Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 26.1915

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KUNSTCHRONIK

Neue Folge. XXVI. Jahrgang 1914/1915 Nr. 8. 20. November 1914

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DÄNISCHE FRANZISKANERKLÖSTER,
NAMENTLICH DAS SCHLESWIGER1)

Der hl. Franziskus ist 1226 gestorben. Die von
ihm ausgegangenen kirchlichen Vereinigungen, schnell
zur Form eines Ordens mit entsprechender Organisation
ausgebildet, hatten sich schon zu seinen Lebzeiten mit
reißender Schnelligkeit und Kraft über die Lande zu
verbreiten begonnen, und 40 Jahre nach dem Tode
des Heiligen gab es 5000 Klöster und in ihnen
200000 Brüder. So neu und fremdartig diese kirchlich
soziale Bewegung war, gerichtet auf eine vollständige
Umbildung der zerfallenen oder erhärteten Formen
des christlichen Lebens, sie fand unter dem Dache der
mittelalterlichen Kirche, die für tausend Oestaltungen
und Richtungen Raum hatte, ihren Platz. Der neue
Geist äußerte sich in neuen Formen; wir können uns
das etwas versinnbildlichen, indem wir an die Eigenarten
der Reformierten, der Brüdergemeinde, bis herab zur
Gemeinschaftsbewegung und zum Heilsheere, denken.
So ist es denn von namhaftem Werte, zu erkennen,
was die Franziskaner in der Baukunst geneuert haben.
Sie konnten ja für ihre Tätigkeit des Gehäuses nicht
entraten, und wo sie nicht schon vorhandene Bau-
werke überwiesen bekamen und sich darin einrichteten,
mußten sie für eigene sorgen. Diese werden also
ihren eigenen Geist, ihren eigenen Baustil, sofern es
einen solchen gab, bezeugen, der herrschenden Rich-
tung zunächst anstößig, widerwärtig oder lächerlich.

Es wäre deshalb nötig, zu ermitteln, ob es Gruppen
ihrer Niederlassungen gibt, die der Anfangszeit, mit
ihrer frischen Ursprünglichkeit, noch nahe stehen.
Eine solche Gruppe scheinen die Klöster der dänischen
Lande zu enthalten. Der Strom der Grauen Mönche
oder Minderen Brüder kam hier an im Jahre 1232.
Zuerst erwuchs ihnen eine Ansiedlung an dem wich-
tigsten und ältesten Sitze christlicher Ordnung, in der
Bischofsstadt zu Ripen; in den ebenso bedeutenden
zu Schleswig zogen sie 1234 ein und hatten hier,
nach der örtlichen Überlieferung, ihr Kloster im Jahre
!24o fertig. In diesem Jahre saßen sie bereits an
elf Orten, und die Zahl der Klöster verdoppelte sich
bis 1288. Viel später, 1419 und 1420, wurden noch
drei, und um 1500 noch vier, in erneutem Anlaufe,
angelegt. Alle ihre Bauwerke sind also, als die
Reformation eintrat, noch nicht alt gewesen, die ältesten
noch keine 300 Jahre. Daher verspricht eine syste-
matische Durchforschung des etwa davon verbliebenen
Bestandes ein recht reines Bild der mittelalterlichen
Baukunst des Ordens zu geben, wenn nur die heute
erhaltenen Reste ausreichen.

1) Wilh. Lorenzen, de danske Klostres bygnings-
nistorie.

Für die Frage nach der Eigenart der Bauten ist
es wichtig, zu wissen, welcher Stil in Dänemark
zur Zeit herrschte. Obwohl Dänemark ein Land des
romanischen Stils ist, der im 11. und 12. Jahrhundert
die Hauptmasse der Landkirchen wie auch der Herren-
klöster hervorgebracht hat, so daß namentlich auch
das Bedürfnis nach Dorfkirchen in der zweiten Hälfte
des 12. Jahrhunderts so gut wie vollständig befriedigt
war, haben wir doch aus der glänzenden und reg-
samen Zeit des dreizehnten genug Bauwerke, um
zu erkennen, daß man landesüblicher Weise durch
die erste Hälfte des Jahrhunderts hindurch noch
in einem Stil baute, der dem romanischen nahe
gestanden hat. Namentlich auch für die Dome und
großen Herrenkirchen, deren manche Um- oder Her-
stellungsbauten erfuhren, blieb dieser vornehme Über-
gangsstil noch länger maßgebend, was sich bei den
Einwölbungen oft bezeugt hat. Der älteste Bau des
gotischen Stils möchte der für 1260 oder 63 genau
genug datierte Chor des Schleswiger Domes sein;
dieser aber erinnert nur noch in einigen ganz unter-
geordneten Punkten daran, daß der Übergangsstil zu
überwinden und zu vergessen war.

Seit einigen Jahren hat sich Wilh. Lorenzen zu
Kopenhagen die sehr lohnende Aufgabe gestellt, die
Baugeschichte der einzelnen klösterlichen Vereinigungen
zu verfolgen und zu klären. Im ersten Bande des
Werkes (de danske Klostres bygningshistorie,
Kopenhagen, Gad; 118 S. 40 12 Tf. 1912) findet man
die Hl. Geist-Klöster behandelt — ich habe darüber
ausführlich berichtet in der jetzt eingegangenen Ztschr.
f. Gesch. d. Archit., Heidelb., Winter 5, 224—6. Der
zweite Band (1914, 156 S., 10 Tf.) ist den Franzis-
kanerklöstern gewidmet und verbreitet sich über
deren Reste eingehend und erschöpfend. Ein besonders
breiter Raum ist dem Kloster zu Schleswig einge-
räumt, und diese Darstellung, von trefflichen Zeich-
nungen Chas. Christensens begleitet, ist für uns Deutsche
von großem Werte.

Es sind im jetzigen Bereiche des Deutschen
Reiches unter den 5 Schleswigischen Klöstern zwei,
über welche Genaueres zu ermitteln ist: das zu Schles-
wig und das zu Husum. Jenes steht, mit Ausnahme
der Kirche, noch im wesentlichen wohl erhalten.
Über das andere, von 1494, das keine hundert Jahre
gestanden hat, haben wir eine recht genaue alte Be-
schreibung, und dazu einige Erläuterungen. Seinen
Platz nimmt seit 1573 das sehr ausgedehnte herzog-
liche Schloß der Gottorfer mit seinen Vorwerken und
Gärten ein. Wie groß die Anlage gewesen, wird
durch den Umstand beleuchtet, daß nach der Ein-
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