Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 26.1915

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Vermischtes

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in der malerischen Auffassung, um so mehr verzichtet er
auf die »pittoresken« Motive. In der Radierung des Barm-
herzigen Samariters (B. 90, 1633) findet man alle Requisiten
einer malerischen Regiekunst, aber das Blatt ist wenig
malerisch gesehen. Das Gemälde von 1648 mit dem gleichen
Gegenstand ist im selben Maße szenisch vereinfacht, als
es malerischer in der Darstellung geworden ist. (Unter
dem Gesichtspunkt der malerischen Darstellung kann der
Triumph des Mardochäus, B. 40, nicht wie Seidlitz es tut
• um 1640« angesetzt werden, sondern erst gegen 1650.)
Die Entwicklung, die Rembrandt durchmacht, ist eine
typische, nicht nur für einzelne Individuen, sondern auch
für Entwicklungen, die ganze Generationen umfassen.
Beispiel: die Geschichte der Landschaftsmalerei im 19. Jahr-
hundert.

VERMISCHTES

Frankfurt a. M. Das Kunstleben Frankfurts hat seit
dem August v. Js., wie anderwärts auch wohl meistens, im
Zeichen des Krieges gestanden. Die öffentlichen Samm-
lungen wurden in der ersten Zeit geschlossen, sind aber
längst dem Besuche wieder freigegeben worden und er-
freuen sich eines erstaunlich regen Besuches. Das Städel-
sche Institut hat auf eine Ausstellung Klingerscher Griffel-
kunst eine Menzel-Ausstellung folgen lassen. Das Histo-
rische Museum veranstaltet eine ständig sich vermehrende
Kriegs-Ausstellung, die alle auf das Frankfurter militärische
und bürgerliche Leben in der jetzigen Kriegszeit bezüg-
lichen Bilder und Photographien — eine besondere Ab-
teilung bilden natürlich Porträts der gefallenen Frank-
furter —, aber auch Aufnahmen aus dem Felde im weite-
sten Sinne, namentlich von Frankfurtern hergestellte, ferner
Beutestücke.und andere Kriegserinnerungen vereinigt. In den
gleichen Räumen stellt die Stadt-Bibliothek einzelnes aus
ihrer auf Vollständigkeit ausgehenden Sammlung von Kriegs-
literatur aus.

Um einer Notlage der Künstler nach Möglichkeit zu
steuern, hat die Stadt der Städtischen Galerie für den
Ankauf von Werken Frankfurter Künstler über den für
diesen Zweck feststehenden Betrag hinaus eine namhafte
Summe bewilligt. Zu demselben Zweck veranstaltete der
Frankfurter Kunstverein im September-Oktober eine Ver-
kaufs-Ausstellung, die manches Beachtenswerte bot. Sie
wurde abgelöst durch eine reich beschickte Ausstellung
von (etwa 370) Werken Frankfurter Künstler, die für eine
Verlosung zum Besten der Kriegsfürsorge bestimmt waren.

Die Kunsthandlungen brachten meistens gleichfalls
Werke von Hiesigen oder Darstellungen, die sachlich mit
dem Krieg in Zusammenhang standen. Auch Auktionen
haben bereits wieder stattgefunden, bei denen mehrfach
der Ertrag ganz oder teilweise den Zwecken der Kriegs-
fürsorge zugute kommen sollte.

Die Neugestaltung der Berliner Kunsthochschule
und die Baukunst. Die Berliner Kunsthochschule geht
unter ihrer neuen Leitung wahrscheinlich einer durchgrei-
fenden Neugestaltung entgegen. Eines der wichtigsten Er-
fordernisse bei dieser Neugestaltung wird die stärkere
Heranziehung der Baukunst sein, die im heutigen Lehrplan

