Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 26.1915

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Nekrologe

wonnenen Erkenntnis noch nicht in genügendem
Maße Rechnung zu tragen. Man sollte sonst wenig-
stens nicht für möglich halten, was jetzt für den Platz
zwischen Oper und Bibliothek nicht nur geplant,
sondern, wie es scheint, auch schon beschlossen ist.
Man wende nicht ein, so sei es schon zu spät. Nur
um so lauter muß die Stimme erhoben werden
gegen das Zerstörungswerk, das hier im Gange ist.
Denn noch ist die Arbeit nicht in Angriff genommen.
Noch könnte alles gerettet werden, wenn die Öffent-
lichkeit sich dem widersetzt, was dort geschehen soll.

Man weiß, daß nach langwierigen Verhandlungen
die maßgebenden Stellen sich über die Anlage eines
Straßenbahntunnels, der quer unter den Linden hin-
geführt werden soll, geeinigt haben. Seit kurzem
stehen die ersten Baugerüste und beginnen die Aus-
schachtungsarbeiten. Sie verlaufen im Zuge der
Straße Am Festungsgraben, wo bis jetzt über der
Erde die Straßenbahnschienen liegen. Hinter den
Denkmälern von Blücher, York und Oneisenau soll
die ansteigende Rampe beginnen, die dann kurz hinter
der Oper das Straßenniveau erreicht. Eine Ver-
schönerung des Stadtbildes wird diese Rampe hier
so wenig bilden wie im Kastanienwäldchen, entlang
dem neuen Flügel der Universität. Aber an eine
Mauer immerhin verhältnismäßig nahe angelehnt, würde
sie nicht allzu sehr im Gesamtbilde mitsprechen.

Nun liegen aber zwei Geleispaare in dem Tunnel
unter den Linden. Von diesen soll nur das eine
auf diesem geraden Wege weitergeführt werden. An-
statt beide in derselben Rampe wieder ansteigen zu
lassen, will man unbegreiflicherweise diese an sich
schon häßliche Bodenöffnung südlich der Linden ver-
doppeln. Auf alle Fälle wäre dieser Gedanke zu be-
kämpfen. Das Schlimmste aber ist die Führung,
die für diese zweite Rampe in Aussicht genommen
wurde. Unter dem Straßenzuge der Linden bereits soll
sich der Tunnel in zwei Arme teilen. Der eine führt
geradeaus, der andere schräg nach rechts bis unter
die Mitte des Platzes zwischen Oper und Bibliothek.
Dort, unmittelbar hinter dem Denkmal der Kaiserin
Augusta, soll die Öffnung beginnen und die Rampe
ansteigen, bis sie im Zuge der Behrenstraße, in die
sie nach rechts einbiegt, das Niveau wieder erreicht.

Der Platz zwischen Oper und Bibliothek war
früher eine der schönsten Stellen des älteren Berlin.
Durch die Aufstellung des Denkmals in seiner Mitte
und die gärtnerischen Anlagen, die damit in Zu-
sammenhang standen, wurde er allerdings so sehr
verunstaltet, daß man ihn heut nur mehr theoretisch
zu genießen vermag. Denn es gibt keine Stelle mehr,
von der aus die angrenzenden Gebäude sich wirklich
überblicken ließen. Die Hedwigskirche ist beinahe
ganz verloren. Auch von Oper und Bibliothek ist
nirgends mehr ein Gesamtanblick zu gewinnen. Das
an sich schon recht unglückliche Denkmal war nur
möglich in Anlehnung an einen festen Hintergrund.

Der alte Platz ist eben so gründlich verdorben
worden, daß man es in der Tat kaum noch be-
merkte, wenn ihm mit der Straßenbahnrampe der
Todesstoß versetzt würde. Aber was bis jetzt ge-

schah, ließe sich noch immer rückgängig machen.
Optimisten hofften wohl im stillen, daß mit der
Wiederherstellung der Außenarchitektur des alten
Opernhauses auch die Einsicht kommen würde, daß
es notwendig ist, dem Platz seine natürliche Ge-
staltung zu geben, am besten ihn zu pflastern, denn
es ist einer der wenigen Plätze in Berlin, die wirk-
lich architektonischer Raum sind und zum Aufenthalt
einladen. Wölfflin pflegte in seinen Kollegs auf den
Schaden hinzuweisen, der durch die Aufstellung
des Denkmals geschehen war. Man durfte hoffen,
daß die Saat seiner Worte nun aufgehen würde. Das
Opernhaus soll nach Fertigstellung des Neubaus
für Universitätszwecke hergerichtet werden. Man
fürchtet für die schönen Innenräume, wenn man von
diesem Plane hört. Wir wollen nicht glauben, daß
auch ihre Zerstörung beabsichtigt ist. Jedenfalls aber
steht es fest, daß die häßlichen äußeren Anbauten ent-
fernt werden. Die alte Bibliothek gehört bereits der
Universität. Lederer arbeitet an Standbildern von
Fichte und Savigny, die an den Pfeilern zwischen den
Portalen ihren Platz finden sollen. Mit der alten
Universität jenseits der Linden ergibt sich so eine
Baugruppe, die nicht nur architektonisch, sondern
auch durch die Bestimmung ihrer Teile aufs engste
zusammengehört. Und mitten hinein soll nun die
Straßenbahnrampe schneiden. Von dem Platze bliebe
nicht mehr übrig als eine flache Apsis, in der das
Denkmal steht. Die Baumgruppe, die es faßt, müßte
notwendig nochmals erhöht werden. Von den Ge-
bäuden ist nichts mehr sichtbar als knapp das oberste
Geschoß. Die neuen Standbilder blicken in das Loch
des Straßenbahntunnels. Die Bibliothek, eine der
schönsten Bauten Berlins, ist von überhaupt keinem
Standpunkt mehr zu sehen. Und es kommt hinzu,
daß, je weiter man abrückt, um einen annähernden
Überblick zu gewinnen, desto mehr das häßliche
Dach, das ihm bei dem letzten Umbau aufgesetzt
wurde, im Eindruck mitspricht.

Soll wirklich dieses Werk der Zerstörung voll-
endet werden? Man wende nicht ein, daß jetzt nicht
Zeit ist, an ästhetische Fragen zu denken, sich über
Probleme des Städtebaus zu erregen. Der Krieg zer-
stört genug schon. Man schiebe ihn nicht vor, um
auch dies ohne Widerspruch geschehen zu lassen.
Auch der Instanzenweg darf nicht"ein Hindernis sein.
Ist dieser Plan bereits bewilligt, * so muß er rück-
gängig gemacht werden. Die Öffentlichkeit, die Archi-
tektenschaft Berlins vor allem, muß Einspruch erheben
und sie muß es erzwingen, daß noch in letzter Stunde
verhindert wird, was hier geplant ist. O.

NEKROLOGE
Gefallene Architekten. Auf dem Felde der Ehre
sind gefallen: Regierungsbaumeister im Ministerium der
öffentlichen Arbeiten in Berlin Hermann K. Schäfer,
ein Sohn von Karl Schäfer, dem berühmten Meister und
Lehrer deutscher Baukunst; Stadtbauinspektor Heinrich
Toop aus Stettin; Regierungsbaumeister Heinrich
Brenner; Regierungsbaumeister Johannes Seidler aus
Duisburg und Hans Jaeckel aus Spandau; Regierungs-
baumeister bei der Hochbauverwaltung der Stadt Essen
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