Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 26.1915

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KUNSTCHRONIK

Neue Folge. XXVI. Jahrgang 1914/1915 Nr. 11. 11. Dezember 1914

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ALFRED HAGELSTANGE

(Geb. in Erfurt am 5. September 1874, gest. in Köln am
2. Dezember 1914)

Nur sechs Jahre hat dieser viel zu früh Dahin-
geraffte die Direktion des Wallraf-Richartz-Museums
innegehabt. Um so schmerzlicher ist der Verlust für
das Kölner Kunstleben, als Adolf Fischers Tod noch
nicht verjährt ist. Mit ihm teilte Hagelstange den
frischen Enthusiasmus des Sammlers und Liebhabers,
teilte auch gern die Mißgunst der Nichts-als-Gelehrten.
Ein fast vollendetes Buch über die Kölner Maler-
schule, andere Ziele verfolgend als die etwas schwer-
fällige Darstellung seines Vorgängers Aldenhoven,
sollte zeigen, wie gut er es verstanden hatte, in an-
sprechender Form die oft schwer genug herauszu-
kristallisierenden Ergebnisse der Forschung darzu-
bieten. Keine geringe Aufgabe, wenn man so nahe
in den brodelnden Streit der Meinungen um den
Klaren-AItar und die Wickenblüten-Madonna hinein-
geblickt hatte.

Alfred Hagelstange lebte nur für sein Museum.
Sein Tod mehr noch als der Krieg lähmt große Pläne
für die Zukunft dieses Instituts. Seine Neuorgani-
sierung sollte nur ein Anfang sein! Und doch, wie-
viel günstiger ist heute der Eindruck der in un-
günstigen Räumen untergebrachten Sammlung, als es
vor seinem Amtsantritte wai! Durch die Neuordnung
der Bilder, die vordem viel zu eng und geradezu
schlecht gehängt waren, ist die Kölner Schule erst
unmittelbares Erlebnis geworden. Einige Kabinette,
die erst in letzter Zeit fertig wurden, bieten selbst
dem Spezialisten, dem die Schätze dieses einzigartigen
Museums vertraut schienen, Überraschungen, insofern
als sie die Kunst der »Manieristen« in neues, viel
günstigeres Licht rückten. Hagelstange besaß gerade
das, was in Köln, der Stadt derben Lebensgenusses,
oft genug schmerzlich entbehrt worden war, den
feinsten künstlerischen Geschmack. Sein geschultes
Auge, die geschickte Hand vermochten es, durch
Farbenwahl und ein wählerisches Hängen aus einzelnen
Sälen wahre Meisterwerke moderner Museumstechnik
zu machen.

Hatte er bei den alten Meistern zu ordnen und nur
hier und da zu ergänzen, so schien seinem Schaffens-
drang bei der neueren Abteilung kein Ziel gesetzt.
Diese Sammlung war 1908 in denkbar schlechtestem
Zustande. Befriedigend war nur die Vertretung der
älteren Düsseldorfer Schule, doch überwog hier das
historische Interesse. Der größte Kölner Maler des
19. Jahrhunderts, Wilhelm Leibi, war kaum vertreten.
Es fehlten Liebermann und Trübner, Feuerbach und
Thoma. Uhde war charakteristischerweise durch ein

Kostümstück der Munkacsy-Periode repräsentiert, Böck-
Iin ausgesucht ungünstig. Der junge Direktor begann
mit wahrhaft feurigem Eifer zu trennen, zu sichten
und zu erwerben. Durch den Ankauf der Seeger-
schen Leibi-Sammlung wurde die größte Lücke in
glücklicher Weise ausgefüllt. Von Ausländern —
vorher vertrat sie Roybet — wurden u. a. Meister-
bilder von Renoir und Vincent van Gogh der Samm-
lung hinzugefügt. Der letzte größere Ankauf, eine
frühe Landschaft Menzels, zeigt schon in der Auswahl
den sicheren Geschmack Hagelstanges. Werke jüngerer,
noch suchender Künstler, deren Ruhm sonst noch
keine offizielle Anerkennung prägte, sind in größerer
Anzahl vorhanden, aber nur zu einem kleinen Teile
ausgestellt. Es ist wahrscheinlich, daß die Zeit diese
Auslese rechtfertigen wird.

Aber gerade dieses zielbewußte und energische
Schaffen, das mit einer nur scheinbaren Ungerechtig-
keit gegen die Lieblinge des Publikums Hand in Hand
ging, schuf Hagelstange viele Feinde. Er erlebte ein
Tschudi-Schicksal, ohne die »Wurstigkeit« dieses Vor-
bildes zu besitzen. Als Idealist reinsten Wassers, ge-
wohnt, sich zu exponieren, empfand er die Angriffe
und eine aus trüben Quellen gespeiste Polemik in
den Kölner Zeitungen bitterer, als sie es vielleicht
verdienten. Dazu kamen die Aufregungen, die mit
der Kölner Sonderbundausstellung verbunden waren.
Alles dies nagte an seiner zarten Gesundheit. Einer
Krankheit, die sich vor etwa zwei Jahren entwickelte,
ist er jetzt, erst vierzig Jahre alt, zum Opfer gefallen.

Auch er fiel in ehrlichem Kampfe. Mit ganzer
Seele erlebte er den Krieg, den mit dem Schwerte
durchzufechten ihm nicht vergönnt war. Er erhoffte
Großes davon für unsere deutsche Kunst. Wenn sie
einst in friedlicher Zeit aufs neue blüht, dann sollten
die Künstler auch der Männer in der Art Alfred
Hagelstanges gedenken, die das gelobte Land nur von
ferne erblickten, deren sichere Hoffnungsfreudigkeit
ihnen jedoch den Weg zeigen konnte.

WALTER COHEN.

EINE GRUPPE DEUTSCHER GEMÄLDE

DES 15. JAHRHUNDERTS.
Man hat bisher in der deutschen Malerei des
15. Jahrhunderts die naturalistischen Richtungen be-
sonders bemerkt und hervorgehoben und damit allen
jenen Werken hervorragende Bedeutung gegeben, die
in diesem Sinne Neues brachten. Die große Zahl
verstreuter, namenloser Bilder aus dieser Zeit macht
es wünschenswert, auch solche Werke nach Mög-
lichkeit zu Gruppen zusammen zu ordnen, die viel-
leicht für ihre Zeit nicht in gleichem Grade stilbildend
waren, dennoch aber auf einer künstlerischen Höhe
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