der Hochschule fast vollkommen ausfällt, zum Schaden der
anderen Bildkünste, soweit sie mit der Baukunst in Be-
ziehung stehen. Bei der Düsseldorfer Akademie der Künste
ist die Errichtung einer besonderen Abteilung für Archi-
tektur bereits beschlossen. Ähnliches muß auch in Berlin
möglich sein. Zu dieser Frage schreibt ein Architekt: In
Architektenkreisen bedauert man vielfach, daß zur Aus-
schmückung der Bauwerke so wenig wirkliche Bildhauer
und ganz besonders Maler fähig sind, sich im Sinne
der vom Architekten zu bestimmenden Richtlinien raum-
künstlerisch betätigen zu können. Ein Mißstand, der
zum größten Teil auf die Ausbildung der Maler und
Bildhauer zurückzuführen ist. Während ihrer Studien-
zeit ist ihnen wenig oder meist gar keine Möglichkeit ge-
geben, sich mit den Gesetzen der Architektur, die zum
harmonischen Zusammenarbeiten bei der Ausschmückung
von Bauwerken im raumkünstlerischen Sinne zu beachten
sind, vertraut zu machen. Aber auch umgekehrt fehlt vielen
tüchtigen Architekten das Verständnis für das bildhauerische
und malerische Schaffen. Sonst würden sie bei der Wahl
ihrer künstlerischen Mitarbeiter nicht so oft den Künstler
mit dem Stukkateur und Dekorationsmaler verwecheln. An
den technischen Hochschulen hat eben auch der studierende
junge Architekt kaum Gelegenheit, sich mit der wirklichen
Plastik und Malerei seiner Zeit und deren Heranziehung
zum Schmucke des Bauwerks vertraut zu machen. Das
Verständnis für das harmonische Zusammenklingen der
drei Schwesterkünste, wie es besonders in der Renaissance
lebendig war, für die Steigerung des ganzen Werkes, ohne
daß eine der drei Künste es nötig hätte, sich der anderen
unterzuordnen, ist heute völlig verloren gegangen. Diesem
Mißstand könnte abgeholfen werden durch Errichtung einer
Abteilung für monumentale Kunst, in der ein solches Ver-
ständnis zur Zusammenarbeit durch geeignete Lehrkräfte
aus dem Bereiche der drei Künste geweckt wird. Diese
Abteilung sollte nicht nur Malern und Bildhauern, sondern
auch den Architekten zur Ergänzung des allzu »polytech-
nischen« Unterrichts offen stehen.

In Dahlem bei Berlin auf dem Staatsbauten vorbe-
haltenen Gelände, zwischen den Untergrundbahnhöfen Pod-
bielski-Allee und Dahlem-Dorf, soll das Geheime Staats-
archiv einen Neubau erhalten. Der Entwurf hat vor kurzem
der Akademie des Bauwesens zur Begutachtung vorgelegen.
Sie erklärte ihn für wohlgelungen sowohl in der Grundriß-
Bildung als in der architektonischen Gestaltung. Doch setzte
die Akademie voraus, daß der Übergang über die vor dem
Neubau entlangführende Einschnittbahn in der Hauptachse
des Verwaltungsgebäudes breit und stattlich angelegt wird.
Der Gebäudeblock wird ein Verwaltungsgebäude, dahinter
ein Magazingebäude und ein Direktorwohnhaus enthalten.
Das Verwaltungsgebäude ist im klassizistischen Stil mit
hohem Dach geplant. Die Mitte des zweistöckigen Ge-
bäudes gliedern Säulen und Pilaster, zwei kleine Flügel
sind seitlich vorgezogen. Im ersten Stock des Gebäudes
wird im Mittelbau der 28 m lange Benutzersaal unterge-
bracht, außerdem die Bücherei und die Räume für die
Archivaren, auch ein kleiner Hörsaal. Verbindungsgänge
führen zu dem breitgezogenen Speichergebäude hinter dem
Hauptbau.

Inhalt: Eine bisher unbekannte »Anbetung der Könige« von Lucas Cranach d. Ä. Von Carl Romminger. — Richard Brend'amour t; Thomas
(Ludwig) Herbst t. — Personalien. — Ausschreiben zur Erlangung von Künstlerpostkarten durch das Zentralkomitee der Deutschen Vereine vom
Roten Kreuz; Preisverteilung der Bugra. — Ausstellung im Raffael-Teppichsaal des Berliner Kaiser-Friedrich-Museums; Jahrhundertausstellung
westdeutscher Kunst in Düsseldorf; Winterausstellung des Kölner Kunstvereins; Ausstellung von Zeichnungen van Goghs im Städtischen
Museum in Amsterdam. — Kunstwissenschaftliche Oesellschaft, München. — Das Kunstleben in Frankfurt a. M.; Die Neugestaltung der
Berliner Kunsthochschule und die Baukunst; Neubau des Geheimen Staatsarchivs in Dahlem.

Verantwortliche Redaktion: Gustav Kirstein. Verlag von E.A.Seemann in Leipzig, Hospitalstraße IIa
Druck von Ernst Hedrich Nachf., o. m. b. h., Leipzig
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