Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 26.1915

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Nekrologe

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Sakristeischränke bei der Trennung von Staat und
Kirche in Frankreich unwiederbringlich verloren ging.
Solche Veruntreuungen sind in viel höherem Maße
auch jetzt zu befürchten. Belgien besitzt nicht wie
Deutschland Inventare seiner Kunstdenkmäler, mit
deren Hilfe ein wirksamer Schutz durchzuführen wäre.
Aus einer Berliner Tageszeitung entnehmen wir die
Notiz, schon bei Beginn des Krieges sei erwiesener-
maßen ein bei Florenz wohnender englischer Kunst-
händler, der insbesondere die Museen Amerikas ver-
sorgt, auf seine Besitzung nach England abgereist
und habe seinen Agenten in Florenz zurückgelassen;
der Plan der beiden war: der in England sitzende
Kunsthändler fing alles, was aus Belgien heraus-
geschafft wurde, ab, der Agent behielt Südfrankreich
im Auge.

Man errät unschwer den Namen des Herrn, auf
den diese Nachricht sich bezieht. Ob aber er oder
irgend ein anderer: jedenfalls droht von dieser Seite
den belgischen wie den französischen Kunstschätzen
eine andere Gefahr, die — zunächst in Belgien —
abzuwenden eine Hauptaufgabe der dorthin entsandten
deutschen Spezialkommission sein wird.

NEKROLOGE

Gleich einer der ersten Verluste, der die Kunstwissen-
schaft in diesem Kriege trifft, ist ein besonders schwerer.
Erst 26 Jahre alt, fiel Max Loßnitzer in der Nacht des
9. September bei Chalons, nachdem er bereits für das
Eiserne Kreuz eingegeben war. Alle Hoffnungen, die sein
junges Leben in reichem Maße erweckt hatte, wurden
dadurch zunichte. Schien er doch dazu berufen, der Er-
forschung der älteren deutschen Kunst noch die wesent-
lichsten Dienste leisten zu können. Wie das Dresdner
Kupferstichkabinett, dem er seit zwei Jahren als Direktorial-
assistent angehörte, so beklagt die Gesamtheit der Fach-
genossen diesen Verlust aufs Schmerzlichste. Mit ihm ist
zugleich eine Persönlichkeit von gewinnendem Wesen und
unermüdlichem Eifer dahingegangen.

Geboren wurde Loßnitzer am 8. November 1887 in
Riesa. Nachdem er die Gymnasien in Gotha und Koburg
besucht, widmete er sich von 1906 bis 1912 dem Studium
der Kunstgeschichte an den Universitäten von Bonn, Straß-
burg, Berlin, Wien und Halle, wo er bei Clemen, Dehio,
Wölfflin, Dvofak, Strzygowski und Goldschmidt hörte.
Daneben half er in erfolgreichster Weise seinem Vater,
dem Vorstand der Herzoglichen Kunst- und Altertümer-
Sammlung auf der Veste Koburg, bei der Neuordnung
dieser reichhaltigen Sammlungen, namentlich der Bibliothek,
der Kupferstich- und Zeichnungensammlung sowie der
Waffensammlung. Hier, wo er den Grund zu seinem viel-
seitigen Wissen legte, war es ihm beschieden, bereits mehr-
fache bedeutungsvolle Entdeckungen zu machen, wie ihn
überhaupt ein scharfer Blick für künstlerische Eigenart aus-
zeichnete.

Als Frucht dieser Arbeiten veröffentlichte er 1910 in
den Mitteilungen der Gesellschaft für vervielfältigende Kunst
seinen Aufsatz über Zwei Inkunabaln der Radierung und
1912 einen über den Herzog Franz von Sachsen-Koburg-
Saalfeld als Förderer der schönen Künste (desgleichen in
den Heimatblättern, Gotha 1910). 1912 trat er mit seiner
Halleschen Doktordissertation über die Frühwerke des Veit
Stoß hervor, der im gleichen Jahre das große Werk über
diesen Künstler (Leipzig, Zeitler) folgte, welches allgemeinste
Beachtung fand.

