Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 26.1915

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Vermischtes

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Analogie der Antwerpener Kopie einen hohen Grad von
Wahrscheinlichkeit besitzt. Danach wäre zur Linken die
Geburt, zur Rechten die Beschneidung dargestellt gewesen.
Die wenig sinnvolle Art der Reduktion der Komposition
auf der Wiederholung in Wien läßt vermuten, daß nicht
der Kopist selbst die Flügel hinzuerfunden hat. In vielen
Zügen verrät sich auch in den veränderten Wiederholungen
noch die Kunstart des Goes, so in der niedrig abgeschnittenen
Architektur und in der schrägen Tiefenstaffelung der Fi-
guren. Die Frage nach der Entstehungszeit des Werkes
versuchte der Vortragende in anderem Sinne als bisher
üblich zu beantworten. Von der Zeitfolge der Werke des
Goes ist wenig bekannt. Der Portinari-AItar läßt sich um
1475 datieren. Der Marientod in Brügge ist sicher später
entstanden, und mit ihm geht die Berliner Anbetung der
Hirten zusammen. Da Goes schon 1482 gestorben war,
bleibt wenig Zeit, und es ist keine Möglichkeit, den Mon-
forte-Altar hier noch einzuschieben. Während der Portinari-
AItar in seiner Komposition auf eine Berührung mit Bouts
hinweist, steht der Monforte-Altar noch den Anordnungen
des Rogier, wie dessen Columba-Altar näher. Die gesättigte
saftige Farbe ist eher vom Charakter des Eyck als des
Memling, und auch das Kind nähert sich dem Typus des
Eyck, den Goes ja gewiß studiert hat. Nach all dem
gehört der Monforte-Altar in die frühere Schaffenszeit des
Meisters. Schließlich wies der Vortragende darauf hin,
daß Geertgen den Monforte-Altar gekannt haben muß. Die
charakteristische Bewegung des mittleren Königs kehrt
genau übereinstimmend auf der Wiener Beweinung und ab-
gewandelt nochmals auf dem Pariser Lazarusbilde wieder.
Die Handhaltung der Hollitscher-Madonna ähnelt der des
Monforte-Altars. Und schließlich zeigt sich der Einfluß von
dessen Hintergrundslandschaft in der Prager Anbetung der
Könige. Endlich geht die bei Geertgen beliebte Kom-
positionsart der schrägen Tiefenstaffelung auf den frühen
Stil des Goes zurück. Die Beziehungen bleiben im ganzen
äußerlicher Art, und man wird sich begnügen, darauf zu
schließen, daß Geertgen den Monforte-Altar eingehend zu
studieren Gelegenheit hatte, ohne ihn darum zu einem
Schüler des Goes stempeln zu wollen.

VERMISCHTES
Der Plenarsitzungssaal des Reichstages wird einen
besonderen plastischen Schmuck erhalten, der im vorigen
Jahre Fritz Klimsch in Auftrag gegeben wurde. Der Künst-
ler, der sich bei Ausbruch des Krieges als Freiwilliger ge-
stellt hatte und eine Zeitlang bei der Inspektion der Flieger-
truppen im Felde war, legt jetzt während seines Urlaubes
die letzte Hand an die erste dieser Figuren, eine wehr-
hafte Verkörperung des deutschen Michel. Die Gestalten,
die weit überlebensgroß in Bronze ausgeführt werden sollen,
sind für die bis jetzt leeren Nischen über der Estrade des
Präsidiums und des Bundesrates bestimmt, zwei für die
Hauptwand in der Breite des Saales, zwei an den Schmal-
seiten, der breiten Seite benachbart. Hierher kommt die
Verkörperung der Tapferkeit, jener prachtvolle jugendliche
Michel. Klimsch entwarf, innerlich erfüllt von den Erleb-
nissen dieser Monate, eine Gestalt von hinreißendem
Schwung. Es ist ein Jüngling, für dessen energisch ver-
haltene Bewegung, für dessen trotzig stolzen Kopf dem
Künstler sein eigener Sohn Modell stand, jetzt als Kriegs-
freiwilliger neben seinem Bruder vor Warschau. Mit kraft-
voller Drehung greift der gerüstete Krieger nach dem
Schwerte an seiner Seite, das zu ziehen er im Begriffe ist, [

während der Kopf dem Herausforderer entgegenzublicken
scheint. Die der künstlerischen Wirkung in kräftig auf-
strebenden Linien angepaßte Rüstung, für die. Klimsch in
freier Weise Formen der Antike wie den Medusenkopf mit
seinen Ketten als Brustschmuck, die knappen Beinschienen
der Gotik, die kräftigen Rundformen der Renaissance in
gleicher Weise heranzog, deckt den prachtvollen jungen
Leib. Die anderen Figuren sind erst im kleinen Modell
vorhanden. Dem heroischen Vertreter des deutschen Wesens
gegenüber wird eine andere Jünglingsfigur den lyrischen
Zug unseres Nationalcharakters verkörpern, die Gestalt der
Ergebung, ein nackter Jüngling in zarter und weicher Be-
wegung. In die Nischen der Breitwand kommen zwei
große Gewandfiguren zu stehen, Gestalten reifer Männlich-
keit. Die eine, die Figur der Weisheit, wird ein Greis
mit redender Hand, die andere, die Gerechtigkeit, hält die
Tafel der Gesetze.

