Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 26.1915

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Nekrologe

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NEKROLOGE

Hans Erlwein f. Dresden hat einen überaus schweren
Verlust erlitten: Stadtbaurat Hans Erlwein, der mit dem
sächsischen Liebesgabenzug nach Frankreich gefahren war,
ist in Amagne-Lucquy an der Bahnlinie Reims-Givet bei
einem Zusammenstoß des Automobils mit einer Lokomotive
tödlich verunglückt und in französischer Erde bestattet
worden. In Dresden herrscht tiefe Trauer über den jähen
Hingang dieses hervorragenden Künstlers, der durch seine
bedeutsamen Bauten und Planungen seinen Namen für immer
mit Dresdens Baugeschichte verknüpft hat. Kaum ist es
je einem Architekten gestattet gewesen, in so wenigen
Jahren eine solche Fülle wichtiger Aufgaben in einer Stadt
zu bewältigen und dabei durch eine vornehme Baugesin-
nung so vorbildlich zu wirken, wie es Hans Erlwein ver-
gönnt war. Ein Dutzend Schulen hat er erbaut, vier Ver-
waltungs- und Sparkassengebäude, zwei Feuerwachen, ein
Wasserwerk, einen Gasbehälter, zahlreiche Kleinwohnungs-
bauten an fünf Stellen der Stadt, Erweiterungsbauten zu
einem der Stadtkrankenhäuser und zu einem Frauenhause,
den Riesenbau des Schlachthofes, der einer kleinen Stadt
gleicht, Hochbauten für die Kläranlage, den Aussichtsturm
auf dem Wolfshügel, die bedeutsame Umgestaltung des
Theaterplatzes nebst dem Italienischen Dörfchen, das ge-
waltige neunstöckige Speichergebäude, den Neubau der
Löwenapotheke an einer der bedeutsamsten Stellen der
Stadt, nicht zu gedenken der zahlreichen Straßenbahnwarte-
hallen, Verkehrsgebäude, Hochbehälter, Bedürfnisanstalten,
Gewächshäuser für die Stadtgärtnerei, sowie der noch un-
vollendeten, im Gange befindlichen Bauten, darunter das
Kunstausstellungsgebäude, ferner der meisterlichen Planung
für die Umgestaltung des Königsufers in Dresden-N. usw.
Alles dies in noch nicht zehn Jahren!

Erlwein kam aus Bayern nach Dresden. Er war 1872 in
Bayrisch-Gmain bei Reichenhall geboren, hatte in München
an der Technischen Hochschule Architektur studiert und
hatte sich bereits in Bamberg als Stadtbaurat — mit 26
Jahren — die Sporen verdient. Im Februar 1905 kam er
nach Dresden. Seine ersten Bauten in Dresden erinnerten
noch an seine süddeutsche Schulung, aber mehr und mehr
ward er in Dresden heimisch. Unaufhörlich studierte er
die Eigenart von Desdens alten Bauten, suchte er sich vor
allem die Umrißwirkung der Dächer klar zu machen, wohl
wissend, daß sie die Wirkung eines Stadtbildes in bedeut-
samer Weise mitbestimmt. Nicht ging er einem bestimmten
Stil nach, aber sein Ziel war in jedem Falle, den jeweiligen
Bau dem vorhandenen Stadtbild harmonisch einzuordnen,
jedes Bauwerk eigens für die Stelle zu gestalten, für die
es bestimmt war. Unermüdlich arbeitete er dabei seine
Pläne immer von neuem durch, bis er sein Bestes gegeben
hatte. Zu diesem Streben Erlweins im Sinne der wieder-
gewonnenen städtebaulichen Ideen gesellte sich als oberster
leitender Gesichtspunkt für die Durcharbeitung seiner Bauten
die Zweckmäßigkeit, die ihm als A und O des Bauschaffens
erschien. Seine Grundrisse sind durchgehends meisterhaft.
Und weiterhin verwandte er grundsätzlich nur die besten
Materialien, nie billige Surrogate, nur das Gediegene ge-
nügte seiner vornehmen Baugesinnung. Er wußte, daß
Kunstgewerbe und Kunsthandwerk nur dadurch auf die
Höhe geführt werden können, daß sie entsprechende Auf-
träge erhalten, daß der Architekt als Leitender das Höchste
von ihnen fordert und sich nur mit gediegenen Leistungen
in echten Materialien zufrieden gibt. In diesem Sinne hat
er die in Dresden altüberlieferte Kupferbedachung wieder
zu Ehren gebracht, hat er immer nur das beste Holz, die
beste Art Ziegel, den besten Putz und die beste gediegene
Arbeit geduldet und verwendet. So hat er im besten Sinne

