Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 26.1915

Page: 235
Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kunstchronik1915/0127
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
235

Rathäuser und Hallenbauten in Belgien

236

Teile) eine 3,60 m breite Galerie in der ganzen Länge
von 60 m. Zur Seite des mächtigen Beifrieds links
elf, rechts zehn Bogen mit schmaler Galerie darüber.
Als Abschluß Zinnen, an den Ecken von unten an-
steigend achteckige Türmchen.

In der Mitte zwischen dem Brüsseler und dem
Brügger Typus steht das Rathaus in Löwen, in der
kurzen Zeit von fünfzehn Jahren (1448—1463) er-
baut von Mathieu de Layens. Beifried und Mittel-
türmchen fehlen, desgleichen die vorspringenden Ar-
kaden. Eine Treppe mit dreifachem Laufund Brüsfungs-
geländer führt zu den zwei nebeneinanderliegenden
Portalen. In drei Geschossen an der Fassade zehn,
an den Schmalseiten je drei Fenster; die Zwischen-
pfeiler mit Statuen überreich geschmückt. An den
Ecken, wie in Brüssel, vom Boden ansteigende, 47,
64 m hohe achteckige Türmchen. Der lustig durch-
brochene Zinnenkranz läuft als Galerie um die Türm-
chen herum, die sich mastkorbartig noch zweimal an
den zerbrechlichen Gebilden wiederholen.

Das Rathaus in Gent, dessen gotischer Teil um
1481 begonnen worden ist, besitzt weder Beifried
noch sonstige Türme: aber reiche spätgotische Orna-
mentik und Statuenschmuck; Gliederung der einzelnen
Stockwerke durch kräftig vortretende Gesimse bringen
einen Eindruck gezähmten Reichtums hervor, wie er
sonst selten ist.

Sichtlich unter dem Einfluß des Brüsseler Rat-
hauses steht der Bau des ihm gegenüber sich er-
hebenden »Brothauses«, der »Maison du Roi«, die,
ein Jahrhundert später begonnen als das Rathaus
(1514—1524) in den Jahren 1873—i8g6 nacn den
ursprünglichen Plänen neu erbaut worden ist.1) Hier
erstreckt sich vor dem Hauptbau eine zweigeschossige
Galerie mit Beifried in der Mitte und Eingang dar-
unter. Charakterisiert als solcher ist der (offene) mit-
telste von neun, auf acht freistehenden Säulen ruhen-
den Bogen; die Säulen sind durch eine Brüstung von
gotischem Maßwerk miteinander verbunden. Die
Stützen des mittleren Bogens, zu dem im Erdgeschoß
Stufen hinaufführen, und der sich in allen drei Ge-
schossen wiederholt, sind in allen Geschossen pfeiler-
artig ausgebildet. Auch im zweiten Obergeschoß
gehen sie durch und bilden eine Art Loggia mit
Balkon. Über diesem Unterbau der mächtige Beifried
mit umlaufender Galerie, zunächst viereckig, dann
wieder über einer Galerie ins Achteck übergehend.
Die untere Galerie des Turmes setzt sich an Lang-
und Schmalseite des Baues fort, der an den vier
Ecken und auf den Giebeldächern mit hohen spitzen
Türmchen bekrönt ist.

Gleichfalls an das Brüsseler Rathaus knüpft wohl
das Rathaus in Audenaerde an, seit 1525 im Bau
begriffen und schnell zu Ende geführt. Nach drei
Seiten frei stehend, weist es zwei Treppengiebel auf,
und auch ein Teil der Rückseite ist als Treppengiebel
besonders ausgebildet. Nach der Marktseite vor dem
Erdgeschoß eine vorspringende Bogenhalle auf Säulen;

1) Vgl. P. Clemen im laufenden Jahrgang dieser Zeit-
schrift Nr. 9, Sp. 121.

die lichte Breite der Halle beträgt nur 0,60 m. Über
dem mittleren der sieben Bogen mit dem ebenerdigen
Eingang der mächtige Beifried, im ersten Geschoß
noch offen und mit kleinem vorkragenden Balkon.
Über dem Dach ein viereckiges Geschoß, um das
die Maßwerkbrüstung des Daches als Galerie läuft;
erst dann geht er in ein zweigeschossiges Achteck
über mit umlaufender Galerie, um endlich über durch-
brochenem Zierwerk mit einer Statue abzuschließen.
An den Ecken Fialentürmchen mit doppelter Galerie
wie in Löwen; auch die Absätze der Treppengiebel
abwechselnd mit kleinen Türmchen bekrönt. Zwischen
den Fenstern Konsolen und Baldachine für Statuen;
die Pfeiler gehen an diesen Stellen bis über das Dach
und seine Brüstung und sind oben mit freistehenden
Statuen bekrönt.

Die nach der Straße zu gelegene Front hat zwei
Eingänge, den einen mit Freitreppe, den anderen eben-
erdig, mit eleganter Fialenbekrönung, der in einen
quadratischen Raum mit Mittelsäule und Rippen-
gewölbe führt.

Sehr einfach im Vergleich hierzu ist das dem Ende
des 16. Jahrhunderts entstammende Stadthaus in
Hoogstraaten bei Antwerpen. Ganz in rotem Back-
stein aufgeführt, weist es an der Front eine kleine
Freitreppe auf, die zu dem in breiten Rundbogen
gefaßten Portal mit vortretenden Halbsäulen führt.
Blendbogen erstrecken sich auch zu den Seiten des
Portals und im Obergeschoß darüber. An den Ecken
links und rechts je ein achteckiger Turm. Der Turm
rechts schneidet in die Dekoration dieser Schmalseite
ein, die gleichfalls durch Rundblendbogen ange-
gliedert ist.

Bedeutender in den Maßen, wenn auch in der
Ausführung schlicht, ist das erst 1616 in Ziegel-
und Haustein errichtete Rathaus in Hai. Zu einem
mittleren Vorbau, der im Erdgeschoß auf Säulen ruht,
führen Treppen auf beiden Seiten hinauf. Außerdem
rechts und links je ein Portal mit gedrücktem Rund-
bogen. Die Giebel mit schneckenförmigen Aufsätzen;
der Vorbau über dem Dach endigend in niedrigem
Turm.

Unter den Hallenbauten ist einer der ältesten
und zugleich bedeutendsten der in Ypern, 1201 be-
gonnen und 1304 im Ganzen vollendet; das macht-
vollste Denkmal eines frei aufstrebenden Bürgertums.
Der Bau bildet ein kolossales langgestrecktes Viereck
von etwa 120 m Länge und 32 m Tiefe, das zwei
große Höfe umschließt. In der Mitte über dem Por-
tal in vier Geschossen der mächtige viereckige Beifried
mit Zinnenkranz und vier Fialentürmchen. Auf der
oberen Plattform der viereckige undurchbrochene
Helm. Der mittlere Eingang führt zwischen den
inneren Höfen an die Rückseite des Gebäudes, dessen
rechter Flügel jetzt vom Rathaus eingenommen wird.
Zu diesem gehört auch noch die offene Erdgeschoß-
halle, die sich unmittelbar an die »Hallen« anschließt.

Im Inneren werden die Hallen durchweg durch
eine Reihe von Rundpfeilern mit Knospenkapitellen
loading ...