Damit hatte er sich mit einem Schlage seinen Platz
als einer der gründlichsten Kenner der deutschen Plastik
um 1500 erobert. Am L Juli 1912 trat er als Direktorial-
assistent beim Dresdner Kupferstichkabinett ein, an dem
Ort, wo sein Großonkel August Loßnitzer einst langjähriger
Direktor des Münzkabinetts gewesen war. Hier veröffent-
lichte er 1913 in mustergültiger Weise die graphischen
Arbeiten des bayrischen Bildhauers Hans Leinberger, die
bisher nur für Werke eines seinem Namen nach nicht be-
kannten Monogrammisten H L gegolten hatten (24 Kupfer-
stiche und 6 Holzschnitte, als 18. Veröffentlichung der
Graphischen Gesellschaft in Berlin); eine Vorstudie dazu
hatte sein Aufsatz über den gleichen Künstler in den Mit-
teilungen aus den Sächsischen Kunstsammlungen 1912 ge-
bildet. An letzterer Stelle veröffentlichte er 1913 auch eine
Studie über die frühen Bildnisse Kurfürst Friedrichs des
Weisen. Für das Monumentalwerk über die Veste Koburg
sollte er die Gemälde, Skulpturen und die Graphik be-
handeln; der Deutsche Verein für Kunstwissenschaft hatte
ihn für die Bearbeitung der fränkischen Plastik der gotischen
Periode in Aussicht genommen.

All diese Pläne für eine reiche Tätigkeit sind durch
den Tod fürs Vaterland jäh durchschnitten worden. Opfer
dieser Art sind die schwersten, die der Kampf um Deutsch-
lands Erhaltung fordert. w. v.s.

Mit dem Geh. Kommerzienrat Hugo Reisinger ver-
liert nicht nur das Deutschtum in Amerika einen seiner
hervorragendsten und tätigsten Vertreter, sondern auch
die deutsche Kunst in Amerika einen ihrer besten För-
derer. Er beschenkte das New Yorker Metropolitan
Museum of Art, das Germanistische Museum der Harvard-
Universität, das deutsche Haus der Columbia und andere
Stätten mit deutschen Gemälden, und veranstaltete auch
die große Leihausstellung in amerikanischem Privatbesitz
befindlicher Gemälde im Metropolitan-Museum. Daran
schloß er jene Sonderausstellung amerikanischer Kunst-
werke in Berlin, die wesentlich zur Förderung des Aus-
tauschgedankens zwischen Deutschland und Amerika beitrug.
Ganz besondere Aufmerksamkeit widmete er dem Germa-
nistischen Museum an der Harvard-Universität, dessen
Vizepräsident er war. Er bestimmte seinen Schwiegervater,
den Milliardär Adolphus Busch, Millionen zu bewilligen,
um diesem Eckstein deutscher Kultur in Amerika ein wür-
diges Heim zu verschaffen. Persönlich hatte er die größte
Sammlung deutscher Gemälde in ganz Amerika.

Auf dem Kriegsschauplatz im Osten ist, wie wir be-
reits in der vorigen Nr. berichteten, Regierungsbaumeister
Hermann Schäfer, Hilfsarbeiter im preußischen Mini-
sterium der öffentlichen Arbeiten, gefallen. Der Sohn von
Karl Schäfer hatte als Architekt und Baubeamter bereits
die schönsten Leistungen zu verzeichnen, seine erste große
selbständige Arbeit war der umfangreiche Neubau der
evang. Städt. Pfarrkirche in Neustettin, den er von 1904
bis 1907 ausführte. Es folgte eine Leistung, die besonders
kunstwissenschaftliche neben künstlerischen Fähigkeiten
voraussetzte, die Wiederherstellung des herrlichen gotischen
Domes in Altenberg bei Köln, gleichfalls die Arbeit dreier
Jahre. Auf Grund dieser beiden Leistungen wurde Schäfer
ins Berliner Ministerium berufen, wo er Geheimrat Hoß-
feld als Mitarbeiter zur Seite stand. Als der Krieg aus-
brach, trat er freiwillig ins Heer ein.

Adolf Echtler, Ehrenmitglied der Akademie der bil-
denden Künste in München, ist im Alter von 71 Jahren
gestorben; er war ein Sohn des Porträtmalers Eduard
Echtler und am 5. Januar 1843 in Danzig geboren. Er
studierte in Venedig, Wien und München (bei Wilhelm
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