Eine wirtschaftliche Hilfsaktion der Kunsthistoriker.

In der Kunstgeschichtlichen Gesellschaft zu Berlin wies
kürzlich Dr. Max Deri auf die Notwendigkeit und Erreich-
barkeit einer wirtschaftlichen Organisation der Kunsthisto-
riker hin, durch die sich im Notfall Fachgenossen gegen-
seitig zu stützen vermöchten. Der Bildung eines, wenn
auch zuerst bescheidenen Fonds käme die Stimmung der
Zeit zugute. Dr. Sievers vom Kultusministerium begrüßte
den Gedanken als besonders erwünscht. Die Gesellschaft
beschloß, diesen beiden Gelehrten und Dr. Max J. Fried-
länder, dem Direktor am Kaiser-Friedrich-Museum, als einer
Kommission den Gedanken zur Erwägung zu überweisen.

Künstlerfürsorge im Reiche. Während in Berlin
die akademische Kriegshilfskasse der Not in der Künstler-
schaft zu steuern versucht, sind in den einzelnen Kunst-
städten gleichartige Bestrebungen mit Erfolg tätig. Der
Künstlerunterstützungsverein in München, dessen Ver-
mögen über zwei Millonen Mark beträgt, hat vorläufig die
Summe von 100000 M. zur Unterstützung jetzt notleidender
Künstler hergegeben, und mit den Beträgen, welche andere
Verbände und Kunstfreunde demselben Zwecke widmeten,
dürfte wohl dort eine Viertelmillion zur Verfügung stehen.
Für den Augenblick scheint also in München vorgesorgt
zu sein. In Dresden hat man den Weg von Verkaufs-
ausstellungen beschritten, für die sich der Kunstverein und
die großen Kunstsalons zur Verfügung stellten. In dem
einen wurde mehrere Wochen lang überhaupt alles An-
gebotene ausgestellt, um den notleidenden Künstlern Ver-
kaufsgelegenheit zu bieten. Im Kunstverein kaufte der Rat
zu Dresden durch den Städtischen Kunstausschuß eine
Reihe von Bildern, Zeichnungen und plastischen Werken
für das Stadtmuseum, darunter einige ausgezeichnete Akt-
studien von Georg Lührig, und drei vorzügliche Gemälde
von dem im Felde gefallenen jungen Maler Kurt Nessel.
Auch das sächsische Ministerium des Innern kaufte eine
ganze Reihe von Gemälden sächsischer Künstler und über-
wies sie dann sächsischen Museen als Geschenke. In
Karlsruhe hat der Westdeutsche wirtschaftliche Verband
bildender Künstler eine Hilfsstelle für badische Künstler
in Aussicht genommen, für die z. B. verschiedene badische
Kunstvereine Bewilligungen in Aussicht gestellt haben.

Das Stipendium der Adolf Ginsberg-Stiftung ist laut
Bekanntmachung im »Staatsanzeiger« durch Beschluß des
Kuratoriums dieser Stiftung in Höhe von 2000 Mk. an den
Studierenden Maler Kurt Haase aus Jastrow verliehen
worden.

Inhalt: Die französischen Kunstdenkmäler innerhalb unseres Operationsgebietes. Von Oeh. Reg.-Rat Professor Dr. Clemen. — Eine Demütigung
J. G. Schadows. Von Hermann Ehrenberg. — Willlelm Moormann f; Karl Bossard f. — Personalien. — »Mitteilungen« des »Rheinischen
Vereins für Denkmalpflege und Heimatschutz«. — Wettbewerb der Gesellschaft für christliche Kunst. — Ausstellung in Basel. — Aus-
stellung von Neuerwerbungen der städtischen Kunstsammlungen in Düsseldorf; Kunstsammlung Czartoryski; Neuerwerbungen des Mär-
kischen Museums in Berlin; Stiftung von Ausstellungsgegenständen der Bugra. — Berliner Kunstgeschichtliche Gesellschaft. — Vermischtes.

Verantwortliche Redaktion: Gustav KlRSTElN. Verlag von E.A.Seemann in Leipzig, Hospitalstraße IIa
Druck von Ernst Hedrich Nachf., o. m. b. h., Leipzig
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