Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 26.1915

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KUNSTCHRONIK

Neue Folge. XXVI. Jahrgang 1914/1915 Nr. 23. 5. März 1915

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AUS DEN MÜNCHENER MUSEEN
I.

Nachdem nun Friedrich Dörnhöffer sein neues
Amt als Generaldirektor der bayrischen Staatsgalerien
angetreten hat, ist es wohl am Platz, rückblickend die
Tätigkeit Toni Stadlers zu würdigen, der die letzten
Jahre, von Heinz Braune unterstützt, die Geschicke
der bayrischen Gemäldegalerien gelenkt hat. Stadler
hat das von ihm erst nach längeren Bedenken über-
nommene Ehrenamt nur kurze Zeit verwaltet: unge-
fähr anderthalb Jahre. Aber er hat in dieser Zeit
unverhältnismäßig viel erreicht, Dinge durchgesetzt,
deren große Bedeutung anscheinend in weiteren Kreisen
noch nicht genügend gewürdigt ist. Darum sei ge-
rade hier betont, daß vieles von dem, was Stadler
durchgesetzt hat, nicht allein nur ein Maler durch-
bringen, sondern nur ein Mann von der außerordent-
lichen Wertschätzung, die Stadler in Kollegenkreisen
genießt, erreichen konnte. Freilich, es hat auch für
Stadler harte Kämpfe gegeben, die der Gesundheit
des Künstlers alles andere als förderlich waren, um so
mehr ist die außerordentliche Objektivität Stadlers zu
rühmen, der das Interesse des Staates, der Wissen-
schaft, der Allgemeinheit mutig gegen Sonderinteressen
verteidigt hat, die von Leuten verfochten werden, die
ganz sicher Stadlers Herzen sehr nahe stehen. Man
hat mit Recht im Lauf der letzten Jahre immer mehr
davon abgesehen, Maler zu Museumsdirektoren zu
machen. Hier aber muß man sagen, daß es seiner-
zeit ein außerordentlich kluger Schritt des bayrischen
Kultusministeriums war, in einer kritischen Zeit einen
Maler mit an die Spitze der Galerieleitung zu be-
rufen. Denn das ist heute klar: einem Kunsthistoriker
wäre es in München, wo die Künstlerschaft eine wenn
auch nicht mehr unumschränkte, so doch noch immer
höchst beträchtliche Macht besitzt, nie möglich ge-
wesen, das staatliche Kunstausstellungsgebäude am
Königsplatz, das die »Sezession« schon so gut wie
ihr Eigentum betrachtete, für Museumszwecke freizu-
machen. Er wäre darüber ebenso zu Fall gekommen
wie über einen so großen Liebermannankauf, der jedoch
dem Maler Stadler ohne Schwierigkeit gelungen ist.
In seinen Ankäufen für die Neue Pinakothek hat
Stadler eine sehr glückliche Hand bewiesen, sein be-
währter Geschmack hat ihn da nicht verlassen. Es
war gewiß nicht leicht, dem klassischen Frühwerk
Liebermanns, der »Frau mit den Ziegen«, nur halbwegs
gleichwertige, ergänzende Stücke beizugesellen. Die
blumigen »kleinen Metzgerein« aber bedeuten ebenso
wie das spätere Reiterbild und die holländische Landschaft
von 1912 eine höchst glücklich gewählte Ergänzung.

Mit gleichem Geschick hat Stadler die Abteilung

des Leibikreises weiter ausgebaut: neben der Leibi-
schen »Frau Gedon« erwarb er die vorzügliche »Berg-
landschaft« und ein spätes »Stilleben« von Schuch und
das frühe »Porträt des Bildhauers Thiele« von W.
Trübner. Auch der »flöteblasende Faun« von Böcklin
und das »Fröhlicher-Porträt« HansThomas waren glück-
liche Erwerbungen. Daß Stadler ein besonderes Gewicht
auf den weiteren Ausbau der kleinen deutsch-öster-
reichischen Abteilung legte, ist aus verschiedenen
Gründen verständlich. Die »Kalkbrennerei« von Wald-
müller (1845) ist zweifelsohne ein höchst instruktives
Galeriebild, jedoch ist hier die Vereinigung von Figuren
und Landschaft nicht so, daß damit die Galerieleitung
der Erwerbung einer weiteren, wirklich bedeutenden
»Komposition« von Waldmüller enthoben wäre. Eine
Lieblingsidee Stadlers war die Errichtung einer größeren
modernen Skizzensammlung. Er hat den Grund dazu
gelegt mit einigen reizvollen Arbeiten von Ditscheiner,
A. Schrödl, F. A. v. Kaulbach und Eduard und Paul
Meyerheim.

Für die Alte Pinakothek erwarb Stadler das viel
besprochene Familienporträt des Baldassare Estense. Es
ist allen erhobenen Bedenken zum Trotz eine recht
erfreuliche und bedeutsame Bereicherung der Pina-
kothek, die ja an frühen Italienern durchaus nicht
reich ist, und jede weitere — durchaus notwendige
— Ergänzung dieser Abteilung wird, wie die Dinge
einmal liegen, auch in Zukunft teuer erkauft werden
müssen.

* *
*

Ob und welche Pläne der neue Generaldirektor
bezüglich der Aufstellung bezw. Umgruppierung der
Gemälde in der Alten Pinakothek hat, ist noch un-
bekannt. Es steht aber zu erwarten, daß er auf dem
bisherigen Weg weiterfahren wird. Tschudi hatte ja
seine Neuordnung keineswegs als ein ganz abgeschlos-
senes Definitivum betrachtet, er gedachte vor allem in
den Kabinetten noch zu feilen, gerade hier noch
manches zu verbessern. Braune ist ganz auf Tschudis
Bahn weitergegangen, mit besonderem Erfolg im
Venezianer- und im Van Dyck-Saal sowie in dem Vene-
zianischen, dem Breughel- und Cranach-Kabinett. Frei-
lich haben bei der Schaffung des Cranach-Kabinetts die
Schwaben etwas weichen müssen, doch darf man wohl
hoffen, daß, wie eigentlich geplant, ein ganz neues
Schwäbisches-Kabinett eingerichtet werden wird. Dabei
sei auch der Wunsch ausgesprochen, es möge doch
von den Altdeutschen zu den Holländer-Kabinetten
irgend ein Übergang geschaffen werden. Jetzt, wo
man von Altdorfer und Mielich zu Goyen kommt, ist
der Ruck zu heftig. Es dürfte sich jedenfalls emp-
fehlen, an die bisherige altdeutsche Abteilung die
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