Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 26.1915

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Denkmalpflege — Ausstellungen

Q2

Der Maler Professor Lionello Bai lestrieri, der Schöpfer
des allbekannten Bildes »Beethoven«, wurde zum Direktor
des Kunstgewerbemuseums zu Neapel ernannt.

DENKMALPFLEGE

Die katholische Hofkirche in Dresden ist im

letzten Vierteljahr im Innern in bemerkenswerter Weise
erneuert worden. Das berühmte Werk des Italieners
Gaetano Chiaveri, das letzte Werk des römischen Barock-
stils, das merkwürdigerweise auf deutschem Boden steht,
war in seinem Innern bisher einförmig grau und nüchtern.
Man benutzte die unumgänglich notwendigen Instand-
setzungsarbeiten, um die Kirche auch in ihrer künstlerischen
Wirkung zu steigern. Die beiden Seitenschiffe sind in
bläulich-grauen und weißen Farbtönen derart abgestuft,
daß nunmehr die architektonische Gliederung der Wand-
flächen kräftig hervortritt. Das Hauptschiff aber ist farbig
reicher behandelt worden, so daß der künstlerische Oe-
samteindruck hier lebhaft gesteigert erscheint. Namentlich
sind die Dreiviertelsäulen oberhalb der Pfeiler im Einklang
mit den beiden marmornen Säulen des Hauptaltars stumpf-
grün bemalt, die zugehörigen Kapitelle vergoldet worden;
ferner wurde der Hauptsims in wohlabgestimmten Farben-
tönen bemalt, ebenso wurden die Stichkappen der oberen
Fensterreihe durch Ornamente belebt. Am Gewölbe aber
beseitigte man die ganz zwecklosen gemalten Rippen,
die gar keine architektonische Bedeutung hatten: dadurch
erscheint das nunmehr ganz glatte ungemalte Gewölbe zu
großartiger Raumwirkung gesteigert. Überhaupt hat das
Ganze an festlicher Pracht ungemein gewonnen. Der
Hauptaltar mit dem farbenprächtigen Gemälde von Raphael
Mengs im reichvergoldeten Rahmen, dazu die silbernen
Prachtleuchter und die purpurnen Teppiche vor den könig-
lichen Betstuben in den Emporen, nebst den vergoldeten
Gittern der Seitenaltäre — dies Ganze kommt in seiner
dekorativen Pracht erst jetzt als Höhepunkt des Kirchen-
inneren zu seiner vollen Geltung.

Vom Standpunkt der Denkmalpflege aus darf die
ganze Erneuerung als mustergültig bezeichnet werden.
Chiaveri verließ bekanntlich den Bau, bevor er noch ganz
fertig war. Es läßt sich daher wohl annehmen, daß auch
er selbst das Innere nicht in dem Zustande grauer Nüchtern-
heit gelassen hätte. Echt künstlerisch ist bei dem gegen-
wärtigen Vorgehen, daß man nicht lediglich auf reichere
Schmuckwirkung ausging, sondern durch die farbige Be-
lebung vor allem die architektonische, die Raumwirkung
steigern wollte, und das ist ausgezeichnet gelungen. Bei
der Kanzel, der Orgel und den Altären hat man sich da-
mit begnügt, durch entsprechende Reinigung die Wirkung
des Materials wieder zur Geltung zu bringen, ohne den
Stücken den Reiz des Alters zu nehmen. Die Erneuerung
der vier Kapellen, die ursprünglich auch noch beabsichtigt
war, ist auf friedliche Zeiten verschoben worden. Die
Erneuerung des Äußeren wird dagegen regelmäßig fort-
gesetzt: vor allem wird bei den zahlreichen sandsteinernen
Figuren der Ölanstrich beseitigt, der mehr schadet als
nützt, weil unter ihm die Verwitterung fortschreitet, ohne
daß man sie bemerkt. Mattielli hat leider, wenn sich eine
Figur nicht aus einem einzigen Stein herstellen ließ,
die angesetzten Stücke mit eisernen, anstatt mit bronzenen
Klammern befestigt. Der Rost aber hat in Verbindung
mit den sonstigen atmosphärischen Einwirkungen arge
Verwüstungen an dem Sandslein angerichtet. Die Figur
Johannes des Täufers z. B. war so schlimm verwittert,
daß sie durch eine neue ersetzt werden mußte. Die
Reste der ursprünglichen Figur wurden im Kunstge-
werbemuseum untergebracht. Im übrigen verfährt man

