94ff.) und was er darüber sagt,
ist beachtenswert. Mir scheint, im Sinne eines Witten-
berger Magister artium, Professors und lateinischen Poeten
stimmt dazu vortrefflich das rühmende Wort in Stigels
Trauergedicht: Tu plus ingenii, genitor plus artis habebat.

Das anregende und mit Bildern (auch des »Hans
Cranach«) gut versehene Buch soll hiermit empfohlen sein.
__F. R.

VERMISCHTES
Die Eintrittsgelder für die Münchener Pinakothek

sind soeben auch von der bayerischen Ersten Kammer ge-
nehmigt worden und gelangen schon seit 4. Juli zur Er-
hebung. Zwei Tage der Woche sind frei, an vier Tagen
wird 1 Mark erhoben und einen Tag bleibt die Sammlung
geschlossen. Dazu schreibt uns einer unserer Münchener
Leser: »Warum wüten Sie so gegen die geplanten Ein-
trittsgelder? Warum soll man in München nicht das tun
dürfen, was man in Berlin, Dresden, London, Florenz (um
nur ein paar Welt-Museen zu nennen) längst in gleicher
oder ähnlicher Form getan hat? Es ist wahr: schöner — im
idealen Sinne — wär's schon, wenn man nicht nötig hätte,
aus dem Besuche der öffentlichen Sammlungen auch einen
Teil der Mittel zu ihrer Unterhaltung zu ziehen; aber die
Verwaltung muß mit Realien rechnen. Und ob die kosten-
freie Öffnung an 104 Tagen des Jahres für das Gemein-
wohl nicht genügt, ob sich darob der kunstfreundlichen
Münchener Bürgerschaft eine Pinakothekverdrossenheit be-
mächtigen wird, ja ob die Überschüsse wirklich nur die
Lumperei von 14000 Mark ergeben werden . . . das alles
wollen wir doch erst mal abwarten. Nicht recht ist es
auch, der Sache ein politisches Schwänzchen anzumalen,
und sie dem Minister Wehner und dem Zentrum zuzu-
schieben: nein, gewünscht und gefordert hat Herr v. Tschudi
diese Verwaltungsmaßregel. Und es ist dafür gesorgt,
daß jeder, der irgendwie mit dem Studium der Kunst oder
Kunstgeschichte zusammenhängt, auch an Zahltagen freien
Eintritt bekommt. Gerade weil Ihr Korrespondent mit
solcher Schärfe seinen Standpunkt vertreten hat, ist diese
Äußerung eines den Dingen persönlich fernstehenden un-
parteischen Lesers vielleicht für Sie von Interesse.«

Inhalt: Urkundliches über Adam Elsheimer in Rom. Von Fr. Noack. — Wilhelm Spemann f. — Personalien. — Schutz der heimischen Bauweise, der
Landschafts- u. Ortsbilder in Tirol. — Enthüllung des Virchow-Denkmals in Berlin. — Die französischen Ausgrabungen in Delos. — Ein
antiker Münzfund in Laibach. — Das Pendant zum Ludovisi-Thron in Boston. — Ausstellungen in Berlin, Düsseldorf, Brüssel. — Neues
vom Wallraf-Richartz-Museum in Köln; Neuerwerbung des Museums in Reichenberg i. B.; Geschenk für das Kunstgewerbemuseum in Köln;
Aus dem Musee royal in Brüssel. — Ed. Heyck, Lukas Cranach. — Die Eintrittsgelder für die Münchener Pinakothek.

Herausgeber und verantwortliche Redaktion: E. A. Seemann, Leipzig, Querstraße 13
Druck von Ernst Hedrich Nachf. o. m. b. h. Leipzig
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