Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 26.1915

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Eine Demütigung J. G. Schadows

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Truppen dauernd gefährdenden Positionen zu zer-
stören.

Am schlimmsten sieht es an der Nordfront aus,
in Arras und in Ypern. Von unseren Stellungen
aus läßt sich nur feststellen, daß im Stadtbild zu
Arras der schlanke reichgegliederte 75 m hohe Beffroi
verschwunden ist und das in dem Bild von Ypern
der Beffroi der Hallen eine wesentlich veränderte
Silhouette aufweist, ohne Dach und mit Fehlen von
zweien der Ecktürmchen. Auch hier wie in Armentieres,
wo gleichfalls der Beffroi fallen mußte, ist diese hohe
Beobachtungsstelle, die dem Feind die bequeme Mög-
lichkeit der Feststellung der Wirkung seiner und der
feindlichen Artillerie gab, für unsere Truppen gefähr-
lich und todbringend gewesen und ihre Vernichtung
mußte mit allen Mitteln angestrebt werden, so lange
die Gegner diese Städte zu ihren artilleristischen
Stützpunkten machten. Dabei sind in Arras an einem
Tage nach französischen Berichten 68 Granaten auf
das Rathaus geworfen worden und erst die ooste
hat den Turm getroffen. Wenn auch der große Platz
mit seinen durchgehenden Arkaden äußerlich unver-
letzt scheint, so hat das Rathaus schwer gelitten, die
eine Hälfte dieser reichen und malerischen Baugruppe
aus dem Übergang von der Spätgotik zur Renaissance
ist völlig zerstört, von den acht Achsen der gotischen
Hauptfassade stehen nur noch drei aufrecht. Und in
Ypern, um hier zuletzt auf den schmalen von dem
Feind noch gehaltenen Streifen des westlichen Belgiens
einzugehen, ist nach französischen Aufnahmen vom
5. Dezember über dem Riesenbau der gotischen Tuch-
hallen, die der Graf Balduin IX. von Flandern im
Jahre 1200 begonnen hatte, das hohe steile Dach
mit dem so charakteristischen alten Dachstuhl abge-
brannt. Der Beffroi hat in seiner Front eine tief
heruntergehende Bresche und die lange Außenfront
der Hallen selbst ist an drei Stellen völlig durchge-
schlagen. Das im rechten Winkel an die Hallen an-
stoßende Renaissance-Rathaus ist völlig zerstört und
bis auf das Erdgeschoß zusammengebrochen. Der
spätgotische Turm der Kathedrale St. Martin hat gleich-
falls sein Dach verloren. Von dem Museum, das in
der alten zweigiebeligen Boucherie untergebracht war,
steht nur noch die Außenfront mit leeren Fenster-
höhlen. Dixmuiden, das von unseren Truppen be-
setzt, aber von den Verbündeten dauernd unter Feuer
gehalten wird, ist eine große Ruinenstadt (von mir
jetzt nicht besichtigt). Die Kirche St. Nicolas ist zum
größten Teil zerstört, auch in den Außenmauern, der
phantastische, bizarre, spätgotische Lettner, das Werk
des Urban Taillebert, der reichste unter diesen Lettner-
anlagen in ganz Belgien, ist zusammengestürzt.

Es ist aber festzuhalten, daß bei diesen beklagens-
werten Zerstörungen überall eine unbedingte Not-
wendigkeit vorlag, daß wir durch die Aufstellungen
des Feindes, durch die Ausnutzung dieser Denkmäler,
zumal der Türme für die Feuerleitung, direkt ge-
zwungen waren, die Bauten unter Feuer zu nehmen, —
und sowohl an unserer flandrischen Front in den
Orten bei und vor Dixmuiden wie an der Aisnelinie
und an der lothringischen Front sind es umgekehrt

jetzt die Franzosen und Engländer, die sich ihrer-
seits gezwungen sehen, ihre eigenen Denkmäler oder
die der Verbündeten entzweizuschießen. In Bourgogne
nördlich von Reims ist die entzückende frühgotische
Kirche durch ein schweres Geschoß der Franzosen
getroffen worden, das in das südliche Querschiff
hineingefahren ist, die Nordwand zerschlagen und in
dem Inneren eine gründliche Verwüstung angerichtet
hat. Und ebenso ist es die ehrwürdige Kirche von
Brimont, die von der Südseite her durch französische
Geschosse schwer gelitten hat. An der Cöte Lorraine
müssen die Franzosen jetzt das hochgelegene Berg-
dorf Hattonchätel beschießen, in dem die Kirche mit
ihrem feinen kleinen Kreuzgang zuerst unter dem
deutschen Bombardement gelitten habe. Im Mittel-
schiff und im nördlichen Seitenschiff sind vier Ge-
wölbejoche eingestürzt, aber der schöne dem Ligier
Richier zugeschriebene Renaissancewandaltar hinter
dem neuen Hochaltar ist unverletzt. Und in St. Mihiel,
dem von uns gegen den übermächtigen Feind mit
solchem Heroismus gehaltenen äußersten Vorposten
an der Maas, sind es wiederum die Franzosen, die
die Kirche St. Etienne beschossen haben und darin
eines der berühmtesten Denkmäler der französischen,
man darf sagen der ganzen nordischen Renaissance-
plastik, die unvergleichliche Grablegung Ligier Richiers,
mit ihren dreizehn lebensgroßen Figuren schwer be-
schädigten. Bei diesen beiden kostbaren plastischen
Hauptwerken der französischen Kunstgeschichte wird
es jetzt die Aufgabe der deutschen Barbaren sein,
diese Denkmäler gegen die französischen Granaten
zu schützen. CLEMEN.

EINE DEMÜTIGUNG J. G. SCHADOWS.

Von Hermann Ehrenberg
IL»)

Nachdem Deetz diese beiden Briefe seinem Freunde
Wolff übermittelt und ihn um Verhaltungsmaßregeln
gebeten hatte, äußerte sich Müller am 21. September
in einem Schreiben an Wolff: »Daß ein Künstler von
solchem hohen Range, als Herr Diiector Schadow
ist, nicht im Stande sein sollte, ein geschmackvolles
Monument zu entwerfen und auszuführen, kann wol
Niemanden einfallen zu bezweifeln; jedoch ebenso-
wenig die Berechtigung der Herren Besteller des
Zimmermannschen Monuments für die nach dem
Kontrakte geleistete prompte Zahlung auch accurate
Ausführung nach den Bedingungen desselben fordern
zu können. Der Herr Director hat sowol die Grund-
fläche als auch die Seiten - Ansichten der erhaltenen
Zeichnung eigenbeliebig verändert, wozu (ihn), wie
er mir unterm 15. 5. c. schrieb, zum Teil eine im
Marmorblock vorgefundene rauhe Schale, die wegge-
arbeitet werden mußte, veranlaßt hat. Es gehört dem-
nach jetzt die Form des Ganzen mehr seiner, als
meiner Erfindung an, daher es ihm auch überlassen
werden kann, einen schicklichen Aufsatz dazu anzu-
geben. Die skizzierte Schale am Rande des Briefes

1) Vergl. auch Nr. 15.
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