Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 21.1910

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Japanische Kunst auf der japanisch-englischen Ausstellung in London

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helfen. Dann wünschte er, seine der Nation zu hinter-
lassenden Werke in einer Spezialsammlung unter dem
Namen »Turner-Gallery« vereinigt zu sehen. Un-
glücklicherweise war sein letzter Wille so wenig klar
und nicht juristisch präzise abgefaßt, daß seine hinter-
bliebenen Verwandten glaubten, ihn mit Aussicht
auf Erfolg anfechten zu können. Dies geschah
denn auch in einem viele Jahre andauernden Rechts-
streit. Schließlich wurde durch einen richterlichen
Spruch der Prozeß dahin entschieden, daß die »Na-
tional-Gallery« alle Bilder des Künstlers, die könig-
liche Akademie 400000 Mark und der Rest des sehr
großen Vermögens dieses eigenartigsten Sonderlings
zur Verteilung unter seine Verwandten gelangen sollte,
die er bei Lebzeiten nicht einmal hatte kennen lernen
wollen. Mithin war Turners Lieblingsplan: bedürf-
tigen Künstlern zu helfen, gescheitert! Ruskin sum-
mierte die Situation dahin: »Die Nation begrub Turner
mit dreifachen Ehren: Seine Person in der St. Pauls
Kathedrale, seine Werke in Charing Cross (gemeint
ist damit die ,National-Gallery') und seine löblichen
Absichten für die Künstlerwelt in den Gerichtshöfen!
Fiat Justitia!« Schwer genug gestaltete sich wahrlich
der Kampf, um »das Erworbene zu besitzen«.

Zur Eröffnungsfeier der Galerie hatten sich viele
tausend Personen der verschiedensten Nationen, darunter
auch zahlreiche Mitglieder der hiesigen deutschen
Kolonie, eingefunden, die Turner, einem der größten
Landschafter aller Zeiten, ihren Tribut der Bewunde-
rung darbringen wollten. Endlich ist es nun erreicht
worden, die Entwickelung und die Meisterschaft seines
Genius überschauen zu können. Im Jahre 1908 er-
klärte die zuständige Behörde, daß auf dem zur Ver-
fügung stehenden Platz hinter der »Tate-Gallery«,
durch einen Flügelanbau an letztere, ein entsprechendes
Gebäude durch die Freigebigkeit des Kunsthändlers
Sir Joseph Duveen errichtet werden sollte. Kurze
Zeit darauf starb dieser zwar, aber sein Sohn, Mr.
J. Duveen führte nicht nur das Werk seines Vaters
fort, sondern fügte demselben noch eine Gabe von
400000 Mark hinzu.

Unter Berücksichtigung der vorgefundenen und
maßgebenden Verhältnisse ist der von Mr. Romaine
Walker entworfene Plan gut gelungen und durch-
geführt. Der neu angegliederte Flügel des Haupt-
geschosses besteht aus fünf und der des Erdgeschosses
aus vier Sälen. Die Wände sind mit einem reichen,
in venezianischem Rot gehaltenen Brokatstoff bespannt,
während der strukturelle Teil in Imitation von verde-
antico-Marmor besteht. Jenes Rot, das vielfach in
seinen Arbeiten wiederkehrt, liebte der Künstler nicht
nur in diesen, sondern bevorzugte es auch in seiner
Privatwohnung. Als einst in der Akademie die vor-
handenen Möbel neu überzogen werden mußten,
ließ Turner dies auf seine Kosten in besagter Farbe
herstellen. Die Gemälde sind chronologisch geordnet,
so daß der Werdegang des Künstlers vollkommen klar
vor Augen liegt, und man ihn von Folge zu Folge
begleitet. Die Werke ein und derselben Periode
wurden außerdem so glücklich placiert, daß sie immer
einen Saal für sich einnehmen. Der letzte derselben

enthält die Bilder der dritten Periode und diejenigen,
die man als unvollendet bezeichnet. Auch alle die
Arbeiten Turners, die ein halbes Jahrhundert un-
beachtet in den Kellern der »National-Gallery« lagerten,
bis sie Sir Charles Holroyd wieder an das Tageslicht
hervorzog, haben einen Sonderraum erhalten. In den
kleineren Gemächern hängen eine große Anzahl von
Aquarellbildern, Skizzen und Studien. Da die Mu-
seumsverwaltung etwa 20000 derselben besitzt, so
wird hier von Zeit zu Zeit ein Wechsel eintreten.
Im höchsten Grade merkwürdig, ja fast unerklärlich
erscheint es, daß ein Genie wie Mallord William
Turner nicht imstande war, die menschliche Figur
weder interessant noch richtig darzustellen. Zwanzig
Werke von des Meisters Kunst sind als Beispiele
seines Schaffens, und um ihn mit Recht vertreten zu
wissen, in der »National-Gallery« in Trafalgar Square
zurückbehalten worden. Dem neuen Direktor der
»Tate-Gallery«, oder wie sie ihrer engen Passagen
wegen scherzweise auch »Tete ä Tete-Galerie« ge-
nannt wird, Mr. Mac Coli, muß uneingeschränktes
Lob über die sämtlichen hier zum Ausdruck ge-
kommenen Anordnungen gezollt werden. Er wird
auch unzweifelhaft über die kosmopolitische Menge
der Besucher seine Freude gehabt haben. Vielleicht
auch nicht minder über einzelne bei dieser Gelegen-
heit gehörte Bemerkungen unkundiger Thebaner. So
u.a.: Vater und Sohn betrachten das Bild »Margate
von der See aus gesehen«. Der Sohn zum Vater:
»Mir scheint es, als ob man die See von Margate
aus sieht!« Oder: ein junges Mädchen aus der Schul-
klasse eines höheren Pensionats fragt ihre Lehrerin,
ob das vor ihnen befindliche Gemälde vollendet sei?
Antwort: »Alle Werke von Turner sind unvollendet
geblieben!« o. v. SCHLEINITZ.

JAPANISCHE KUNST AUF DER JAPANISCH-
ENGLISCHEN AUSSTELLUNG IN LONDON
In dem unvermeidlichen Kunstausstellungsgebäude
der Japan-British Exhibition in London, deren weiß-
gestrichene Wedding cake-Architektur eine sehr in-
struktive japanische und die kümmerliche Andeutung
einer englischen Industrieausstellung miteinander teilen,
birgt sich hinter einem schützenden Walde gipserner
Athleten und Allegorien auch eine japanische Kunst-
abteilung. Die Bemühungen der modernen Meister,
die hier zu sehen sind, werden freilich dem Europäer
höchstens eine mühselige Achtung abringen, die fünf
Säle der retrospektiven Ausstellung aber bergen ganz
herrliche Dinge, besonders Gemälde von einer Schön-
heit, wie sie auch auf der Pariser Ausstellung von 1900
nicht gezeigt worden sind, daneben einige vorzügliche
Skulpturen, eine prächtige Sammlung von Schwertern
und Schwertzieraten, vor allem die frühere Sammlung
Wada, einige treffliche Lacke und Gewänder, leider gar
keine Keramik. Der knappe Raum, der dieser Abteilung
in den zur Hälfte leer stehenden oder mit Plunder
gefüllten Gebäuden angewiesen worden ist, gestattet
leider nicht, alle Gemälde auf einmal auszustellen,
und Schadhaftigkeit des Daches bedrohte die unersetz-
lichen Schätze zeitweise mit so ernsten Gefahren, daß
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