Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 26.1915

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KUNSTCHRONIK

Neue Folge. XXVI. Jahrgang

1914/1915

Nr. 20. 12. Februar 1915

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HUGO VOGEL

ZUM SECHZIGSTEN GEBURTSTAG.

Hugo Vogel, der am 15. Februar seinen sech-
zigsten Geburtstag feiert, begründete seinen Ruf mit
Malereien, in denen er schilderte, wie Luther auf der
Wartburg predigt, wie der große Kurfürst die flüch-
tigen französischen Protestanten empfängt. Das war
zu Beginn der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts.

Vogels Historienmalerei war aus der Düsseldorfer
Schule hervorgegangen. Was an ihr damals gefiel und
noch heute Anerkennung verdient, ist die Empfindung
für die Luft- und Lichtwerte im Bilde. Über die bunte
Kostüm- und Requisitenmalerei und über die Rück-
griffskünste sich altmeisterlich gebender Koloristen,
die in den achtziger Jahren noch den Ton bei der
Schilderung offizieller Haupt- und Staatsaktionen an-
gaben, war er hinaus. Die auf ruhiger Sachlichkeit
und ernster Innigkeit aufgebaute Kunstweise seines
Meisters Gebhardt hatte ihn gelehrt, daß Historie,
die dem Volk ans Herz greifen will, Charakter und
Innerlichkeit enthalten müsse.

Mittlerweile war das Licht pleinairistischer und im-
pressionistischer Malerei aufgegangen und die neu-
artigen Veränderungen in der Auffassung malerischer
Aufgaben zwangen alle, die jung waren oder sich jung
fühlten, zu einer Korrektur ihrer malerischen Arbeit.
Auch Hugo Vogel folgte dem Zuge der Zeit und
pilgerte wie viele andere nach Paris, dem Brennpunkte
aller künstlerischen Neuerungen, um an der Quelle
die neue Offenbarung zu schauen. Er empfing nicht
nur koloristische und technische Förderung, er merkte
auch, daß französische Künstler, die durchaus auf dem
Boden der neuen Kunstrichtung standen, in Schil-
derungen aus der Legende, aus der Geschichte und selbst
aus dem Leben der Gegenwart Bilder monumentalen
Stils geschaffen hatten. Er befestigte die Studien neuer
Kunst durch wiederholte Aufenthalte in Paris und
machte Ausflüge nach dem gelobten Lande malerischer
Landschaft, nach den Niederlanden. Der Umgang mit
Gari Melchers, mit Hitchkok und anderen läßt die
Richtung seiner belgischen und holländischen Studien
erraten: er malte Genrebilder, das Innere von Kirchen
— wie die Totenmesse in Ste. Gudule, und wirkungs-
volle Porträts. Seit den neunziger Jahren war er in
Berlin als Porträtist der »Gesellschaft« aufgetreten.
Bildnisse wie die seiner Frau oder der Frau Arnhold
oder des Hamburger Bürgermeisters Dr. Versmann
werden nicht vergessen werden.

Aber die Erfolge seiner Bildnismalerei, die einen
immer breiteren Raum in seiner rastlosen Tätigkeit ein-
nahmen, brachten ihn nicht von der Historie ab. Wie
wenig Meinung auch für sie war, weil sie in dem

beschleunigten Wechsel künstlerischer Ideale zurück-
zubleiben schien, er blieb ihr, die ihm die ersten Er-
folge gewährt hatte, treu — und wo es galt, die Wand
zum Künder glorreicher Vergangenheit oder rühm-
licher Gegenwart zu machen, da war Hugo Vogel
zur Stelle, und nahm es auf, mit den Besten um den
Preis zu ringen.

Wie die Industrie unter dem Schutze der Krone
gedeiht — das schilderte er mit frischem Tempera-
ment im alten Berliner Rathaus, und zeigte die Figuren
in einer im Tone feinen Landschaft. In der freien
Komposition und hellen Farbigkeit ist dies Wandbild
eines der gefälligsten, die er geschaffen hat. Es folgen
die großen Wandbilder für das Ständehaus in Merse-
burg zur Verherrlichung der sächsischen Kaiserzeit.
Sorgfältig bereitete er sich vor, vergaß auch nicht, die
alten Italiener wiederzusehen und zu studieren. Er
wollte sich losmachen von der Konvention historischer
Aufzüge und von den Gewohnheiten der Staffelmalerei,
ihm schwebte der Stil einer ungesuchten Größe vor,
der bei den Alten selbstverständlich ist, weil ihre innere
Überzeugung und große Empfindung sich mit der
Darstellung deckte. Wie viele moderne Historienmaler
haben sich mit der Rolle des teilnahmlosen Chronisten
begnügt und vermochten nicht durch die nach künst-
lerischem Bedürfnis getroffene Auswahl mit wenigem
bedeutungsvoll zu charakterisieren!

Die Geschichte der Hamburger Rathausbilder, von
den wiederholten Wettbewerben bis zur Vollendung
des großen Werkes durch Hugo Vogel, öffnet weite
Blicke in das Dilemma moderner Historienmalerei.
Die gar nicht auf Geistigkeit und tieferen Inhalt ge-
richtete Malerei der letzten Jahrzehnte wollte, weil
sie reiner Formkultur dient, so wenig von Aufgaben
inhaltlicher Monumentalmalerei wissen, daß die
Jüngeren — ganz wenige ausgenommen — gar nicht
auf dem Kampfplatz erschienen. Die Vereinigung für
die historische Kunst, die einst zur Förderung bedeut-
samer Historienmalerei gegründet worden war, ist nie in
größere Verlegenheit geraten, als in dieser Zeit des
international nivellierenden Impressionismus. Bei vielen
stand die Ansicht fest, daß unsere Zeit der historischen
Sendung nicht bedürfe. Bei dieser allgemeinen Ab-
neigung und bei der Geringwertigkeit vieler monu-
mental gewollter Malereien, die Staat und Gemeinde
mehr aus überkommenem Anstandsgefühl als aus
innerer Überzeugung hervorgerufen hatten, gehörte
einiger Mut dazu, eine so gewaltige Arbeit, wie es
der Hamburger Auftrag gewesen ist, zu übernehmen.
Wo so viele, auf die man alle Hoffnung gesetzt
hatte, schon gestrauchelt waren, schien die Aussicht
auf ein glückliches Gelingen doppelt zweifelhaft.

Man weiß um den Preis welcher Mühen und um
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