erzieherisch und vorbildlich für das Dresdner Kunsthand-
werk gewirkt. Die edle Harmonie seiner Bauten aber rührt
nicht zuletzt davon her, daß er stets mit den besten, ihm
an Gesinnung verwandten Malern und Bildhauern zusammen
arbeitete und sie zu gemeinsamer Arbeit an seinen Bauten
heranzog, wo es nur irgend möglich war. Georg Wrba,
Karl Groß, Otto Gußmann, Paul Rößler u. a. waren seine
ständigen Mitarbeiter, und sie alle einte er in der Künstler-
vereinigung Zunft, die er im Anschluß an die epoche-
machende dritte deutsche Kunstgewerbeausstellung Dresden
1906 in Dresden gründete als einen Mittelpunkt für an-
gewandte Kunst im vornehmsten Sinne des Wortes. Es
ist begreiflich, daß ein Mann wie Erlwein, der so hart-
näckig und gegebenenfalls mit bajuvarischer Kraft seine
Grundsätze verfocht, der auch temperamentvoll zu hassen
verstand, auch Feinde und Gegner hatte. Überschauen
wir aber sein Werk, überdenken wir, was er Dresden
an Taten und an künstlerischer Gesinnung gegeben hat,
so können wir nur sagen, daß Dresden einen gewaltigen
schweren Verlust erlitten hat. Möge es der Stadt gelingen,
ihm einen Nachfolger zu geben, der im gleichen Sinne
weiter schaffen und Erlweins Erbteil mit gleicher Geniali-
tät, Kraft und künstlerischer Vornehmheit zum Heile der
Stadt verwalte. «»

August Macke, der junge Bonner Maler, ist, wie
schon kurz berichtet, auf dem westlichen Kriegsschauplatz
einer feindlichen Kugel zum Opfer gefallen, nachdem er
kurz zuvor durch eine besonders kühne Tat sich das
Eiserne Kreuz verdient hatte. Macke gehörte zu der Gruppe
derer, die sich selbst gern »Expressionisten« nannten und
als Träger einer neuen künstlerischen Entwicklung fühlten.
Sein liebenswürdiges Talent war durch die Theorien, die
in diesem Kreise eifrig gepflegt wurden, nicht ganz aus
der Bahn gebracht, und darum fand er seine Erfolge bei
einer anderen Schicht als seine radikaleren Genossen.
Macke war noch sehr jung, erst Mitte der zwanziger Jahre,
und er hätte wohl noch Zeit gehabt, seinen Weg zu finden,
nachdem die Münchener Russen durch diesen Krieg
hoffentlich für immer aus Deutschland verbannt sind. Er
sollte diese Befreiung nicht mehr erleben. Vielleicht hätte
sie ihm auch eine Enttäuschung nicht erspart, da er sich
ohne die künstlerische Steigerung von dieser Seite mit
einem bescheideneren Platze hätte begnügen müssen. Die
Trauer um den Menschen kann nicht das Urteil über das
Ausmaß seines Talentes trüben. Aber er stand erst am
Anfang. Das Schicksal versagte ihm eine Entwicklung, die
vielleicht manche gute Frucht hätte zeitigen können, a.

Der Maler Woldemar Graf Reichenbach ist am
11. Oktober in Wachwitz bei Dresden gestorben. Er war
1846 zu Walddorf bei Neiße in Schlesien geboren, er-
hielt seine künstlerische Ausbildung in Weimar bei Gussow
und Brendel und bereiste dann die Niederlande und Italien.
Von 1885—90 war er in Dresden tätig, 1890—94 vornehm-
lich in München, seit 1894 lebte er in Wachwitz. Reichen-
bach malte Landschaften, Stilleben und Genrebilder, worin
er oft einem ans Groteske streifenden Humor Raum gab.
Einläßliche Durchbildung der Einzelheiten und schmelz-
artiger Glanz der kräftigen blühenden Farben kennzeichnen
seine Malweise. Zwei seiner Bilder befinden sich in der
Dresdner Galerie (darunter das Bild seines Hauses im
blühenden Frühlingsgarten), eins im Museum zu Stockholm,
eins im Ehrensaale des Museums zu Weimar. coa

Gefallen fürs Vaterland sind die beiden Dresdner
Künstler Oskar Doli und Kurt Nessel. Der Bildhauer
Doli war am 31. März 1886 zu Suhl in Thüringen als ein-
ziger Sohn eines Graveurs und Stahlschneiders geboren
erlernte zuerst bei diesem Gravieren und Schneiden und
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