bei der Restaurierung nach den besten Grundsätzen: vor
allem wird alles Schädliche, nicht Bewährte, wie Zement,
Beton, Eisen, Fluale vermieden. Neue Teile läßt man als
solche kenntlich, bis Wetter und Ruß die Einheit wieder-
hergestellt haben werden. Noch sei erwähnt, daß das
Kgl. Landbauamt II die Herstellungsarbeiten ausführte; der
Entwurf für die farbige Behandlung des Hauptschiffs
stammt vom Kunstmaler Perks. Künstlerischer Berater
war Otto Gußmann. Vertreter der Kgl. Kommission für
die Erhaltung der Kunstdenkmäler war Baurat Gräbner, der
in deren Namen in ausführlichem Gutachten die weiße
Decke und die Tönung und Vergoldung der Architektur
unterhalb des Hauptsimses befürwortete und durchsetzte,
auch die Wiederherstellung der reichen holzgeschnitzten
Kanzel von Permoser überwachte.

AUSSTELLUNGEN

© Die Berliner Kunstsalons öffnen langsam wieder
ihre Pforten zu den gewohnten Ausstellungen. Es ist
sehr zu wünschen, daß nicht alle friedliche Betätigung im
Lande durch die kriegerischen Ereignisse, die sich glück-
licherweise weit jenseits unserer Grenzen abspielen, unter-
brochen werde. Aber gerade im Ausstellungswesen muß
notwendig eine starke Beschränkung eintreten, die viel-
leicht auch ohne den Zwang der Zeiten als heilsam emp-
funden worden wäre. Cassirer hat nur den großen Saal
wieder geöffnet. Die Räume des oberen Stockwerkes
dienen jetzt nützlicheren Zwecken. Dort ist ein Mittags-
tisch für bedürftige Künstler eingerichtet worden, und in
der Ausstellung geben sich mit ihren Werken die Getreuen
des Hauses ein Stelldichein, die jetzt im Felde andere
Waffen handhaben als Pinsel und Palette. Kardorff, Breyer,
Rhein sind die Namen. Es erübrigt sich, von ihrer wohl-
bekannten Art bei dieser Gelegenheit aufs neue zu be-
richten. Wenn Cassirer notleidenden Künstlern leibliche
Nahrung bietet, so ging von Gurlitts Kunstsalon ein anderes
Unternehmen aus, das die Maler mit dem nicht minder
notwendigen Material von Farbe und Leinwand versorgen
will. Auch hier setzt die Ausstellung mit einigen Ge-
treuen des Hauses ein, zu denen neben dem alten Stamm,
denThomaundTrübner, nun auch Pechstein und Münch und
neuerdings Lovis Corinth gehören. Dessen Bildnis des
Reichstagsabgeordneten Ludwig Frank gibt der Ausstellung
die aktuelle Note. Leider blieb es unvollendet, ist nicht
mehr als eine erste Studie, die dem Wesen des Dar-
gestellten kaum noch gerecht wird. Ob Corinth fähig ge-
wesen wäre, die Studie zum Porträt zu vollenden, wie es
ihm in früheren Zeiten zuweilen so trefflich gelang, muß
man allerdings bezweifeln, wenn man die neuen Arbeiten
sieht, in denen die Form immer weiter zu zerbröckeln
droht. Auch Pechsteins Gemälde aus Italien bedeuten
nicht einen Aufstieg von seinen früheren norddeutschen
Landschaften her. Das derbe und frische Zupacken fehlt.
Der Reiz wird in einem Schmelz der Farbe, einer weichen
Ausgeglichenheit der Form gesucht, die keineswegs dem
Temperament des Künstlers frei zu entwachsen scheint.
Man hätte gespannt sein dürfen, wie nach diesem italie-
nischen Intermezzo die Reise nach den Südseeinseln auf
die Produktion des Künstlers wirkte. Sie führte ihn in
ein Land, das die Sehnsucht seiner ersten künstlerischen
Träume war. Aber nicht immer ist Wirklichkeit auch Er-
füllung. Vielleicht hätte das Auge nüchterner gesehen als
die Phantasie, und was er heimbrachte, wäre eine Über-
raschung geworden. Nun traf der Krieg draußen den
Künstler, und es ist mehr als zweifelhaft, ob er unter der
neuen englischen Herrschaft in dem deutschen Schutz-
gebiet die Muße zu künstlerischem Schaffen finden wird.
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